Südafrika

Die Mandela-Mode

Von Claudia Bröll, Johannesburg

30. Juni 2008 Das Hemd gehört zu Nelson Mandela wie die Handtasche zu Maggie Thatcher. Kaum einen öffentlichen Auftritt des ehemaligen Präsidenten Südafrikas dürfte es geben, bei dem er nicht das nach seinem traditionellen Clan-Namen benannte Madiba-Shirt trägt, ein gerade geschnittenes, bis zum letzten Kragenknopf geschlossenes längeres Oberhemd, meist reich mit afrikanischen Mustern verziert.

Das Madiba-Shirt ist zum Markenzeichen des ersten schwarzen Staatschefs Südafrikas geworden - und zum Exportschlager seines Landes. Wenn Mandela am 18. Juli seinen 90. Geburtstag feiert, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit wieder in dem Kleidungsstück abgelichtet werden und viele weitere Exemplare als Geschenke überreicht bekommen. Als er am vergangenen Donnerstag - vor dem Konzert am Freitag zu seinen Ehren im Hyde Park - bei Königin Elisabeth II. zu Besuch war, kontrastierte die tropische Tier- und Pfanzenwelt auf seinem Hemd wirkungsvoll mit den kalt-blauen floralen Mustern Ihrer Majestät.

Andere Designer ziehen in die noblen Vororte

Die Suche nach dem Ursprung der Mandela-Mode führt ins Zentrum von Johannesburg. Hier arbeitet der Mann, der das berühmteste Hemd Südafrikas erfunden hat. Die Adresse seines Unternehmens Vukani Fashion sieht nicht so aus wie die Orte, an denen normalerweise Modegeschichte geschrieben wird.

Nugget Street Nummer 65 ist ein düsteres Gebäude, das man anderswo als renovierungsbedürftig bezeichnen würde. Vor der Tür lungern ein paar Straßenhändler herum. Von den Goldklumpen, die der Straßen ihren Namen gaben, ist nichts zu sehen. „Andere Designer ziehen in die noblen Vororte, können es sich aber nicht leisten, dort essen zu gehen“, sagt Sonwabile Ndamase.

„Ich bleibe lieber hier und kann es mir dafür leisten, meine Kunden in exklusive Restaurants auszuführen.“ Dank seines prominentesten Kunden hat es der Südafrikaner vom Gelegenheitsschneider zum Prominentendesigner geschafft. Heute kleidet er die nach dem Ende der Apartheid entstandene schwarze Elite ein: Politiker, Unternehmer, Wirtschaftsbosse.

Die Hemden hatten es ihm angetan

Die Geschichte des Madiba-Shirts begann 1990 mit einem Anruf Mandelas kurz nach seiner Freilassung aus der Haft, in der er insgesamt 27 Jahre als politischer Gefangener verbracht hatte. Ndamase, der aus der gleichen königlichen Sippe stammt wie Mandela, aber in ärmeren Verhältnissen aufwuchs, brachte sich in Johannesburg mit Schauspielerei, Werbung und Mode durch.

Einige Kleidungsstücke hatte er zuvor für Mandelas Tochter Zinzi genäht. Mandela habe ihn in sein Haus nach Soweto eingeladen und gebeten, ein paar Kleidungsstücke mitzubringen, erzählt er. „Es sollte etwas sein, das er als Präsident sowohl zu formellen Anlässen als auch in der Freizeit tragen konnte.“ Er sei mit den Armen voller Hemden, Sakkos und Anzügen angerückt. Die Sakkos und Anzüge ließ Mandela links liegen, aber die Hemden hatten es ihm angetan.

Mode in Südafrikas Chefetagen

Er kreierte seinen eigenen Stil. Die Entscheidung beispielsweise, die Hemden ohne Sakko zu tragen, traf er ganz allein.“ Dem Modemacher aus der Nugget Street ist anzumerken, dass er Mandela nicht nur als seinen wichtigsten Kunden betrachtet. „Nelson Mandela hat uns ermutigt, uns anders zu kleiden. Er hat uns einen neuen Stil verpasst. Einst trugen nur Künstler oder Anti-Apartheid-Aktivisten außerhalb ländlicher Regionen afrikanische Kleidung. Jetzt taucht unsere Mode auch in Südafrikas Chefetagen auf. Mandela hat das Eis gebrochen und uns schwarzen Designern den Weg geebnet.“

Das Hemd bringt afrikanische Muster und westliche Form zusammen - ganz ähnlich übrigens wie das mit örtlichen Pflanzen bedruckte Hawaii-Hemd, das allerdings zunächst vor allem von amerikanischen Touristen auf der Pazifikinsel geschätzt wurde.

Keine Schwierigkeiten mit dem Protokoll

Ndamase lieferte Hunderte Madiba-Shirts an Mandela. Genau weiß er es selbst nicht. Außerdem fertigte er etliche Hemden, die der Staatspräsident als Gastgeschenk an Politiker und Prominente überreichte. Die Begegnung mit Mandela brachte den quirligen Designer, der sein Alter mit „älter als gestern“ angibt, in gesellschaftliche Kreise, von denen er niemals zuvor geträumt hatte.

Bei einem Staatsbesuch Mandelas in Großbritannien etwa ließ sich Ndamase in einer afrikanisch anmutenden bunten Jacke an der Seite der streng dreinblickenden Margaret Thatcher ablichten. Sein Aufzug hätte beinahe zu einem Eklat geführt. Mit Verweis auf die Vorgabe „Black Tie“ wollte der Protokollchef ihn nicht zum Festbankett mit der britischen Königin zulassen.

Der Afrikaner jedoch ließ sich nicht einschüchtern. „Ich habe dem Protokollchef erklärt, dass dies mein Stil sei, den ich nicht ändern werde.“ Auch Mandela habe eines seiner Hemden getragen - und keine Schwierigkeiten mit dem Protokoll bekommen. „Wir lassen uns nicht mehr von den einstigen Kolonialherren vorschreiben, was wir zu tragen haben. Wir haben unsere eigene Mode und sind stolz darauf.“

Weitere Aufträge aus dem Präsidentenpalast

Heute arbeitet Ndamase nur noch gelegentlich für den Grandseigneur der afrikanischen Politik. Bald könnten ihm jedoch weitere Aufträge aus dem Präsidentenpalast bevorstehen. ANC-Präsident Jacob Zuma, der im nächsten Jahr zum Staatspräsidenten gewählt werden könnte, steht bereits in Ndamases Kundendatei.

Der populistische Politiker, den man gelegentlich in seinem Heimatort im traditionellen Leopardenfell herumtanzen sieht, gilt als äußerst eitel und modebewusst. Mandela ist vermutlich nicht der letzte Präsident Südafrikas gewesen, der mit unkonventioneller Kleidung afrikanisches Selbstbewusstsein demonstriert.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Claudia Bröll, REUTERS

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche