Von Jan Berning
Im Jahr 1990 waren die Panini-Sammelbilder der Nationalmannschaftshelden noch eine frei konvertierbare Währung auf den Pausenhöfen dieses Landes: Für einen Lothar Matthäus bekam man einen mehrfarbigen Kugelschreiber, für einen Andy Brehme immerhin noch eine Tafel Schokolade. Oliver Kahn war damals nur auf den Bildchen des Karlsruher SC zu haben und wäre auch heute nicht einmal für Bayern-Fans einen Schluck Cola wert, wenn der Olli nicht damals schon beschlossen hätte, der Titan im Tor zu werden.
Wenn das ein humanistisches Gymnasium war, zu dem dieser Schulhof gehörte, dann hätte man an dieser Stelle allerdings schon hellhörig werden müssen. Wie man nämlich immerhin schon bei Hesiod nachlesen kann, wurde Uranus von Kronos entmannt, und dann wurde Kronos von Zeus besiegt, und dann entbrannte sozusagen das Endspiel zwischen den Titanen auf dem Gipfel des Othrys und den Göttern vom Olymp, ein zähes Unentschieden, bis Gaia, parteiisch wie alle Großmütter, den Göttern den Sieg zupfiff, indem sie ihnen riet, die Hundertarmigen vom äußersten Rand des Erdkreises zu Hilfe zu holen und mit Nektar und Ambrosia zu bestechen. Gegen Hundertarmige aber konnten nicht einmal Titanen bestehen, und siehe, sie wurden gefesselt und in den Tartaros gestoßen, wo sie nun festsitzen wie im Keller einer unteren Spielklasse und nicht mehr herauskommen, weil die Hundertarmigen das Tor bewachen. Das hätte Kahn mal werden wollen sollen.
So ist es wie immer bei klassischer Bildung. Uns bleiben die Panini-Bilder von gestürzten Titanen, der Götter, die nach ihnen kamen, und das Wissen um die Vergänglichkeit.
Kahn ist zeitgemäß: Wer kahn, der kahn
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ddp