Knut des Tages

Pfleger Dörflein vor Knut gerettet!

Von Marco Dettweiler

Gehen von nun an getrennte Wege: Knut und sein Pfleger Dörflein

Gehen von nun an getrennte Wege: Knut und sein Pfleger Dörflein

09. Juli 2007 Was muss das für ein Leben gewesen sein für Thomas Dörflein. Jeden Tag gafften Tausende Zoobesucher auf ihn und dieses Vieh mit dem verdreckten Fell. Und Knut will ein Eisbär sein! Der 43 Jahre alte Tierpfleger hätte wissen müssen, dass dieser vermeintliche Bär vermutlich nur getarnt ist. In Dörfleins Jugend sang die Band Grauzone nämlich: „Ich möchte ein Eisbär sein / im kalten Polar / dann müsste ich nicht mehr schrein / alles wär so klar.“ In Berlin war lange Zeit eine Bullenhitze, Knut täuschte vergeblich körperliche Probleme vor.

So farblos wie der Bandname war auch zusehends das Fell von Knut. Je gepflegter Dörflein auftrat - seine Haare waren gegelt und zu einem Zopf wohlgeordnet - desto schmuddeliger zeigte sich sein Ziehkind der Öffentlichkeit. Knut warf sich in jede Schlammpfütze. Warum sich die Zuschauer nicht angeekelt abgewendet haben und ins Gehege der sauber gewaschenen Nilpferde gewechselt sind, weiß niemand.

Die Rückseite des Braunbärenfelsens

Da Knut nicht nur unappetitlicher, sondern auch gefährlicher wurde, schickt der Zoo von nun an den kleinen Eisbären allein ins Gehege. Kein Dörflein, keine Knut-Show, kein Großgehege, kein Gewühl im Dreck. Das Spiel ist aus - nach 108 Tagen. Knut ist erwachsen geworden, wiegt 50 Kilogramm, hat ein Alter von sieben Monaten. Angeblich hat er „kräftig und ausdauernd“ wie ein Kleinkind geschrien, als sein Ersatzvater keine grüne Decke und keinen Fußball aus der Spielkiste hervorholte. Verzweifelt schleppte er sich durch sein nun kleineres Gehege auf der Rückseite des Braunbärenfelsens.

Dörflein kann jetzt auch schreien - vor Glück. Täglich konnte er seine blauen Flecken zählen, die ihm das weiß-graue Monster zugefügt hat, weil es mit seiner eigenen Muskelkraft nicht umgehen konnte. Eine Art Schutzanzug musste er tragen, um nicht wertvolle Gliedmaßen zu verlieren. Kann Dörflein nicht froh sein, dass dieser tägliche und unfaire Kampf vorbei ist? Ja, er kann sich nun endlich um Menschenkinder kümmern. Sollte er nicht selbst längst Vater eines Kindes sein, werden sich sicherlich Knutfans finden, für deren Kind der nette Tierpfleger aus Berlin der perfekte Pate wäre.

Der Schritt, Pfleger und Tier zu trennen, sei der Zooleitung nicht leicht gefallen. „Irgendwann musste es geschehen, und den perfekten Zeitpunkt dafür gibt es nicht“, sagte Tierarzt André Schüle. Deshalb hatte man wohl auch das Ende der Knut-Show nicht offiziell mitgeteilt. Am Sonntagnachmittag waren die Besucher darüber informiert worden, nun weiß es die ganze Welt. „Wir wollten keinen großen Wirbel machen“, kommentierte die Zooleitung die leise und weise Entscheidung.

Ein Herz für Tiere

Auch wir wollen keinen großen Wirbel machen und teilen unsere Entscheidung am Ende dieses „Knut des Tages“ mit. Wir machen weiter mit unserer Kolumne! Wir haben zwar auch zugenommen, beißen immer häufiger unsere Pfleger. Aber wir sind noch lange nicht erwachsen, unser Herz für Tiere schlägt immer schneller. Wir brauchen unseren „Knut des Tages“ und vielleicht brauchen auch Sie unsere Kolumne.

Außerdem verlangen die Tiere dieser Welt nach unserer Unterstützung. Der überfahrene Wolf, der Alligator im Einkaufswagen, die einsame Schildkröte, der arrogante Rehbock, der blinde Heini, die aufgeschreckten Hühner, die verlassenen Eichhörnchen, die prüden Hennen, die flüchtende Schildkröte, der liebende Pumuckl, der besoffene Dorsch, die japanischen Hunde, das verlorene Elefantenbaby, der tote Bruno und schließlich der gebissene Hund... Was wäre sonst aus ihnen geworden?

Siehe auch: Video: Knut allein zu Haus

Knut - es kann nicht nur einen geben! Auch andere Tiermütter haben knuddelige Babys. Ebenso verdient Menschliches abseits der großen Geschehnisse manchmal unsere Aufmerksamkeit. Nicht nur Ereignisse wie ein Besuch im Berliner Zoo können ans Herz gehen.

FAZ.NET ruft daher in loser Folge den „Knut des Tages“ aus - so lange, bis der kleine Eisbär erwachsen geworden ist. Dann - und nur dann - könnte er sogar selbst zum Knut des Tages werden.

Text: FAZ
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

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