Camilla Parker Bowles

Der Rottweiler wird gesellschaftsfähig

Von Franz Josef Görtz

Spätes Glück: Prinz Charles und Camilla Parker Bowles

Spätes Glück: Prinz Charles und Camilla Parker Bowles

14. Februar 2005 Im Frühsommer 2001 sei es gewesen, melden die höfischen Augenzeugen: Da habe Prinz Charles seine Lebensgefährtin Camilla Parker Bowles zum ersten Mal geküßt - auf die Wange zwar nur, also ziemlich flüchtig, dafür aber demonstrativ und in aller Öffentlichkeit.

Anderen Berichten zufolge hatte das denkwürdige Ereignis schon zwölf Monate zuvor stattgefunden. Es habe sich insgesamt sogar um eine ziemlich intime Verrichtung gehandelt, tuschelten die Beobachter, datierten sie aber übereinstimmend auf den lauwarmen Sommer 1994 zurück: "Auf einem Ball, den Charles und Camilla zusammen besuchten, trug sie Charles' Lieblingskleid: braun, kurz, mit tiefem Dekollete. Das machte den Thronfolger so an, daß er ihr auf der Tanzfläche vor 350 Gästen einen langen Zungenkuß gab, ihr die Hände in den Ausschnitt steckte und ihr an die Brust faßte."

Erste Begegnung war 1970

Damals ging Charles, der britische Thronfolger, langsam auf die Fünfzig zu. Mit Camilla war er schon fast ein Vierteljahrhundert mehr oder weniger eng befreundet: mal mehr, mal weniger. Jedenfalls hatte es in der Öffentlichkeit diesen Anschein. Zum ersten Mal waren Camilla Shand, die Tochter eines Weinhändlers aus Sussex, und Charles Philip Arthur George, Prince of Wales, sich 1970 am Rande eines Polospiels in Windsor begegnet.

Major Bruce Shand war keiner der Hoflieferanten, verkehrte auch nicht in den Adelskreisen spitzzüngiger Portweintrinker. Doch ein ordinärer Schnapshändler oder Bierverleger war er gewiß nicht. Obwohl es gern so dargestellt wurde, als stamme Camilla, angeblich eine Landpomeranze "mit dem Charme eines etwas ranzigen Sahneschnittchens", aus irgendeiner No-name-Familie, in die der besinnungslos verliebte Prinz Charles hineingetappt war wie in ein gutbürgerliches Fettnäpfchen.

Schlagfertige Amazone

Camillas Vater durfte sich Master of Foxhounds nennen, Vice Lord Lieutenant of East Sussex, durchaus ein Mann von Bildung und mit ansehnlichem Familienbesitz in Sussex. Er schickte die Tochter auf Mädchenpensionate in der Schweiz und in Frankreich, über deren strenge Erziehung, von kalten Duschen bis zu dauerhaft ungeheizten Klassenzimmern, sie gelegentlich mit bemerkenswert sarkastischem Unterton erzählte. Immerhin hat sie dort reiten gelernt - in einer Weise, die Charles sichtlich imponierte. Selbstbewußte Frauen gefielen ihm. Zweifellos war er davon beeindruckt, daß sie sich auf die Jagd und aufs Fischen verstand wie eine Amazone. Das machte vielleicht wett, daß Camilla weder besonders hübsch war noch auffallenden Esprit besaß. Dabei gab sie sich allemal kontaktbereit und wirkte im Gespräch oft verblüffend schlagfertig. Von ihrer konservativen Erziehung machte sie nur sehr zurückhaltend Gebrauch. Sie pfiff auf Etikette und Konventionen, legte wenig Wert auf Äußerlichkeiten und ging zu Partys, auf denen sie ausgelassen tanzen durfte, lieber als zu Bällen und Banketten.

Beim Polo fanden der verklemmte Charles und die offenherzige Camilla nachhaltig Gefallen aneinander. Erst mal jedoch tat sich lange Zeit gar nichts. Denn dem Thronfolger kam der obligate Militärdienst bei der Königlichen Marine dazwischen, seiner nachmaligen Geliebten eine vorübergehende Ehe mit dem Armee-Offizier Andrew Parker Bowles. Sie seien jedoch stets in lockerem Kontakt geblieben, hieß es vieldeutig aus verläßlich unterrichteten Kreisen: der Ehe zum Trotz, die Charles 1981 mit Lady Diana Spencer einging und der sich die Söhne William und Harry verdanken.

"So how about it"

Auch Camilla und Andrew hatten zwei Kinder miteinander, Tom und Laura. Und auch beim Ehepaar Bowles, wie bei den Royals, hat es offenbar früh zu kriseln, wenn nicht hörbar zu krachen begonnen. Anfangs zankte man sich in ehelichen Selbstbehauptungsritualen. Auch der schmucke Andrew war schließlich kein Kind von Traurigkeit. Dann stritt man heftiger und unerbittlich aus Prinzip, nicht selten vor den Kindern, nahm alsbald kaum mehr Notiz voneinander und ging sich planvoll aus dem Weg. Man schien wahrhaftig nicht füreinander bestimmt und hatte es womöglich früh gewußt, wenn nicht schon vom ersten Tag an geahnt, sich aber natürlich nicht eingestehen wollen.

Wie sprach doch Camilla, irgendwann nach dem Polo-Match in irgendeiner Londoner Bar, als man endlich ohne Ohrenzeugen miteinander plaudern konnte und sie dem Prinzen gutgelaunt davon Mitteilung machte, daß ihre Urgroßmutter Alice Keppel jahrelang die Mätresse seines Ururgroßvaters EdwardVII. gewesen war? "So how about it", was sich angemessen gutgelaunt mit "Also, wie wär's?" übersetzen ließe. Durchaus keine Frage. Sondern ein augenzwinkernd kategorischer Imperativ. Sagen wir vorsichtig: ein ironischer Hofknicks mit Pirouette, Einladung zum Faux-pas-de-deux. Dem Prinzen, der sicherlich kein Heißsporn war und zu allem einen Anstoß brauchte, wird das auf Anhieb gefallen haben. Eine erfahrene junge Frau, die ohne Umschweife zu erkennen gibt, daß sie weiß, was er will. Als Charles, sieben Jahre später, Diana Spencer begegnet, ist die spätere Lady Di eben 16 Jahre alt: liebreizend, aber ein Kind. Typ Jungfrau, würde man hinzufügen, wenn es nicht so despektierlich klänge. Dem Vernehmen nach hat Camilla beim Zustandekommen dieser Verbindung sogar mitgewirkt, dem unentschlossenen Charles jedenfalls, wie in der "Mail on Sunday" zu lesen stand, heftig zugeredet, der blutjungen Kindergärtnerin die Ehe anzutragen.

Das Eheversprechen war nur eine Formel

Natürlich wurde es, am 29. Juli 1981 in St. Paul's Cathedral, eine Traumhochzeit. Die Zeitungen in aller Welt waren voll davon, das Fernsehen berichtete live. Was Charles diese Liebe bedeutete, ließ er seine Herolde ausrufen. Dem scheuen und linkischen Thronfolger, mächtig stolz über die Rolle, die er an der Seite seiner attraktiven Ehefrau würde spielen dürfen, lag viel an einem wirkungsvollen öffentlichen Auftritt. Also bat er beizeiten darum, sein Eheversprechen in eine neue Formel kleiden zu dürfen. Und gelobte für alle hörbar, mit Prinzessin Diana seinen Besitz nicht bloß "teilen", sondern ihn ausdrücklich "ihr zueignen" zu wollen - was immer das für den gemeinsamen Lebensalltag heißen sollte.

Es war nicht mehr als eine Formel, wie sich zügig zeigte. Bei Hof wird in Floskeln gesprochen. Was man einander sonst noch förmlich mitzuteilen hat, läßt man Butler und Zofen ausplaudern. Oder Hofschranzen, die den Weg zu den Gazetten kennen, in denen die Bulletins dann die Gestalt von Ondits annehmen müssen, damit sie glaubwürdig klingen. Diesen Weg gehen die Weltereignisse in Buckigham Palace mindestens seit der Abdankung König EdwardsVIII. im Dezember 1936. Da war eine geschiedene Amerikanerin die Ursache allen Übels. Bei Prinzessin Margaret, zwanzig Jahre später, war es ein geschiedener Fliegeroffizier, bei Prinz Andrews Gattin Sarah Ferguson ("Fergie") ein ordinärer Finanzberater. Das war 1992. ElizabethII. war vierzig Jahre Königin und bezeichnete jenes Jahr gleichwohl dezent indigniert als "besonders schrecklich": des Ärgers wegen, den die Kinder ihr machten - Charles und Diana allen voran.

"There were three of us in this marriage, so it was a bit crowded"

Schon 1985, ein Jahr nach der Geburt von Prinz Harry, hatten erste Gerüchte von anhaltendem Gezänk in der Ehe von Charles und Diana die Runde gemacht. Die Zeitungen berichteten regelmäßig, irgendwann erschienen dazu auch Fotos, und der Skandal bekam einen Namen: Camilla Parker Bowles. Längst war die ausländische Presse aufmerksam geworden. Denn einer der Butler hatte verraten, wie Diana, außer sich vor Eifersucht und Zorn, ihre Nebenbuhlerin zu nennen pflegte: "Rottweiler" zischte sie nur, das war in ihren Augen Schimpf genug. Darüber hinaus hätte sie Camilla gern mit Verachtung gestraft. Da war aber, was Charles und Lady Di mehr voneinander trennte als miteinander verband, lange schon eine Ehe zu dritt, wie Diana vor einer Fernsehkamera zum besten gab: "There were three of us in this marriage, so it was a bit crowded."

Kein Zweifel, aus Dianas Perspektive, daß der "Rottweiler" die alleinige Schuld an der zerrütteten Ehe trug: ein Dorfköter, der sich blindwütig ins allerliebste Schoßhündchen des Thronfolgers verbissen hat. So kolportiert es seit 1992 jedenfalls die öffentliche Meinung, die an Camilla über viele Jahre kein gutes Haar gelassen hat. Nicht nur in Großbritannien übrigens. Noch am vergangenen Freitag dekoriert die "Bild-Zeitung" ihre Meldung über die Hochzeitspläne von Charles und Camilla mit der Schlagzeile: "Was hat die, was Di nicht hatte?" Die Frage ist nicht einmal einfältig, wenn auch an die falsche Adresse gerichtet. Nur die Antworten sind es zuweilen.

Mit der Zeit kam der Respekt

Camilla erscheint selbst in den britischen Medien inzwischen in einem günstigeren Licht. Man nennt sie respektvoll dezent und diskret, rühmt die uneitle Verläßlichkeit, mit der sie ihrem Freund Charles, der schon vor dreißig Jahren zu ihr gepaßt hätte wie sie zu ihm, ohne Einschränkung die Treue hält - allen Demütigungen zuwider, die sie verbindlich schweigend ausgestanden hat wie eine auferlegte Buße.

Auch die zweite Frage ("Wird Charles jetzt schneller König?") ist töricht. Mag sein, daß er - selbst geschieden, mit einer geschiedenen Ehefrau - sogar dürfte. Aber sollte er wirklich? Mit Camilla zusammen, auch wenn sie, wie das Büro des Prinzen sogleich wissen ließ, nie Königin würde, falls Charles irgendwann den Thron besteigt? Oder nicht doch lieber, nach angemessener Bedenk- und Reifezeit, einer seiner Söhne?

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.02.2005, Nr. 6 / Seite 55
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche