Von Friederike Haupt
16. Februar 2008 Da liegt es, das Erbe des Vaters, umhüllt von Butterbrotpapier. Auf dem Schreibtisch in Juri Gottschalls Münchner Wohnung türmen sich Ordner, Umschläge und Hüllen aus dünnstem Papier. Foto-Negative seines Vaters Dietmar Gottschall, der 1997 starb, sind darin gesammelt. Für den Sohn, 28 Jahre alt, sind sie ein Schatz: Die zeigen eine Welt, die ich gar nicht mehr kenne. Seit einem Jahr archiviert er mehr als 10.000 Negative, die Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren zeigen: eine untergegangene Welt in Schwarzweiß, mit fremden Straßen, fremden Autos, fremden Menschen.
Unentdeckt lagerten die Kisten mit den Negativen jahrelang auf dem Dachboden des Hauses von Juri Gottschalls Mutter Stéphanie Stephan. Erst vor rund einem Jahr fand der Sohn sie beim Stöbern. Er begann, die Bilder zu sortieren und zu archivieren. Je mehr ich mir ansah, desto begeisterter wurde ich. Ich wollte unbedingt was daraus machen. Nun plant er eine Ausstellung mit den Bildern. Seine Arbeit ist die Vorbereitung - und eine Suche nach dem Vater.
Nach Interviews zückte er die Kamera
Einen Überblick verschafften ihm drei selbstgemachte Bücher des Vaters. Darin hatte er etwa 200 Kopien seiner Lieblingsbilder gesammelt. Juri Gottschall, selbst Fotograf, war überwältigt. Er fand Eindrücke aus einer Zeit, die er nur aus dem Geschichtsbuch kennt, eingefangen mit einem außergewöhnlichen Blick fürs Skurrile. Vor allem Menschen hatten es dem Vater, der als Journalist arbeitete, angetan: Menschen an der Spitze der Gesellschaft und am Boden.
Da sieht man Sean Connery beim Golfen, den verschwitzten Jimi Hendrix auf der Bühne, die junge Bianca Jagger vor einer Schar Fotografen, Joseph Beuys hinter einer Glasscheibe, Andy Warhol mit Kopfhörern um den Hals. Auch fotografierte Gottschall als Redakteur bei Capital und Manager Magazin zahllose Wirtschaftsgrößen, die meisten zwischen 1965 und 1980. Die einzelnen Filme sind nicht beschriftet, bei vielen kann Juri Gottschall nur vermuten, wann sie aufgenommen wurden. Autos, Plakate im Hintergrund lassen manches erahnen. Zur Veröffentlichung gab Gottschall damals allerdings kaum eins der Bilder frei. Sie entstanden nebenbei: Nach Interviews zückte er die Kamera und machte noch schnell ein Bild.
Mehr als die da oben hatten es dem Journalisten aber die da unten angetan. Auf der Reeperbahn zog er durch die Kaschemmen, fotografierte Prostituierte, invalide Straßenmusiker, obdachlose Trinker, Demonstranten, Schah-Anhänger, Bauern. Tausende Alltagsszenen vor allem aus Hamburg hat Gottschall festgehalten. Sein Herz schlug für die Fotografie, sagt der Sohn. Geschrieben habe der Vater zwar auch gern; doch seine wahre Passion sei die Kunst gewesen.
Leutselige Wirte, dicke Kinder, Paare und Passanten
Dabei hat Dietmar Gottschall nie als Fotograf gearbeitet. 1938 in Berlin geboren, absolvierte er zwar eine Ausbildung an der Hamburger Fachschule für Fotografie. Dann aber studierte er Psychologie. Davon profitierte er als Wirtschaftsjournalist und Buchautor, der über die Psychologie des Managements und die Humanisierung der Arbeit schrieb. Fotografiert hat Gottschall fast nur privat. Einmal flog er mit einem Freund nach Nordengland und wanderte von dort bis nach London. Unterwegs kehrten sie in jeder Kneipe ein.
Bilder von dieser Tour zeigen leutselige Wirte, dicke Kinder mit Zuckerwatte auf Volksfesten. Paare, Passanten. Der Vater, sagt Juri Gottschall, sei ein Abenteurer gewesen, der selten zu Hause war und dem Sohn aus aller Welt Postkarten schickte. Abenteuerlich ging es auch im Hause Gottschall zu. Während Juri Gottschall mit seiner Mutter zwei Etagen bewohnte, zog sich der Vater ins Dachgeschoss zurück, hörte dort laut Jazz- und Beatles-Platten und klebte Collagen zusammen aus Verpackungen, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Im Keller entwickelte er seine Fotos, und der kleine Juri assistierte. War die Mutter, ebenfalls Journalistin, auf Reisen, malten Vater und Sohn schon mal einen Dschungelbuch-Affenkönig an die Wand des Treppenaufgangs.
In Planung: Ausstellung und Bildband
In den neunziger Jahren sah Juri den Vater kaum noch. Der war fast nur noch mit der Kamera unterwegs. Mehrere Tage am Stück erlebten ihn nur seine alten, kranken Eltern, die er öfters in ihrer Wohnung in der Nähe von Hannover umsorgte. Den Sohn Juri traf er alle paar Monate in München, immer wenn er gerade für eine Recherche dort zu tun hatte. Postkarten und Briefe aus aller Welt kündeten dem Jungen dazwischen von den Aufenthaltsorten des Vaters. Am 26. Februar 1997 dann der Schock: Die Mutter holte den Sohn von der Schule ab, der Vater sei gestorben. Was passiert war, ließ sich für die beiden zunächst schwer rekonstruieren. Sicher ist heute, dass Dietmar Gottschall mit 58 Jahren im Haus seiner Eltern an Krebs starb. Einige Monate vor seinem Tod hatte er ungewöhnlich viele weite Reisen gemacht. Er wusste wohl, dass seine Stunde geschlagen hat, vermutet sein Sohn heute. Gesagt hatte er dem damals Siebzehnjährigen nichts.
Jetzt, elf Jahre später, verraten die Fotos Juri dafür umso mehr über Dietmar Gottschall. So hatte der Vater offenbar eine Ausstellung der Bilder geplant, die der frühe Tod verhinderte. Juri will es nun stellvertretend für ihn in die Tat umsetzen. Noch sucht er nach einer Möglichkeit, die Fotos auszustellen. Auch einen Bildband will er herausbringen: Wäre doch schade, wenn die Aufnahmen bei mir im Archiv einstaubten! Denn Dietmar Gottschalls aufmerksamer Blick hat nicht nur private Momente eingefangen. Er zeigt auch ein Land und seine Menschen, das es so nicht mehr gibt.
Text: F.A.Z., 16.02.2008, Nr. 40 / Seite 9
Bildmaterial: Dietmar Gottschall