Von Peter-Philipp Schmitt, Hamburg
07. März 2008 Oliver Pocher gab sein Bestes. Noch ehe die Übertragung des Grand-Prix-Vorentscheids in der ARD am Donnerstagabend begonnen hatte, sagte er auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg: Die No Angels haben hier heute ihre Abschiedsvorstellung. Nach dem No-Angels-Auftritt, der teils an ein James-Bond-Girlie-Casting erinnerte, teils an eine Softporno-Produktion, sagte Pocher: Klamottentechnisch würden wir dafür aus Osteuropa viele Stimmen bekommen. Und nach der Show, als die No Angels ihre Sieger-Pressekonferenz abhielten und gerade zuckersüß verkündet hatten, dass der Pocher ja so gerne an diesem Abend der fünfte Engel in ihrem Bunde gewesen wäre, selbst da, als die Entscheidung also längst zugunsten der vier Frauen gefallen war, ignorierte die frechere Hälfte von Schmidt & Pocher die neben ihm stehenden, strahlenden Gewinnerinnen, während er live in seine Late-Night-Sendung zu Harald Schmidt geschaltet wurde.
Nun war Oliver Pocher zum Vorentscheid auch nicht als Pate der No Angels eingeladen worden. Er saß - mit vier anderen Prominenten - auf der Grand-Prix-Fan-Couch und sollte für die spanisch singenden Hannoveraner werben, die sich Marquess nennen. Und das tat er mit einer Offerte, die dem Quartett vielleicht den Sieg gekostet hat: Er werde, wenn Marquess gewinnen sollte, mit nach Belgrad fahren, um dort während ihres Auftritts die Trompete zu spielen. Dafür würde er sich sogar ein Visum besorgen, obwohl Serbien zur Zeit gewiss nicht das einfachste Krisengebiet sei. So weit aber kam es dann doch nicht: Oliver Pocher und Marquess bleiben in Deutschland, die No Angels fahren nach Belgrad, um Deutschland beim 53. Eurovision Song Contest (ESC) zu vertreten.
Uecker und Bach blieben dem Publikum erspart
Oliver Pocher tat dem Grand-Prix-Vorentscheid gut. Auch wenn mancher Gag platt war, so wirkten seine oft bösen Anmerkungen fast befreiend. Endlich ein wenig Würze, ein wenig Ehrlichkeit auf dem Sofa von Thomas Hermanns, der die nationale Ausscheidung nun schon zum dritten Mal moderierte. Nicht jeder Grand-Prix-Vorentscheid-Auftritt ist grandios, genauso wenig wie jedes Lächeln auf der Grand-Prix-Fan-Couch ehrlich ist. Und so war eben nicht alles wie im vergangenen Jahr, wie Vorjahressieger Roger Cicero meinte, nur weil im Schauspielhaus vieles wieder so hergerichtet worden war, wie schon 2006 und 2007.
Georg Uecker zum Beispiel, Grand-Prix-Superfan und in den vergangenen zwei Jahren stets an der Seite von Thomas Hermanns, spielte keine Rolle mehr und saß als einfacher Zuschauer in Reihe sieben, acht oder neun. Von dem einst wohl maßgeblich von Hermanns und Uecker ersonnenen Konzept, eine schwule Sendung für ein schwules Publikum zu machen, war auch sonst fast nichts mehr übrig: Statt altgedienter ESC-Teilnehmerinnen aus den fünfziger und sechziger Jahren traten dieses Mal die Siegerinnen der Jahre 1999 (die Schwedin Charlotte Nilsson), 2004 (die Ukrainerin Ruslana) und 2007 (die Serbin Maria Šerifović) im Begleitprogramm auf. Und Peinlichkeiten wie ein Dirk Bach, der schon einmal plötzlich im Kleid von Sängerin Joy Flemming auf die Bühne gerannt gekommen war, blieben den Zuschauern erspart.
Mehr Kandidaten, aber nur eine Stilrichtung
Eine weitere Neuerung: Es gab nicht mehr nur drei Kandidaten, sondern fünf - um eine größere Bandbreite an musikalischen Stilrichtungen zu haben, wie der zuständige Sender NDR mitteilte. Hermanns hingegen sagte das genaue Gegenteil: Dieses Mal haben wir bei der Vorauswahl nur Popmusik im Rennen. Das sei nun einmal die internationale Währung, die funktioniere. Und so sangen Marquess zwar auf Spanisch, und die Hamburgerin Carolin Fortenbacher auf Deutsch, insgesamt aber waren alle fünf Beiträge eher seicht und belanglos.
Marquess präsentierten ihr La Histeria, ein vielleicht sommerhittaugliches Lied, das am Ende eines Winters, der nicht einmal einer war, niemand so recht hören wollte. Der einstige BWL-Student Tommy Reeve blieb trotz seiner guten Stimme blass, sein am Klavier vorgetragener Schmusesong Just One Woman war uninspiriert und zündete nicht beim Publikum. Die androgynen Manga-Punker von der Gruppe Cinema Bizarre - sie waren die mit Abstand jüngsten Teilnehmer - trafen bei ihrer gameboyartigen Vorstellung (möglicher Titel: Metropolis im 24. Jahrhundert) viele Töne nicht und konnten sie auch nicht halten. Schuld sei eine Stimmbandreizung, wie Sänger Strify zu erklären versuchte. Schuld war aber auch die technische Umsetzung des NDR: So schlecht wie in diesem Jahr hat ein Vorentscheid im Schauspielhaus wohl noch nie am Fernseher ausgesehen und geklungen.
Marquess waren offenbar zu siegessicher
Trotzdem war es nur gerechtfertigt, dass nach der ersten Telefonabstimmungsrunde alle Männer und Cinema Bizarre die Bühne verlassen mussten und die fünf Frauen unter den Teilnehmern als Kandidaten für das kleine Zweierfinale übrig blieben. Sie immerhin hatten dramatisch ein wenig überzeugt - und jeweils auf Windmaschinen gesetzt. Die wehenden Haare und die durchsichtigen, im Luftzug flatternden Textilien könnten den Ausschlag gegeben haben.
Nach der Verkündung des Zwischenergebnisses verließen Marquess fluchtartig die Bühne, die vier Pseudo-Latinos und Sommer-Chartstürmer der vergangenen Jahre (mit El Temperamento und Vayamos Compañeros) waren sich ihres Weiterkommens offenbar recht sicher gewesen und darum nun sehr enttäuscht. Cinema Bizarre und Tommy Reeve hingegen gratulierten höflich den No Angels und Carolin Fortenbacher. Die Hamburgerin hatte im Schauspielhaus die meisten Anhänger. Für ihre Fünf-Oktaven-Stimme und ihren souveränen Auftritt bekam der 43 Jahre alte Musicalstar - unter anderem sang sie in der Hansestadt fünf Jahre lang die Donna in dem Abba-Musical Mamma Mia! - sogar stehenden Applaus. Doch nach einer zweiten Votingrunde per Telefon und SMS scheiterte Fortenbacher denkbar knapp: Für die No Angels stimmten 50,5 Prozent der Anrufer, insgesamt sollen eine Million Zuschauer angerufen haben. Genauer: Es sollen eine Million Anrufe und SMS eingegangen sein. Viele Zuschauer meldeten sich für ihren Wunschkandidaten natürlich mehrfach.
Einschaltquote auf dem Niveau des Krisenjahres 2005
Oliver Pocher gab sein Bestes. Aber die von ihm ins Auge gefasste Abschiedsvorstellung der seit ihrer Wiedervereinigung vor einem Jahr weitgehend erfolglosen No Angels - ihr Grand-Prix-Beitrag lautet ausgerechnet Disappear (Verschwinden) - findet nun doch zu einem späteren Zeitpunkt statt. Die vier Gewinnerinnen, die, als sie noch zu fünft und sehr erfolgreich waren, nie an einem Grand Prix teilnehmen wollten, kehren in Belgrad mindestens noch einmal auf die ganz große Bühne zurück. Und immerhin, so rechneten sie vor, fließe ja auch eineinviertel osteuropäisches Blut (serbisches und bulgarisches) in ihren Adern, was möglicherweise zusätzliche Stimmen bringen könnte. Eine Weltkarriere indes wird ihnen sicher nicht mehr vergönnt sein. Davon träumen seit Abbas Sieg 1974 fast alle ESC-Teilnehmer vergeblich. Seit 20 Jahren, seit Céline Dions Sieg 1988 für die Schweiz, ist dieses Kunststück keinem Grand-Prix-Künstler mehr gelungen.
Verhindern konnte Oliver Pocher auch nicht, dass die Einschaltquote beim diesjährigen Vorentscheid verheerend schlecht war: Nur 3,47 Millionen Zuschauer sahen zu, was einem Marktanteil von elf Prozent entspricht. Damit ist der NDR wieder auf dem Niveau von 2005 angelangt. Damals gab es drastische personelle Einschnitte; der über viele Jahre zuständige Mann, Mr. Grand Prix Jürgen Meier-Beer, ging, Thomas Hermanns und sein neues Konzept kamen. Seit 2006 (knapp 5,3 Millionen Zuschauer und 16 Prozent Marktanteil) hat die Sendung damit fast zwei Millionen Zuschauer verloren (2007 saßen rund 4,6 Millionen Menschen vor den Bildschirmen).
Zu groß war am Donnerstagabend die Konkurrenz auf den anderen Kanälen mit gleich zwei Uefa-Cup-Spielen und Heidi Klums Germanys-Next-Topmodel-Suche. Immerhin hatte Pocher ein Einsehen und gab während der Livesendung bekannt, dass Bayern München den RSC Anderlecht mit 5:0 vom Platz gefegt hatte. Was Hermanns zu der etwas bissigen Bemerkung veranlasste: Das interessiert niemanden hier im Schauspielhaus. Womit er vermutlich sogar recht hatte.
Die Quotenentwicklung des Grand-Prix-Vorentscheids seit 1998
Das Interesse des Fernsehpublikums an der nationalen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest ist in den vergangenen zehn Jahren insgesamt gesunken. Diese Entwicklung belegen die Messungen der GfK-Fernsehforschung in Nürnberg. Hier die Zahlen seit 1998:
1998: 7,73 Millionen Zuschauer (23,2 Prozent Marktanteil) - Sieger: Guildo Horn
1999: 5,63 Millionen Zuschauer (18,7 Prozent) - Siegerin: Corinna May (später disqualifiziert)
2000: 7,87 Millionen Zuschauer (24,2 Prozent) - Sieger: Stefan Raab
2001: 9,10 Millionen Zuschauer (27,4 Prozent) - Siegerin: Michelle
2002: 8,70 Millionen Zuschauer (26,6 Prozent) - Siegerin: Corinna May
2003: 5,64 Millionen Zuschauer (18,1 Prozent) - Siegerin: Lou
2004: 5,50 Millionen Zuschauer (17,8 Prozent) - Sieger: Max Mutzke
2005: 3,56 Millionen Zuschauer (11,2 Prozent) - Siegerin: Gracia Baur
2006: 5,28 Millionen Zuschauer (16,0 Prozent) - Sieger: Texas Lightning
2007: 4,60 Millionen Zuschauer (14,3 Prozent) - Sieger: Roger Cicero
2008: 3,47 Millionen Zuschauer (11,0 Prozent) - Sieger: No Angels
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS
