Ray Manzarek

„Wir waren Kiffer und hatten viel Spaß“

Will noch nicht aufhören: Ray Manzarek von den Doors

Will noch nicht aufhören: Ray Manzarek von den Doors

21. April 2007 Das "Sanderson" in London ist eines dieser hippen Luxushotels, wie sie von Models, Designern und Start-up-Unternehmern bevorzugt werden. Einen Alt-Hippie wie Ray Manzarek würde man an diesem Ort eher nicht vermuten. Aber was heißt hier Alt-Hippie: Der ehemalige "Doors"-Organist sieht aus wie der perfekte Gentleman, und er benimmt sich auch so: bietet Tee an, steht zur Begrüßung auf und ist die Freundlichkeit in Person. Sogar die ständige Fragerei nach Jim Morrison erträgt er mit Fassung . . .

In Ihrer Autobiographie schreiben Sie, dass Sie schon öfter von Jim Morrison geträumt hätten: Er sei plötzlich wieder da, und alles ist wie früher. Haben Sie diesen Traum immer noch?

Zusammen auf Tour: Robby Krieger und Ray Manzarek

Zusammen auf Tour: Robby Krieger und Ray Manzarek

Ja, aber nicht sehr oft. Zum letzten Mal vor vielleicht einem Jahr: Meine alten Band-Kollegen John Densmore, Robbie Krieger und ich sitzen in unserem alten Aufnahmestudio in Los Angeles, da geht plötzlich die Tür auf, und Jim kommt reingeschlendert. Wir sagen alle: "Hey Jim, da bist du ja wieder! Wo hast du gesteckt? Hast du uns ein paar neue Songs mitgebracht?" Und er antwortet: "Klar! Wollt ihr sie mal hören?" In dem Moment bin ich aufgewacht. Von den neuen Jim-Morrison-Songs habe ich also leider nichts mitbekommen.

Was glauben Sie: Wie wäre es wohl mit den "Doors" weitergegangen, wenn Jim Morrison nicht gestorben wäre?

Ich kann mir schon gut vorstellen, dass wir dann immer noch Musik zusammen machen würden. Wahrscheinlich so in der Stilrichtung von "American Prayer" . . .

. . . einem Album mit Gedichten von Jim Morrison, das Sie sieben Jahre nach seinem Tod mit Robbie Krieger und John Densmore aufgenommen haben . . .

Genau, also insgesamt eine Art Jazzrock - natürlich auf einer höheren Ebene. Und Jim würde immer noch die Songtexte schreiben.

In Ihrem eigenen Buch über die "Doors" steht aber, Jim Morrison habe kurz vor seinem Tod geahnt, dass "L.A. Woman" das letzte "Doors"-Album sein werde.

Die Doors: John Densmore, Robbie Krieger, Ray Manzarek und Jim Morrison

Die Doors: John Densmore, Robbie Krieger, Ray Manzarek und Jim Morrison

Tatsächlich? Na ja, es kann natürlich sein, dass Jim Todesahnungen hatte. Ich bin jedoch sicher, dass er die "Doors" nicht verlassen wollte. Mit "L.A. Woman" hatten wir unseren Plattenvertrag bei Elektra Records erfüllt - das heißt, wir waren frei und konnten von nun an tun, was wir wollten. Vor allem war Jim nicht mehr dazu gezwungen, den Rockstar zu spielen. Also ging er nach Paris, wo er erst mal seine Ruhe haben und einfach nur Gedichte schreiben wollte - ein bisschen in der Tradition von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald oder Henry Miller. Aber keiner von uns glaubte, dass das Kapitel "Doors" damit beendet sein würde - geschweige denn, dass irgendjemand mit Jims Tod gerechnet hatte.

Für Sie ist das Kapitel "Doors" ja ohnehin nicht beendet - vierzig Jahre nach Erscheinen des ersten Albums und mehr als 35 Jahre nach Jim Morrisons Tod gehen Sie jetzt gemeinsam mit dem "Doors"-Gitarristen Robbie Krieger auf Konzerttournee. Wäre es denn nicht an der Zeit, mit der Sache abzuschließen?

Mir ist schon klar, dass einige Leute sagen: "Was fällt diesen alten Männern bloß ein, dass sie immer noch ihre Musik spielen? Die brauchen wohl Geld!" Dabei ist die Sache doch ganz einfach: Musiker spielen halt gern Musik. Typen wie ich werden nervös, wenn sie nicht auftreten. Und wenn ich denn schon die Möglichkeit habe, mit Robbie Krieger, der ja immerhin "Light my Fire" geschrieben hat, genau diesen Song vor Publikum zu spielen - warum sollte ich es dann nicht tun? Ich finde es ja auch klasse, dass eine Band wie die "Rolling Stones" immer noch auf Tournee geht. Das zeigt doch nur, dass der Rock 'n' Roll keine Altersgrenzen kennt.

Aber lässt sich denn die Legende der "Doors" ohne Jim Morrison überhaupt am Leben erhalten?

Wen juckt denn die Legende? Ich behaupte ja gar nicht, dass ich irgendwelche Legenden am Leben erhalte. Ich spiele "Light my Fire", und zwar zusammen mit Robbie Krieger. Wer uns dabei zusehen will, der ist herzlich eingeladen. Wer dagegen meint, dass wir damit an der Legende der "Doors" kratzen - bitte schön. Ich bin jedenfalls anderer Auffassung.

Den Gesang übernimmt Brett Scallions, der ehemalige Sänger der Rockband "Fuel". Was qualifiziert ihn für den Posten des Jim-Morrison-Nachfolgers?

Brett soll kein Morrison-Nachfolger in dem Sinne sein, dass er ihm irgendwie ähnelt - dazu ist er überhaupt nicht der Typ. Aber er hat eine großartige, voluminöse Stimme und eine unglaubliche Präsenz. Er schleicht über die Bühne wie eine Katze und sieht dabei auch noch verdammt gut aus. Ich bin sicher, dass wir mit ihm viele neue "Doors"-Fans gewinnen können.

Gerade das jüngere Publikum hat die "Doors" ja Anfang der neunziger Jahre durch den Spielfilm von Oliver Stone kennenlernen dürfen. Sind Sie mit Stones Werk über Ihre Band zufrieden?

Überhaupt nicht, der Film ist eine Katastrophe. So etwas kommt eben dabei raus, wenn man mit Alkohol und Koks im Blut einen Film über eine psychedelische Band wie die "Doors" drehen will. Ich bin mir sicher, dass Oliver Stone nie psychedelische Drogen genommen hat, sonst wäre ihm so etwas kaum passiert - er hat die spirituelle Dimension unserer Songs einfach nicht kapiert. Außerdem lacht in dem Film nie jemand. Dabei waren wir Kiffer - hey, wir haben die ganze Zeit nur gelacht und hatten wahnsinnig viel Spaß. Klar, Jim Morrison war ein Säufer, und gerade während der zweiten Hälfte unserer Karriere hat er viel zu viel Alkohol getrunken. Aber deswegen war er noch lange kein Wahnsinniger, als der er im Film gezeigt wird. Ja, er war wild, er war ein bisschen verrückt, er hatte seine dunkle Seite, und er war auch gefährlich. Aber das alles kommt bei Oliver Stone nicht vor. Wirklich schade.

In Stones Film gibt es ja auch diese Szene, in der die "Doors" in New York Andy Warhol begegnen. Hat es so ein Treffen überhaupt jemals gegeben?

Allerdings. Wir gaben damals unser erstes Konzert in New York, in einem Club namens "Ondine". Hinterher kam Jim ganz aufgeregt zu mir gelaufen und rief: "Ray, Ray, komm mit, du musst unbedingt Andy Warhol kennenlernen." Na ja, ich folge ihm also, und dann steht plötzlich diese seltsame Gestalt vor uns und streckt mir ihre weiße, teigige Hand entgegen. Ich erinnere mich noch an diesen feuchten, schlaffen Händedruck, der mir irgendwie total leblos vorkam. Und dann begrüßte er mich auch noch mit seiner dünnen Fistelstimme: "Hi, Ray . . ." Also, mein Ding war das wirklich nicht, ich kam mir vor wie in Fellinis "Satyricon". Aber Jim fühlte sich ja von seiner ganzen Natur her zu allem hingezogen, das irgendwie dunkel und gefährlich und verboten war. In dieses Schema passte eine Figur wie Andy Warhol natürlich hervorragend.

Sie haben Andy Warhol als bedrohlich empfunden?

Als ich ihm in die Augen sah, waren sie dunkel und leer - wie zwei schwarze Löcher, in die man hineinfallen und darin verschwinden kann. Aus diesen Augen sprach eine Hingabe und eine Faszination für sämtliche Obszönitäten dieser Welt. Warhols Blick war eine einzige Aufmunterung zum Unanständigsein, zur Sündhaftigkeit. Mich hat diese ganze Aura abgestoßen, ich fand diese Neigung zur Perversion erschreckend. Jim Morrison war dagegen ziemlich fasziniert davon.

Wo Sie schon von Morrisons dunklen Seiten sprechen: War sein Drogenkonsum auch der Faszination durch das Abgründige geschuldet?

Also, da muss man wirklich unterscheiden. Wir alle haben damals ja Drogen genommen, aber die "Doors" waren eine psychedelische Westcoast-Band aus Los Angeles. Und im Gegensatz zur New Yorker Szene, wo Pillen und Pulver angesagt waren, ging es bei uns um Marihuana und LSD - also um bewusstseinserweiternde Substanzen. Der Name "Doors" leitet sich ja ab von Aldous Huxleys Buch "The Doors of Perception", und genau das war unser Anliegen: die Pforten der Wahrnehmung aufzustoßen. Mit Heroin oder Kokain dagegen schlägt man diese Pforten zu - Koks macht einen wild, nervös und paranoid. Es kommt also wirklich darauf an, welche Drogen man konsumiert.

Trotzdem würden Sie jungen Leuten wohl nicht dazu raten, Joints zu rauchen . . .

Na klar würde ich ihnen das empfehlen. Ich meine, wenn du zwanzig bist, dann ist das doch die Zeit zum Experimentieren. Ich sage nur: Finger weg vom weißen Pulver! Aber die Wirkung von Gras oder von psychoaktiven Pilzen ist doch schon seit Jahrtausenden bekannt, das ist ein Teil der menschlichen Kulturgeschichte. Vor allem würde ich mich aber darüber freuen, wenn George Bush oder Dick Cheney mal einen Joint zusammen rauchen würden - die Friedenspfeife der amerikanischen Ureinwohner.

Wann haben Sie denn zum letzten Mal Marihuana geraucht?

Also ehrlich gesagt: Mir ist das Kraut irgendwie zu stark geworden. Mein letzter Joint liegt schon ein paar Jahre zurück, das war bei einer Party in Los Angeles. Das Zeug hat mich echt umgehauen, ich kam gar nicht mehr vom Teppich hoch. In meinem Alter gilt: Ein gutes Glas Wein ist auch nicht zu verachten.

Die Fragen stellte Alexander Marguier.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22. April 2007
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Verliebt, verlobt, verheiratet!Für alle die mehr suchen als einen Flirt - www.faz.net/partnersuche

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche