
Fr.Walther. Wohl noch nicht viel aus Hessen rausgekommen ? Bin im Nachbarland RLP in die Schule gegangen und wir mussten bis in die 80er unsere Bücher etc. selbst kaufen, wenn man nicht gerade Sozialhilfe erhielt und dafür Gutscheine kriegte. Bei uns war die Regierung damals konservativ (Kohl als MP), Hessen war ja bis Ende der 80er SPD regiert (und galt als entspr. sozial ausgerichtet); heute ist´s genau umgekehrt.
Ein Beispiel an dem sich der Unsinn der Länderverantwortlichkeit f. die Schulbildung zeigt, was Pisa ja auch bestätigt. Da bringen auch die wahnwitzigen Ideen von Wettbewerb unter Schulen (bis zum Abi, bei Hochschulen sehe ich das etwas anders) nix, wenn diese im Laufe eines Schülerlebens den Ideen der Politik ausgeliefert sind; wegen der Schule für die Kinder zieht ja wohl keiner quer durch die Republik, wegen der Arbeit schon eher; aber Steuern sind überall gleich...

"Als ich 1972 aufs Gymnasium kam, fragte uns der
Lehrer, was unsere Eltern von Beruf seien. [...]
Der Rest hatte Architekten, Rechtsanwälte, Lehrer,
Polizisten oder kleine Unternehmer zum Vater, und
die Mütter spielten damals [...] keine Rolle."
Diesem Schulsystem (dem interessierte Kreise noch
immer hinterhertrauern) haben wir den Verlust von
ganzen Generationen zu "verdanken": die Sortierung
der Kinder nach dem Einkommen der Väter hat dazu
geführt, dass Armut in Deutschland vererbt wurde
und zahllose potentielle Hochqualifizierte keine
Chance bekamen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.
Noch nicht einmal das Gegenteil wurde erreicht:
da Bildung und Leistungsbereitschaft eben nicht
gegen den Willen der Betroffenen vererbbar sind,
schleppte unser Klassensystem den Arztsohn auf
Biegen und Brechen bis zum Abitur (denn er muss
natürlich wie der Vater auch Medizin studieren),
bis er dann irgendwann doch das Studium abbricht.
Leider hat uns die verfehlte Antwort mancher 68er
auf diese Zustände auch nicht wirklich geholfen:
anstatt gleicher START- und Bildungsschancen für
alle Kinder haben sie Gleichmacherei der ERGEBNISSE
auf niedrigstmöglichen Niveau zum Lernziel erklärt.

wenn mir im Leben nicht immer wieder Menschen begegnet
wären, die mich unterstützt und gefördert hätten und unser Gesundheitssystem nicht so gut ausgebaut wäre, vielleicht könnte ich mich dann auch zu dieser Unterschicht zählen.

Diese fast schon literaturverdaechtige Darstellung des Aufstrebers aus der Unterschicht als Vektor nach oben ist selten so gut rueber gekommen, auch wenn andere Leser anderer Meinung sind. Einen Bericht ueber den Abstieg als Vektor nach unten sucht man dagegen in der FAZ vergeblich, z.B. in Zusammenhang mit den Lakaien der Stasi-IM, die Ihrer proletarischen Niveaulosigkeit noch den letzten Kick mit Alkohol geben, wie in den "geistigen Ghettos" des Ostens, die Umgebung von Berlin usw.

Die Pisa Studie hat ja nochmals den Zusammenhang zwischen
dem sozialen Status und den Bildungschancen belegt.
Die Intelligenz bzw. Befähigung für eine bestimmte Schule ist
zum großen Teil "gefühlt" oder "angenommen".
Warum sollte es bei anderen Strukturen in der Gesellschaft eine gerechtere d.h. in der Tat an der persönlichen Qualifikation orientierte Auswahl geben? Vitamin B oder sozialer Status wird vermutlich in allen Bereichen harte Fakten
überlagern.

Meiner Meinung nach kann durch eine effektive Bildung, die möglichstz viele abholt, und eine Grundsicherung unterhalb des Existenzminimums das Unterschichtenproblem zwar nicht gelöst aber "normalisiert" werden (es ist gar nicht so einfach das richtig auszudrücken".
Wir müssen erstens das strukturelle Problem lösen, dass ein potentielles Erwerbseinkommen unterhalb oder nahe beim Existenzminimum liegt. Aus diesem Grund sind entsprechende Arbeitsplätze in den letzen über 30 Jahren systematisch wegrationalisiert, exportiert oder in die Schwarzarbeit verschwunden. Ich gehe davon aus, dass eine bedingungslose Grunsicherung von zum Beispiel 300 € für jeden, diese Arbeitsplätze wieder entstehen lassen würde, wenn Erwerbsfähige darüberhinaus keine monetäre Unterstützung erhielten.
Zweitens ist breiter Wohlstand nur zu schaffen, wenn das Humankapital einer Gesellschaft optimal ausgenutzt wird. Davon sind wir heute weit entefernt. Wir sollten einfach das Finnische Modell so weit wie möglich kopieren. (...)

Da 1972 in Hessen die Lernmittelfreiheit in der Verfassung stand, wärhend der Autor behauptet, er musste Schulbücher bezahlen, frage ich mich, was sonst noch alles an diesem Beitrag erfunden ist.

Was macht eine intelligente Unterschichtelite wenn ihnen die Globalplayer und Börsenorientierten Industriefatzkes den Markt und die klein- mittelständische Wirtschaftsbasis wegmodernisiert haben, aus reiner Profitgier?
Dann machen sie garnichts und fluchen, wie es 100de Andere tun, über dieses abartige System aus Rendite und Börsenwischiwaschi. Da wird mit Geld noch mehr Geld verdient.
Ich halte mich ebenfalls für einen Intelligenten Menschen.
Leider richtet sich der Markt mitlerweile nach dem was Monopolinhaber an die großen Medienglocken bimmeln.
Warum sonst ist Geiz geil?
Warum sonst, ist billig besser?
Warum sonst, leben wir in einer Wegwerfgesellschaft die mitlerweile ekelerregende Auswüchse bekommen hat?
Man sollte auch gelegentlich einen Gedanken an diejenigen verschwenden die mal wirkliche Eliteunterschichtwertarbeit verrichtet haben.
Handwerk, Kunsthandwerk und viele andere.
Ich finde man macht es sich zu einfach das ganze mit "nötiger" Intelligenz zu verharmlosen.
So einfach ist das Gesellschaftsdilemma nicht zu erklären.

Schon selten ergrifft man die Realität , und Ihre Betrag laut als Realität .
Sie können eine gute Schriftssteller werden !!

1. Herr Heines, auch ich bin in einem kleinen Dorf bei Braunschweig großgeworden, unter ganz ähnlichen ärmlichen Umständen wie Sie.Auch aus mir ist etwas geworden-wie aus Ihnen.Der Grund:Wir beide hatten offenbar die dazu unabdingliche Intelligenz und das notwendige Durchsetzuungsvermögen.Solche Menschen kommen rasch zu der Erkenntnis, nicht der "Unterschicht", sondern einer Elite anzugehören.
2. Herr Rüttgen, mit Ihnen bin ich der Meinung, daß "Unterschicht" oder nicht mit GELD jedenfalls wenig zu tun hat. Freilich bin ich-gegen Sie- der Meinung, daß vielen Menschen nicht so sehr der Wille zum Aufstieg fehlt, als vielmehr das VERMÖGEN dazu.Es fehlt ihnen schlicht das was Herr Heines hat.-Eine solche Gruppe von Menschen gab es in Europa schon immer-sie ist ziemlich groß.Sie fiel nicht auf, solange in E. körperlich gearbeitet wurde, sei es in der Landwirtschaft, sei es am Fließband.Sie fällt erst auf mit der Mechanisierung der Landwirtschaft und der "Robotisierung" der Industrieproduktion.Beide Bereiche hatten einmal diese heute eigentlich "überflüssigen" Menschen in Lohn und Brot gebracht. -Ernstzunehmende Arbeitsmarktforscher haben schon vor 20 Jahren auf die sozialen Gefahren aus dieser sich abzeichnenden Situation gewarnt.

respekt vor heines bildungsgang. ich kann mir seine verlorenheit im gymnasium gut vorstellen. "das grauen der grundschule" hat er überlebt, weil er werterfahrungen aus dem kindergarten mitbrachte.
dass christentum eine einladung zur poesie sei, gefällt mir, wenn heine auch eher an literatur denken müsste.
die herolde der neuen zeit kommen ja gut weg. eine aussterbende spezies, wohlwollend beschrieben, diese 68er-lehrer.
inzwischen weht an den gymnasien ein anderer wind.
hannes wader, die doors, bob dylan - mit welchen künstlern heute ließen sie sich vergleichen?
auch der schlussanalyse stimme ich zu: es fehlt die sinnstiftung für bildungsferne leute, sprich arbeit.
armut ist nicht das problem.

Dann bestand Deutschland zu Beginn der 60er Jahre aus über 40 % der Bevölkerung aus "Unterschicht". Wir können nicht zwei Zeiträume die 40 Jahre oder mehr auseinanderliegen miteinander vergleichen. Denn zu der Zeit war es nicht üblich, daß Arbeiterkinder aufs Gymnasium gingen, ebenso waren Auto und Fernseher oder Telefon keine Selbstverständlichkeit und gehörten mit Sicherheit noch nicht zum verbrieften Lebensstandart einer durchschnittlichen Arbeiterfamilie. Es war für einen Großteil der Deutschen keine einfache Zeit. Der starke Aufschwung begann so um 1963, aber von allgemeinem Wohlstand und sozialer Absicherung kann man erst ab cirka 1969 sprechen. Nur die Arbeiter von großstädtischen Großbetrieben wie Daimler, VW, Bayer,BASF,THyssen, Krupp ( Liste ist nicht vollständig) waren durch hohe Löhne die Wohlstandsvorreiter in der "Arbeiterklasse" Der Vorteil dieser Zeit 60 Jahre war, daß wenn man den Willen hatte aufzusteigen dies mit relativ einfachen Mitteln bewerkstelligen konnte.

Hier liegt eine kleine Verwechslung von Matthias Heines Seite vor. Die Unterschicht ist nicht durch Armut definiert, sondern eben durch den mangelnden Aufstiegswillen. Es gibt in Deutschland massig "kritische Bildungseliten" (so eine der "politischen Gruppen", die das Forschungsinstitut ermittelt hat), die viel weniger haben als Hartz-IV-Empfänger, aber zugleich Universitätsdozenten mit hochfliegenden Plänen sind.
Matthias Heines Beitrag ist wirklich ärgerlich, weil er genau das wieder verschüttet, was die Untersuchung hervorgeholt hat: daß einige überhaupt nicht mehr auf soziale Inklusion hoffen. Es ist endlich mal der Versuch, Menschen nicht nur über ihr Geld zu definieren. Er selbst hat der Definition gemäß offensichtlich auch schon immer der kritischen Bildungselite angehört. Mit Rimbaud, Baudelaire, Brecht oder Kafka, und seien sie geklaut. (Die Bildungselite in Deutschland lernt am schnellsten, daß geschicktes Klauen der Karriere zuträglich ist.)
Der Punkt ist ja, daß eine Umverteilungsgesellschaft gerade besonders erniedrigend sein kann. Das ist das, was das Land zu spüren beginnt.

Ein, sehr schoen,ehrlicher,gradlinieger Beitrag eines Altersgenossen.
Die Unter-Schicht ist gleichzusetzen mit der Afghanistan-Debatte.
Die einen tuns mit den Toten.
Die anderen mit den Noch-Lebendigen.
Die Begegnung ohne Vorbehalte ist unserer Zeit abhanden gekommen.
Erkenntnis, ist der erste Schritt zur Besserung.