Von Friederike Haupt
Samstag, 12.30 Uhr, Leipzig-Paunsdorf: Hier beginnt die Reise, sechs Tage, nicht mit Zug, Flugzeug oder Auto, sondern mit Fremden, die Mitfahrten in ihren Autos im Internet anbieten. Wer schnell genug anruft, darf mitreisen. Und weil Thomas einen freien Platz gemeldet hat - Leipzig-Paunsdorf nach Pepelow, nordöstlich von Wismar -, beginnt die Tour eben hier. Thomas hat das Auto, Thomas ist der Boss, Thomas ist in Urlaubsstimmung.
Das Verdeck seines weißes Cabriolets hat der junge Kfz-Mechaniker nur wegen der dicken Wolken noch nicht geöffnet. Dachte, du bringst gutes Wetter mit! Und dann gibt er Gas, von null auf Hochgeschwindigkeit in vier Sekunden. Vertrödelte Minuten gehen von der Strandzeit ab. 25 Euro verlangt er für die Mitfahrt. Ich brauch' das Geld eigentlich nicht. Aber nachdem ihm ein Kumpel abgesagt hatte, wollte er den Platz nicht leer lassen. Thomas spricht wenig. Die Unterhaltung überlässt er Rammstein. Deren Œuvre in Maximallautstärke ist der Soundtrack zur Fahrt. Sehnsucht ist so grrrrrrrausam! Dazwischen piepst chancenlos das Navigationsgerät.
Neidische Blicke verschwinden im Rückspiegel
Kurz hinter Berlin erlaubt die Sonne endlich das offene Verdeck. Neidische Blicke verschwinden bei 180 Stundenkilometern im Rückspiegel. Unter strenger Aufsicht gestattet Thomas nun sogar den Verzehr einer Streuselschnecke. Kein Krümel soll auf den Ledersitzen landen. Nach fünf Stunden und 420 Kilometern ist Pepelow erreicht, wo Thomas mit Freunden seinen Urlaub verbringen will. Seine Mitfahrerin muss ins 17 Kilometer entfernte Boldenshagen. Den kleinen Umweg fährt er noch.
Samstag, 18 Uhr, Boldenshagen: Erstes Quartier ist der Ferienhof Poggendiek, die Rettung für alle, die ihren Sommerurlaub in Ostseenähe nicht schon an Heiligabend geplant haben. Wer kurzfristig ein Zimmer sucht, fühlt sich bald dümmer als jede Blondinenwitzblondine. Längst alles dicht! Ungläubiges Gelächter schallt der Spätbucherin aus dem Telefon entgegen. Auch im Hof Poggendiek, acht Kilometer vom Meer entfernt, sind alle Wohnungen belegt.
Abenteuerlust in den Augen
Nicht aber die Plätze in der Heuherberge: In der Scheune wurden Heuhaufen aufgeschüttet, mit Bretterwänden getrennt, dazu Duschen und Toiletten eingebaut - fertig. 14 Euro kostet eine Nacht im Schlafsack. Eine gute Nacht: keine krabbelnden Vielbeiner, keine klammen Klamotten. Beim Morgenkaffee preisen Väter - Abenteuerlust in den Augen, Heu im Haar - und Mütter die Schlafstätte, die Kinder sind schon bei den Pferden. Hofherr Willi Roßmann grüßt vom Traktor, seine Frau Iris gibt Ausflugtipps. Wer Seeluft schnuppern will: Der Bus nach Kühlungsborn fährt ab.
Sonntag, 11.30Uhr, Kühlungsborn: Wenn es wirklich kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung gibt, sollte mancher hier seine Garderobe überdenken: Dem Dauergeniesel trotzen Optimisten im T-Shirt. Unter dem von Heuhotel-Chefin Roßmann ausgeborgten Riesenschirm trifft einen selbst auf der windigen Seebrücke kein Tropfen. Und die Kinder am Strand stört der Regen ohnehin nicht.
Noch eine Nacht im Heu
Zwei ganz Mutige springen ins Wasser, andere locken Möwen mit Brotbrocken oder füllen sich die Taschen mit Muscheln. Die Kinder buddeln, die Älteren erholen sich bei Fisch satt von der Souvenirjagd in der Fußgängerzone. Ein Strandspaziergang, und schon fährt der letzte Bus zurück. Noch eine Nacht im Heu, dann geht es weiter nach Rostock.
Montag, 15.15 Uhr, Rostock: Hallo, hier ist Katharina von der Mitfahrgelegenheit. Wollte nur wissen, ob's dabei bleibt, dass du heute mitkommst von Rostock nach Berlin. SMS zurück: Klar! Von Boldenshagen fährt ein Bus nach Rostock. Im Hafen ankert der Dampf-Eisbrecher Stettin. Zahlmeister Wolfgang Reppin führt über das 1933 gebaute Museumsschiff. Wir sind auch nur auf der Durchreise. Bald geht es zurück nach Hamburg.
Fastfood auf der Raststätte
Dann also zu Katharina. Mit einem abwechselnd dösenden und herumalbernden Pärchen auf der Rückbank des kleinen Renault geht es los. Physiotherapeutin Katharina fährt vom Familienfest zurück nach Berlin, wo sie lebt. Reifen auf Teer, Störche auf Feldern, Tankstellen im Niemandsland. 70 Kilometer vor Berlin Fastfood-Stopp. (Ich ess' da ja sonst nie, aber...). Beim Fahrpreis von zwölf Euro ist auch ein Maxi-Menü drin. Früher nahm Katharina nur zehn Euro. Mit ihrem neuen Tarif reagiert sie auf die hohen Benzinpreise, die den Mitfahrzentralen zweistellig wachsende Nutzerzahlen beschert.
Montag, 20.30 Uhr, Berlin: Hostel Alcatraz, nicht halb so schlimm wie sein Name. Etwas Glück und 18 Euro braucht der Gast, um einen Platz im ansonsten leeren Achter-Schlafraum zu bekommen, mit Blick auf die Schönhauser Allee. Der Abend im Prenzlauer Berg: warme Luft, Kneipenhopping. Der Sommer kann nie so heiß werden, dass die Berlinerin sich die Leggings unter dem Mini spart. Am nächsten Tag Bis-mittags-Frühstück. Dann in die Ausstellung von Paparazzi-Bildern im Museum für Fotografie (noch bis 16. November).
Zwotes Gehalt
Um 22 Uhr, schreibt Dennis im Internet, kann man mit ihm nach München fahren. Und Esther startet um 7.30 Uhr nach Garmisch-Partenkirchen! Ick heeß nich' wirklich Dennis, is' ja logo, sagt Dennis, etwa 40 Jahre alt, als er seinen Transporter anlässt. Der Name sei ausgedacht, um von seinem Chef nicht ertappt zu werden - wegen der Mitfahrer. Dennis fährt für sechsfuffzig die Stunde Zehntausende Briefe von Berlin nach München, alle zwei Tage. Tausend Euro im Monat bekomme er dafür, das reiche nicht für seine Madame und die drei kleinen Kinder.
Die 30 Euro pro Mitfahrer summieren sich für ihn zu einem zwoten Gehalt. Während der Fahrt telefoniert er fast ununterbrochen mit Kollegen: Jau, jau, ruft er ins Headsetmikro, klagt sein Leid über sein kaputtes Motorrad. Die Heizung heizt, der Regen prasselt, Dennis dämpft die Stimme - statt Schäfchen kann man weiße Transporter auf der fast leeren Autobahn zählen, bis der Schlaf kommt.
München wacht auf
Mittwoch, 4.30 Uhr, München: Wir sind daha! Dennis' Weckruf. Drei Stunden bis zur Weiterfahrt. Klar, dass es regnet. Klar, dass das Café Frischhut am Viktualienmarkt nicht mehr wie früher um fünf, sondern erst um sieben Uhr öffnet. Der Fastfood-Riese am Stachus schließt genau dann für eine einzige Stunde, wenn man erkannt hat, dass dessen Kaffee besser ist als gar keiner. So bleibt nur, die Choreographie der Reinigungsfahrzeuge auf dem Marienplatz zu beobachten.
München wacht auf: Hier werden Tomaten angeliefert, dort sammelt einer Pfandflaschen, da trödelt jemand zur Frühschicht. Um sieben endlich ins Café! Hefegebäck und Kaffee. Eine Schmalznudel für hier, eine Rohrnudel to go, denn gleich ist Abfahrt.
Unterhaltung inklusive
Mittwoch, 9.00 Uhr, Garmisch-Partenkirchen: Esther, die in München lebt und in Garmisch als Sozialpädagogin arbeitet, nimmt sieben Euro für die Mitfahrt. Unterhaltung inklusive: Mit ihr lässt sich gut lästern über ehemalige Fahrer und Mitfahrer wie den Neonazi, der statt Cola schwarze Besatzerbrause bestellte, oder den Weltverbesserer, der sie in Endlosdiskussionen verstrickte.
In Garmisch angekommen, ruft der 1780 Meter hohe Wank. In der Kabine der Seilbahn lobt ein Meißener Ehepaar die Aussicht. Im Nebel sieht man aber nicht einmal die nächste Gondel. Auf dem Gipfel herrscht Friedhofsruhe, nur gelegentlich unterbrochen von dumpfem Glockengeläut. Die nasse Nase der dazugehörigen Kuh sehen die Schlechtwetterwanderer aber erst, wenn sie zwei Meter vor ihnen auftaucht. Umso größer ist die Freude, als mittags die Wolkendecke aufreißt: Da ist das Tal, da ist Garmisch! Nach einer Viertelstunde aber ist alles wieder weiß.
Fleischpflanzerlsemmeln
Der Launenhaftigkeit des Wetters setzt man Fleischpflanzerlsemmeln entgegen. Auch in Hobi's Cyber Café finden Touristen Zuflucht. Rentner kontrollieren ihre Aktiendepots, Teenager ihre Schüler-VZ-Seiten. Im Internet findet sich die nächste Unterkunft: das Haus der Naturfreunde, ein Hof am Waldrand, 14,60 Euro mit Frühstück, Jugendherberge in angenehm.
Donnerstag, 12.00 Uhr, Eibsee: Wer mehr als 200 Meter läuft, ist ein Landstreicher. Zwei Jungs wollen ihren Vater im Frühstücksraum vom Wandern abhalten. Wer dem Nordic-Walking-Stock-Stakkato zwischen Garmischer Cafés und Eisdielen entgehen will, sollte in die Natur flüchten. Das muss nicht im Gewaltmarsch enden: Der 7,5 Kilometer lange Weg um den nahen Eibsee lässt sich locker und mit Brotzeitpause in zwei Stunden abspazieren.
Kannst du warten?
Und heute möchte man ihn fast zweimal laufen: Grün glitzert das Wasser, hell blitzt das Gipfelkreuz der Zugspitze, und der Himmel tut, als habe er Regenwolken nie gekannt. Zum Eibsee fährt ein Linienbus, der Haltestellen mit Namen wie Gung'lstub'n bedient. Der Fahrer hält auf offener Strecke, um sich beim Sedlmayr eine Leberkässemmel zu holen. Zurück in Garmisch, zurück in Esthers Auto: Um 17.30 Uhr fährt sie wieder nach München. Da sie diesmal zwei Mitfahrerinnen hat, kostet die Fahrt nur fünf Euro.
Eineinhalb Stunden später fährt Marek von München nach Leipzig. Das ist zu schaffen - eigentlich. Aber plötzlich kurz vor München Stau. Greta, die mit im Auto sitzt, beißt sich auf die Unterlippe. Ihre Anschlussmitfahrt nach Dresden steht auf dem Spiel. Anruf bei Marek: Kannst du eine halbe Stunde warten? Er sagt ja, Esther fährt von der Autobahn ab nach Sendling. Von da aus geht's mit der U-Bahn weiter, eine ewige halbe Stunde dauert es bis zum Treffpunkt Olympiazentrum.
Bis vor die Haustür
Donnerstag, 19.30 Uhr, München: Marek und seine Freundin haben tatsächlich gewartet: Wir haben ja keine Termine mehr. Die beiden Polen wohnen gleich nebenan im Olympiazentrum. Weronika, die in Leipzig Sprachen studiert, arbeitet in den Semesterferien in Fürstenfeldbruck, zehn Stunden am Tag, vier Monate im Jahr. Mit dem Geld finanziert sie ihr Studium. Marek, der sie besucht hat, studiert in Zittau Wirtschaftsingenieurwesen.
Für die 350-Kilometer-Mitfahrt verlangt er nur 15 Euro statt der üblichen 20 bis 25 Euro. Sein alter Opel fährt mit Gas, rund 25 Euro kostet der Treibstoff für die ganze Fahrt: Ich habe selbst wenig Geld, warum sollte ich da anderen, die auch wenig haben, mehr als nötig abnehmen? Wie selbstverständlich reicht dann Weronika Pfirsiche und Wasser nach hinten. Bis vor die Haustür fahren die beiden ihre Mitfahrerin. Meld dich, wenn du die Strecke wieder mal fahren willst!
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Friederike Haupt