Eurovision Song Contest

„Wir sind eine großartige Nation“

20. Mai 2005 

Wie wichtig ist der Eurovision Song Contest für die Ukraine?

Ruslana Lyschitschko mit Viktor Juschtschenko

Ruslana Lyschitschko mit Viktor Juschtschenko

Sehr wichtig. Es ist der größte Event seit der „orangenen Revolution“. Das ganze Land, die Regierung, die Künstler - alle haben sich lange darauf vorbereitet. Es sind so viele Menschen nach Kiew gekommen wie zur Revolution.

Wird es dem Land auf lange Sicht etwas nutzen?

Ich denke, daß wir damit zeigen können, was für eine großartige Nation wir sind.

Während der Revolution traten Sie in den Hungerstreik und sangen auf dem Platz der Unabhängigkeit. Wie wichtig war Ihr Auftreten damals?

Mein Erscheinen auf dem Platz war sehr wichtig. Ich bin damals verspätet eingetroffen, weil ich in meiner Heimatstadt Lemberg war. Am ersten Tag der Revolution waren alle Wege nach Kiew vollständig mit Steinen und Sandsäcken versperrt, und es gab Polizei, die uns gestoppt hat. Wir haben zwei Tage gebraucht, um in Kiew anzukommen. Als ich auf dem Platz erschienen bin, hatte ich das Gefühl, daß die Leute auf mich gewartet haben.

Sie sind sehr populär in der Ukraine. Haben Sie dazu beigetragen, dem Land zu einer neuen Identität zu verhelfen?

Wir hatten unsere Identität auch zu Zeiten des Kommunismus nie ganz verloren. Ich bin aus der Westukraine, wo wir unsere Kultur bewahrt haben. Ich bin getauft. Wir haben in meiner Familie immer Weihnachten nach dem katholischen Glauben gefeiert. Das wurde natürlich nicht gerne gesehen.

Sie beziehen sich in dem Lied „Wild Dances", mit dem Sie im vergangenen Jahr den Eurovision Song Contest gewonnen haben, auf die Kultur der Huzulen, die in den Karpaten leben. Die galten auch als Rebellen ...

Die Huzulen sind sehr freiheitsliebend. Bis in die sechziger Jahre hinein haben sie die Sowjetmacht nicht in die Berge kommen lassen. Ich trage einen Teil dieser Kultur in mir. Ich bin sehr frei in dem, was ich sage.

Reisen Sie selbst oft in die Karpaten, wo die Huzulen leben?

Ich habe fast alle meiner Videos dort gedreht, einmal auch mit echten Wölfen. Es passieren einem dort seltsame Dinge. Man sagt den alten Männern nach, daß sie mit den Augen Dinge bewegen können. Einmal sind wir in einen Ort auf einen Platz gekommen, und die Bewohner wollten nicht, daß wir dort drehen. Wir haben es trotzdem versucht, aber plötzlich hat die Technik nicht funktioniert, keine Kamera, kein Ton, nichts. Von da an habe ich an diese Mystik geglaubt.

Das Land orientiert sich seit der Revolution am Westen. Ist das auch in der Musik so?

Die Jugendlichen hören eher russische als englischsprachige Musik. Viele mögen die Musik aus Moskau. Leider. Es gibt zwar gute russische Lieder, aber die meisten gefallen mir nicht. Ich hoffe, daß mein Sieg das allmählich ändert. Wir machen deshalb Musikprojekte mit Teenagern. Zum Eurovision Song Contest haben wir zum Beispiel einen Hit in ukrainischer Sprache aufgenommen.

Hat die Ukraine damit zu kämpfen, daß viele junge Menschen ins Ausland gehen, um dort zu arbeiten?

Es werden immer weniger, jetzt ist das auch nicht mehr notwendig. Es gibt viele Perspektiven im Land.

Haben Sie Freunde, die im Ausland arbeiten?

Kommilitonen aus der Musikhochschule, an der ich Dirigieren studiert habe, spielen zum Beispiel in Orchestern in Berlin. Das waren die besten Geiger der Schule. Aber jetzt wollen sie in die Ukraine zurück, um hier zu arbeiten. Seit der Revolution kommen viele zurück.

Die Visa-Affäre hat gezeigt, daß es Ukrainer gibt, die nach Deutschland gehen, um illegale Geschäfte zu machen. Bekommen Sie davon etwas mit?

In der Ukraine spricht man nicht viel darüber. Das sind kriminelle Organisationen, und die haben nichts mit der Gesamtheit der Nation zu tun. Ich finde es sehr schade, daß man unser Land dadurch immer wieder mit Prostitution und Kriminalität in Verbindung bringt.

Sehen Sie sich im Ausland auch als Botschafterin, dieses Bild zu korrigieren?

Wenn ich in Deutschland bin, habe ich das Gefühl, daß man Angst hat, dieses Thema mit mir zu besprechen, damit man mich nicht beleidigt. Ich habe sehr viele Freunde in Deutschland, und ich liebe deutsche Komponisten. Noch in diesem Jahr werde ich ein Bach-Konzert dirigieren. Ich kann den Deutschen nur sagen: Kommt in die Ukraine! Wir haben viele Kurorte in den Karpaten und auf der Krim. Es gibt einzigartige Quellen und seine sehr gute Luft. Wer einmal hier war, wird nicht mehr diese falschen Assoziationen mit unserem Land haben.

Die Fragen stellte Anke Schipp.



Text: F.A.Z., 21.05.2005, Nr. 116 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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