Von Johannes Leithäuser, London
10. April 2008 Buster Martin hat nicht mehr sehr viele Zähne. Er lacht mehr mit den Augen. Sein Bart ist unterm Kinn noch nicht sehr weiß für einen Hundertundeinjährigen. Am frischesten aber sind seine Sehnen, die Muskeln und Gelenke. Am Sonntag will er damit den Londoner Stadtmarathon bestehen. Ob er das durchhalten kann und wie er wohl durchs Ziel kommt - darüber will der alte Mann nicht ausführlich spekulieren.
Die größten Anstrengungen verlangt ihm der Lauf ohnehin schon jetzt ab, lange vor dem Start. Martin trainiert zwar auch, vor allem aber posiert er. Er macht Dehnübungen und Aufwärmgymnastik vor Fernsehkameras, antwortet auf Reporterfragen, wird zu Werbeterminen von Sportausstattungshäusern chauffiert.
Der Marathon ist nur der frischeste Witz
Am Anfang war es ein Witz. Er ist kein geübter Langstreckler, hat keine Langlauferfahrung, jedenfalls keine in sportlichen Maßstäben. Aber Anstrengungen ist der frühere Handlanger, Soldat, Armeeturnlehrer, Lastenträger, Autoputzer, siebzehnfache Vater und mehr als vierdutzendfache Großvater gewöhnt. Und viel tägliche Bewegung. Der Marathonlauf ist nur der frischeste Witz in Martins lebenslanger Anekdotensammlung, allerdings derjenige, der ihn nun endgültig berühmt gemacht hat. Die ulkigen Geschichten häufen sich, seit Buster Martin bei der Klempnerfirma Pimlico Plumbers angestellt ist, seit ungefähr vier Jahren also.
Da suchte der damals 97 Jahre alte Arbeiter, der bis ins hohe Alter auf dem Straßenmarkt im Londoner Stadtteil Brixton als Gelegenheitsdiener den Tag verbracht hatte, wieder eine Anstellung, weil er das Daheimsein als Rentner nicht aushielt. Charlie Mullins, der Inhaber des stadtbekannten Handwerksbetriebs, gab ihm etwas zu tun. Drei Mal in der Woche kommt Martin seither in die Werkstatt, in der die Einsatzwagen der Klempnerfirma parken, und macht die Autos sauber.
Na, und dann der eine, der hundertundeins ist
Wer die blitzsaubere Wagenwerkstatt von Charlie Mullins' Klempnerei betritt, könnte vermuten, der Chef sammele Oldtimer und alte Leute. Zwischen den VW-Bussen, die in gerader Reihe an der Wand geparkt sind, steht ein Citroën-Lieferwagen aus der Nachkriegszeit; auch ein Morris Minor Kombi aus den sechziger Jahren ist hinten im Halbdunkel geparkt. Und im Büro-Glaskasten in der Mitte der Wartungshalle sitzt ein Aufseher, der sichtlich das Renteneintrittsalter schon erreicht hat. Schon lange, sagt der Mann, winkt ab und preist seinen Arbeitgeber dafür, dass er in seiner Firma allen Leuten eine Chance gebe - auch Frauen und eben auch Älteren. Unter der 200 Mitarbeiter starken Belegschaft seien bestimmt fünf über Sechzigjährige, zwei über siebzig, na, und dann der eine, der hundertundeins ist.
Es wirkt ein bisschen, als wolle Charlie, der Chef, seinen Betrieb mit Alterswürde zieren. Aber der Eindruck tut dem Inhaber unrecht, der aus kleinen Verhältnissen im Norden Londons stammt, der Klempner werden wollte, weil in der Nachbarschaft, in der er groß wurde, der Klempnermeister als Einziger ein Auto fuhr. Die eigene Firma hat Charlie in den siebziger Jahren gegründet, im Stadtteil Pimlico lag die erste Werkstatt, daher der Name des Unternehmens. Sein Erfolg beruhte auf handwerklicher Zuverlässigkeit (einem Novum im britischen Sanitär- und Heizungsgewerbe) und einem außergewöhnlichen Talent für Reklame.
Ein Stab, der die Termine macht
In Charlie Mullins' Firma gibt es nichts Unordentliches und nichts Gewöhnliches. Die Monteursbusse spiegeln sich im blanken Estrich, tragen aber Nummernschilder wie shower oder loo2old oder bog1, was etwa Plumpsklo Nummer eins bedeutet. Und im Empfangsbüro ist eine ganze Wand den gerahmten Autogrammen jener Londoner Berühmtheiten gewidmet, die zum Kundenstamm gehören und dankbar notierten, wie sehr sie die Dienste von Pimlico Plumbers zu schätzen wussten: Stefan Edberg, der Tennisspieler, Eric Clapton, der Musiker, oder Britt Ekland, das Bond-Girl, lächeln da aus einer Glasvitrine heraus.
Buster Martin macht unterdessen Freiübungen und Dehnungsschritte in der Wartungshalle, von seinem Trainer begleitet, der auch bei Pimlico Plumbers beschäftigt ist, und von seinem Betreuer beobachtet, gleichfalls ein Klempner aus der Firma. Zum Stab des ältesten Marathon-Aspiranten zählen noch andere Mitarbeiter, die Termine machen, Fahrdienste übernehmen, und in gewissem Maße auch der Chef selbst, der die Liste führt mit den Anfragen von Fernsehteams, Fotografen und Reportern aus aller Welt. Unter dem ganzen Rummel ist fast verschüttet worden, dass der Rekordversuch des ältesten Marathonläufers ja eigentlich kein Reklamegag ist, sondern einem guten Zweck gewidmet sein soll.
Er sieht viel hilfloser aus, als er ist
Buster Martin startet für den Rhys Daniels Trust, eine Stiftung, die sich um Elternunterkünfte in der Nähe von Kinderkrankenhäusern kümmert. Ein Ehepaar, das kurz nacheinander zwei todkranke Kinder verlor, die zuvor monatelang in klinischer Pflege waren, hat die Aktion ins Leben gerufen. Charlie Mullins ist dieser Sache verpflichtet, und Buster Martin erläuft jetzt die Spenden. Auf der Internetseite der Firma liegt die Sammelsumme bislang bei einigen hundert Pfund; das ist noch nicht viel, gemessen an dem Wirbel um den 101 Jahre alten Athleten.
Wenn der alte Mann in seinen Laufschuhen in der Halle steht und langsam und sehr umständlich am Reißverschluss seiner Pimlico-Plumbers-Trainingsjacke nestelt, den Kopf nach vorn geneigt und über den Bart angestrengt nach unten schielend, dann sieht er viel hilfloser aus, als er es trotz seines Alters ist. Martin hat im März einen Halbmarathon absolviert, die Zeit lautete mehr als fünf Stunden für die rund zwanzig Kilometer, aber es kam ja nicht auf die Dauer, sondern auf die Strecke an. Letztes Jahr trat er im Chor der Rentnerband Die Zimmers auf (Zimmer-frame ist ein englischer Ausdruck für eine Gehhilfe), die mit einer aufbereiteten Version des Titels My Generation (ursprünglich von der Band The Who gesungen) einen Hit fabrizierten.
Ich denk' an das Bier
Abseits von den Marathon-Übungen hat Martin vor einigen Monaten ein Beispiel seiner physischen Kräfte geboten, als er drei Jugendliche in die Flucht schlug, die ihn abends in Brixton auf dem Weg von der Kneipe zum Bus überfallen wollten. Die Gauner hätten beim eiligen Abhauen eine Geldbörse verloren, erzählt der Alte. Ich war nach dem Überfall reicher als vorher. Es macht ihm nichts, dass immer wieder neue Reporter immer wieder nach dieser und anderen bekannten Geschichten fragen: Er würde sie auch den Kollegen in der Pimlico-Plumbers-Kantine immer noch einmal erzählen, unterbrochen von den Lebensweisheiten, die sich in seinem langem Leben angesammelt haben, seit er 1906 in Frankreich geboren, von seiner Mutter nach drei Monaten nach England gebracht und dann in einem Waisenhaus in Cornwall abgegeben wurde.
Mit zehn Jahren habe man ihn dort vor die Tür gesetzt: Ich war eine Last, ich wuchs zu schnell und aß zu viel. Das ist der erste Witz, den Buster Martin zur Verzierung seines Lebenslaufes bei sich trägt. Einer der letzten liegt bereit als Antwort auf die Frage, wie er die Kraft und die Motivation für die Marathon-Herausforderung aufbringe? Ich denk' an das Bier, das ich anschließend kriege.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. / Jiri Rezac, Reuters
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