Udo Jürgens

„Ich habe keine Kalaschnikow“

“Ich hatte es satt“: Udo Jürgens

"Ich hatte es satt": Udo Jürgens

09. August 2006 Wenn man abgesondert von allen anderen sitzen und warten muß, fühlt man sich auf eine unglaubliche Weise erniedrigt: Ein Gespräch mit dem Sänger Udo Jürgens über die amerikanische Einreisepraxis.

Kürzlich war zu lesen, daß Sie so viel Ärger bei der Einreise in die Vereinigten Staaten gehabt haben, daß Sie nun nicht mehr dorthin reisen wollen.

Das mit dem Ärger stimmt, das zweite aber nicht. Wie diese Sache durchgesickert ist, weiß ich nicht. Mich selbst hat jedenfalls noch niemand danach gefragt.

Was ist denn passiert?

Ich arbeite seit anderthalb Jahren an einem Musical, das Ende des kommenden Jahres in Hamburg Premiere haben soll. Etliche Mitarbeiter bei diesem Vorhaben sind Amerikaner oder arbeiten in Amerika, unter anderen der Arrangeur von Andrew Lloyd-Webber. Mit ihm treffe ich mich regelmäßig. Diesmal aber wollte ich mir in New York mehrere Broadway-Musicals ansehen, ich war also nur als Tourist unterwegs. Aus dem Jahr zuvor besaß ich noch ein Arbeitsvisum für die Vereinigten Staaten in meinem Paß, weil ich dort ein Galakonzert gegeben hatte. Das Foto dazu war von der amerikanischen Botschaft in Bern angeheftet worden, und nun wurde bei der erneuten Einreise das Bild vom Scanner nicht mehr erkannt. Deshalb wurde der Paß eingezogen, und ich sollte nicht ins Land gelassen werden.

Half Ihnen Ihr Prominentenstatus nicht?

Ich habe ja sogar das Glück, bei der Fluggesellschaft Swiss VIP-Status zu genießen. Das heißt, man begleitet mich zum Sitz und später auch durch alle Kontrollen. Als wir in New York ankamen, wurden wir Passagiere zunächst im Gang festgehalten, weil die Einreisehalle angeblich überfüllt war. Da hat meine Swiss-Begleiterin mir noch eine bevorzugte Abfertigung verschaffen können, doch bei der Einreisekontrolle selbst war sie dann machtlos. Sie durfte nicht einmal bei mir bleiben, als ich in einen speziellen Kontrollraum der Einreisebehörde abgeführt wurde.

In was für einer Gesellschaft befanden Sie sich dort?

Fünfundzwanzig bis dreißig Araber, zehn Inder mit Turbanen und fünf Afrikaner. Alles wohl Geschäftsleute, keiner sah jedenfalls verdächtig aus. Und mir konnte man wohl auch ansehen, daß ich keine Kalaschnikow in der Aktentasche hatte. Man deponierte meinen Paß bei den dort diensttuenden Beamten, und dann passierte erst einmal gar nichts. Als ich nach einer halben Stunde die Geduld verlor und fragte, wo überhaupt das Problem liege, wies mich ein Beamter knapp zurecht: „Don't talk to me! Wait till you are called.“ Aber niemand rief mich auf. In dem Raum passierte gar nichts. Währenddessen muß die Dame von der Swiss denen draußen die Hölle heiß gemacht haben. Noch einmal anderthalb Stunden später habe ich dann verlangt, daß man mich einfach nach Europa zurückfliegen lassen möge. Ich hatte es satt. Da wurde mir dann plötzlich ohne jede Erklärung der Paß wiedergegeben, und ich durfte einreisen. Doch was, wenn das jemandem passiert wäre, der gar keinen Beistand hat?

Hatten Sie vorher schon Erfahrungen mit der Einreise nach Amerika?

Ich war bestimmt dreißig- oder vierzigmal in Amerika, und die Einreiseformalitäten waren immer furchtbar. Was bezweckt man dort nur damit? Will man die Beziehungen zu Europa oder anderen Weltgegenden belasten? Wollen die Amerikaner zeigen, daß sie sich problemlos abkapseln können, daß sie an Verständigung und Austausch gar nicht interessiert sind? In diesem Moment, wenn man da abgesondert von allen anderen sitzen und warten muß, fühlt man sich auf eine unglaubliche Weise erniedrigt.

Und werden Sie wieder nach Amerika reisen?

Natürlich. Schon des Musicals wegen muß ich wieder dorthin. Wenn man eine international besetzte Produktion auf die Beine stellen will, kann man auf amerikanische Expertise gar nicht verzichten.

Was dürfen wir von dem Musical erwarten?

Einen Titel gibt es noch nicht, aber es dreht sich um einen heiteren und hoffentlich auch etwas nachdenklich stimmenden Generationenkonflikt. Meine größten Erfolge werden als Lieder in das Musical integriert, und ich komponiere gerade zusätzlich noch szenische Musik, Balletteinlagen und einzelne Themen.

Die Fragen stellte Andreas Platthaus.



Text: F.A.Z., 09.08.2006, Nr. 183 / Seite 33
Bildmaterial: AP, APA, dpa, dpa/dpaweb, PHOTOPRESS

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