Von Josef Oehrlein, La Plata
07. März 2008 Die erste Patientin wartet geduldig im Schatten, lange bevor die Praxis öffnet. Aus der Hütte wird ein Tisch herausgetragen. Darauf stellen junge Leute im Arztkittel Kästen mit Medikamentenschachteln und Reagenzgläsern, Kanister mit wunderlichen Mixturen, Behälter mit Spritzen und Nadeln. Nach ein paar Minuten ist alles bereit. Während die ersten Medikamente verabreicht werden, stürmt eine Mutter mit ihrem Jungen in den Hinterhof, der als Wartesaal dient. Die anderen Patienten harren auf der Straße aus. Für Doctora Dolores Oliva und ihre Assistenten ist die Ordination unter freiem Himmel an diesem brütend heißen Nachmittag im argentinischen Sommer eine Routineübung. Seit fünf Jahren praktiziert sie in den Armenvierteln von La Plata, der Hauptstadt der Provinz Buenos Aires.
Dolores Oliva kennt fast alle ihre Patienten. Es sind die Pferde der Papier-, Karton- und Müllsammler, die jeden Abend mit ihren Karren aus den Quartieren am Stadtrand ins Zentrum von La Plata fahren. An diesem Nachmittag werden auch Hunde behandelt. Deshalb bellt es unaufhörlich in dem provisorischen Ambulatorium, dem Haus von Marina und ihrer Müllsammlerfamilie in der Armensiedlung Villa Alba. Die Pferde lassen stoisch alles über sich ergehen. Ich weiß nie, wie viele Patienten kommen, sagt Dolores Oliva. Dieses Mal sind es zwei Dutzend Pferde und ebenso viele Hunde. Die Tochter Marinas, inzwischen schon eine Art Praktikantin, zieht unaufhörlich Spritzen auf. Ohne Nadel dienen sie dazu, den Pferden und Hunden flüssige Medikamente in den Rachen zu applizieren.
Die Behandlung der Müllsammlerpferde ist Olivas Leidenschaft
Im scheinbaren Chaos des Pferdeambulatoriums hat alles hat seine Ordnung. Dolores Oliva, die ihre Freiluftpraxis Conalma, por los Caballos nennt (Mit Seele für die Pferde) führt über jedes behandelte Pferd Buch. Die häufigsten Krankheitssymptome, mit denen die Pferde zu ihr gebracht werden, sind Verletzungen jeder Art durch Stöße, Schläge oder falsches Anschirren, Unterernährung, Atmungsbeschwerden und Koliken, weil die Tiere Plastiktüten oder anderen Unrat verschluckt haben.
Solche schweren Fälle können nur in der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität La Plata behandelt werden. Dort gibt es einen Operationssaal, der speziell für Pferde eingerichtet ist. An der bedeutendsten wissenschaftlichen Einrichtung für Tiermedizin in Argentinien hat Dolores Oliva einen Lehrstuhl. Das ist ihr Hauptberuf. Die Behandlung der Müllsammlerpferde ist ihre Leidenschaft. Geräte und Präparate finanziert sie durch Spenden. Pharmafirmen überlassen ihr Medikamente.
Ihr Vater betreibt ein Labor für humanmedizinische Analysen, in dem auch Pferdeblut untersucht werden kann. Ihre Freiluftpraxis betreibt Dolores Oliva an verschiedenen Stellen in den Armenvierteln am Stadtrand von La Plata. Das Haus Marinas ist strategisch günstig gelegen. Aber die Doctora muss auch auf Rivalitäten unter den Müllsammlern achten. Sie will möglichst viele der etwa 800 Pferde betreuen, die in dem Sprengel gehalten werden. Inzwischen hat sie ein Netz von starken Familien aufgebaut, die der Doctora auch mitteilen, wenn Pferde anderer Müllsammler krank sind.
Die Pferde sind für die Arbeiter eine Existenzgrundlage
Unter den Tierärzten von La Plata ist Dolores Oliva die einzige, die sich in die Armenviertel wagt. Sie hat das Zutrauen der Müllsammler gewonnen. Im Lauf ihrer Karriere hat sie Pferde aller Art behandelt. Die Betreuung hochgezüchteter Sportpferde interessiert sie nicht mehr. Hier, bei den Zugpferden, heißt es Tieren zu helfen, die zum Arbeiten benutzt werden und ihren Haltern eine Existenzgrundlage bieten. In La Plata ist, wie in der 60 Kilometer entfernt gelegenen argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, der Verkehr von Pferdefuhrwerken aller Art verboten. Trotzdem strömen Abend für Abend die Müllsammler zu Hunderten ins Zentrum, um aus dem Abfall Brauchbares herauszusuchen, abzutransportieren und weiterzuverwerten.
Die Polizei sieht weg. Ein radikal durchgesetztes Verbot würde uns alle arbeitslos machen, sagt Pedro, der seinem Pferd Chicho alle Gesundheitskontrollen angedeihen lässt. Die letzte Blutprobe war phantastisch, bescheinigt ihm Doctora Dolores. Pferde haben ihm und seiner Familie ein Einkommen verschafft. Acht Kinder hat der Müllsammler großgezogen. Den Tieren gehe es eigentlich gar nicht so schlecht, meint Pedro. Drei oder vier Stunden müssen sie am Tag arbeiten, in der übrigen Zeit können sie ausruhen. So ähnlich sieht es auch der Mann Marinas, der der Veterinärin seine propere Stute Negra vorführt. Die behandele er wie eine Tochter, sagt er stolz. Und sie verhält sich auch so. Routiniert verabreichen die Assistenten von Dolores Oliva ihren Patienten die Medikamente gegen Tetanus und Parasiten, die Tiere erhalten auch einen kräftigenden Vitaminmix.
Man müsste verbieten, dass Ponys die Karren ziehen müssen
Draußen auf der Straße stehen zwei Neuzugänge, berichtet eine der Helferinnen, eine Veterinärstudentin kurz vor dem Examensabschluss. Es sind zwei Ponys, die ein junger Mann, lässig eine Zigarette im Mundwinkel, mit einer Mischung aus Argwohn, Scheu und Neugier den Medizinerinnen vorführt. Die Assistentin nimmt die Daten der Tiere auf. Dolores Oliva fotografiert die Pferdchen und sieht ihnen ins Maul. Die einzige brauchbare Methode, das Alter der Tiere festzustellen, besteht darin, ihr Gebiss anzuschauen, sagt die Veterinärin und diktiert der Helferin sechzehn Jahre, während sie sich Santiago, das eine der beiden Ponys, näher betrachtet.
Das rechte Auge des Tiers ist zerstört. Die Augenhöhle ist mit einer gallertartigen Masse gefüllt. Wir verschließen das Auge, damit es sich nicht immer wieder entzündet, erläutert sie dem Halter der beiden Pferdchen. Das können wir aber nur in der Fakultät machen. Es kostet nichts. Außerdem ergibt die Anamnese, dass die Ponys unter Arthrose leiden. Sie mussten Karren ziehen, aber dafür sind Ponys ungeeignet, weil sie viel zu klein sind, sagt die Doctora. Das müsste man auf jeden Fall verbieten. Das Auge Santiagos sei sicher durch Stöße oder Schläge zu Schaden gekommen, stellt die Tierärztin später fest.
Der Gesundheitszustand der Tiere hat sich verbessert
Der junge Mann ist nicht der Besitzer, er hat die Ponys nur gemietet. Schon deshalb zählt die Tierärztin ihn zu jenen Haltern, denen die Pferde gleichgültig sind. Für ihn sind sie ein Werkzeug. Wenn es kaputtgeht, mietet man ein anderes. Der Gesundheitszustand der Pferde habe sich, seit sie zu den Müllsammlern fährt, merklich verbessert, stellt Dolores Oliva fest. Unter anderem hat sie den Müllsammlern gezeigt, wie sie die Pferde am schonendsten anschirren. Viele Familien bauen ihre Wagen selbst. Weil es billig ist, verwenden sie statt der Räder mit großem Durchmesser Autofelgen und -räder. Die Deichsel steht dann schräg. Das verlangt dem Pferd einen größeren Krafteinsatz ab.
Auf die erste Seite des Pferdegesundheitspasses hat Dolores einige Ratschläge für den verantwortungsvollen Umgang mit dem Pferd geschrieben, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sind. Die Halter sollen es mit Futter und Wasser versorgen, ihm Ruhezeiten gewähren, ihm das Geschirr abnehmen und es mit Hufeisen beschlagen, sie sollen es nicht strafen und es nicht unter Last galoppieren lassen. Die Zugpferde der Müllkutscher sind Dolores Oliva ans Herz gewachsen. Für sie haben sie eine einheitliche Physiognomie und einen ähnlichen Charakter. Sie sind eine eigene Rasse.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Adrián Pérez