Papst in Polen

„Benedetko!“

Von Konrad Schuller, Warschau

26. Mai 2006 Die Blechmusik hatte es nicht leicht, als Benedikt XVI. aus seinem Flugzeug stieg. Die Trommler mochten noch so wirbeln bei den Hymnen und Tuschen des großen Staatsprotokolls - von hinten, wo jenseits der Absperrungen die kleinen Leute winkten, wehten immer wieder andere Töne herüber: die weicheren Kadenzen des legendären Kirchenliedes „Barka,“ das wegen der Vorliebe des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. für seine Melodie und seinen Text in Polen zu einer Art inoffizieller Papsthymne geworden ist.

Die Verse vom Schiffer mit dem „reinen Herzen“, der aufs Meer hinausfährt, um mit Gottes Wahrheit Seelen zu fischen, haben nicht nur die martialische Militärkapelle übertönt. Auch jenseits des Flughafens war ihre läuternde Wirkung zu spüren. Quer durch alle Schichten schienen die Lebensäußerungen der Nation plötzlich eigentümlich geläutert.

Schnapsläden geschlossen, Pornos verbannt

Präsident Lech Kaczynski von der nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ ließ sich in seiner Begrüßungsansprache zu der verblüffenden Versicherung hinreißen, er werde seine Amtsführung künftig stets an den Werten der „Toleranz“ sowie der „Offenheit“ ausrichten, die Stoffhändler an den Ecken ersetzten die Frotteehandtücher mit weiblichen Oberkörpermotiven in ihren Aushängen durch solche mit Rehlein im Walde, und auf den Ständen mit den raubkopierten Filmen waren die Pornos, sonst eine Stütze des Umsatzes, in die hinterste Ecke verbannt.

Die Schnapsläden, die Namen wie „Die Welt der Alkohole“ tragen, waren geschlossen. Selbst die heidnischen Götterstatuen im Sächsischen Garten, wo an diesem Freitag der Papst eine Messe unter freiem Himmel hält, blieben nicht verschont: in Erwartung großen Gedränges hatte das Gartenamt die empfindlichen Skulpturen mit Gittern umgeben. Da standen sie nun, eingesperrt in ihren Käfigen, ein Jupiter mit einem übellaunigen Adler zu Füßen, sowie eine kaum bekleidete Venus, und spürten die Macht des Glaubens.

Jeder Meter von Gläubigen gesäumt

Benedikt XVI. hat in dieser Atmosphäre der Bekehrungsbereitschaft an seinem ersten Tag in Warschau wahre Triumphzüge erlebt. Schon als um 10.23 Uhr die Radarstationen meldeten, das päpstliche Flugzeug befinde sich im polnischen Luftraum, gab das Fernsehen für detaillierte Beschreibungen des Flugzeugs, dem man nun zuwinken könne: Weiß mit grünem Streifen und der Aufschrift „Alitalia“.

Später, auf dem Weg vom Flughafen zur Innenstadt, gab es keinen Meter, der nicht von Gläubigen, Gemeindechören und rucksackbepackten Pfadfindern gesäumt gewesen wäre, allesamt ausgerüstet mit wahlweise gelbweißen (Päpstlichen) oder rotweißen (polnischen) Fähnchen mit Bildnissen Benedikts XVI. oder seines in polnischen Vorgängers Johannes Pauls II.

Karol Wojtyla ist allgegenwärtig

Die Erinnerung an Karol Wojtyla, den Papst, unter dessen Führung Polen den Kommunismus überwand, ist allgegenwärtig auf dieser Reise. Schon die Stationen der Fahrt, Krakau, Wojtylas Bischofsresidenz, Wadowice, seine Geburtsstadt, und Tschenstochau, die Stadt der von ihm so tief verehrten Jungfrau Maria, drücken aus, wie ernst es dem Deutschen Papst Josef Ratzinger mit Nachfolge ist.

Auch der Besuch im Konzentrationslager Auschwitz am Sonntag folgt dieser Linie, hatte doch auch Johannes Paul II. bei seiner ersten Polenfahrt als Papst an den Gaskammern des Holocaust gebetet. Zu Ehren Karol Wojtylas hat Benedikt XVI. am Donnerstag in seine hauptsächlich auf Italienisch gehaltenen Grußworte auch immer wieder Passagen auf Polnisch eingeflochten.

„Viva Papa!“

In Warschau ist diese bewußte Nachfolge mit dankbarer Erleichterung aufgenommen worden. Daß der neue Papst ein Freund des alten war, ist den Polen von Anfang an wichtiger gewesen, als daß er zu dem immernoch mit leisem Schauder beobachteten Nachbarvolk im Westen gehört. Präsident Kaczynski hat es zum Empfang in die Worte gefaßt, die Nation warte auf die Worte des heiligen Vaters genau so, wie sie auf die Worte Johannes Pauls II. gewartet habe.

Später, am Straßenrand faßte es eine Nonne, welche die Arme hochgeworfen hatte, als das Papamobil mit dem hydraulischen Thron in der Glaskuppel an ihr vorbeifuhr, noch etwas kürzer: „Viva Papa!“ rief sie, und dann, in einer spontanen Wortschöpfung aus päpstlichem Italienisch und jenem heimeligen Diminutiv, mit denen die Polen alles verkleinern, was ihrem Herzen nahe ist: „Benedetko!“ - „Benedettolein!“ : der Heilige Vater in seiner Kuppel grüßte gemessen herüber.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

Freudige Erwartung Das Komitee zur Begrüßung steht Ehrfurchtvolle Begrüßung durch Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz Das Papamobil passiert das Mahnmal für die während des Zweiten Weltkriegs nac... Aus dem Häuschen In der Sankt-Johannes-Kathedrale in Warschau Bischöfe in der Sankt-Johannes-Kathedrale Jede Menge Sicherheit für den hohen Gast Auf dem Pilsudski-Platz soll der Papst am Freitag eine Messe feiern Ankunft am Flughafen bei Warschau Der Papst hält eine Begrüßungsrede Unterwegs im Papamobil Am Zamkowy-Platz Die Past-Beobachter sind bestens ausgerüstet Von Fotografen umringt Übertragung auf die Großleinwand Die Polizei nimmt es mit den Kontrollen ganz genau Bei Krakau werden letzte Vorbereitungen getroffen