30. Juni 2005 Die Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung wird künftig niedriger sein, als die optimistischen Vorhersagen der Politik und der Rentenversicherer dies nahelegen. Zu diesem Ergebnis kommt das Bonner Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in einer Studie im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA).
Viele Rentner würden langfristig real weniger Rentenleistungen erhalten, als sie an Beiträgen eingezahlt hätten, heißt es in der Studie, die am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde. Bisherige Untersuchungen, die zwar sinkende, aber weiterhin positive Renditen errechneten, legten bei der Wirtschaftsentwicklung amtliche Daten für ein kaum realistisches Schönwetterszenario zugrunde, kritisierte IWG-Chef Meinhard Miegel.
Renditen tendieren gegen Null
Nach den Berechnungen des IWG tendieren die Renditen der gesetzlichen Rente dagegen für alle Beitragszahler langfristig gegen Null. Ledige Männer, die 1980 oder danach geboren seien, müßten mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar reale Verluste hinnehmen. Im ungünstigsten Szenario zeigt die Studie für sie eine Rendite von minus 0,2 Prozent. Im mittleren Szenario ergeben sich zumindest für die Männer vom Geburtsjahrgang 2000 an negative Renditen. Als noch ungünstiger erweise sich die Renditeberechnung, wenn man den Steuerzuschuß berücksichtige, der inzwischen 37 Prozent der Rentenausgaben decke und den die Versicherten als Steuerzahler mitfinanzierten, heißt es.
DIA-Sprecher Bernd Katzenstein sagte, die gesetzliche Rentenversicherung habe als System des solidarischen Ausgleichs zwischen Jung und Alt eine Funktion. Als finanzielle Anlageform bleibt sie jedoch ohne Reiz. Das IWG befürwortet - angesichts fehlender Möglichkeiten zur Problemlösung innerhalb des bestehenden Rentensystems - den Umstieg auf eine steuerfinanzierte Grundrente.
Widerspruch gegen Studie
Das Bundessozialministerium widersprach am Mittwoch der Einschätzung von IWG und DIA. Berechnungen der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), des Sozialbeirats und des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung belegten, daß die Rentenrenditen auch für künftige Rentner deutlich positiv sein würden. Die Ergebnisse der Studie im Auftrag des DIA, das von der Deutschen Bank finanziert werde, blendeten maßgebliche Zusammenhänge aus. So müsse das Leistungsspektrum der gesetzlichen Rentenversicherung bei der Renditeberechnung angemessen berücksichtigt werden.
Dazu zählten Hinterbliebenen- und Erwerbsminderungsrenten sowie Rehabilitationsleistungen. Diese Leistungen müßten bei privaten Versicherern extra bezahlt werden. Von einer negativen Wirtschaftsentwicklung, wie sie in der Studie angenommen würden, wäre im übrigen auch die private Altersvorsorge betroffen, erklärte das Ministerium. Die Berechnungen von IWG und DIA dienten dazu, das Geschäft des Auftraggebers anzukurbeln.
Künftig positive Rendite
Der Vorsitzende des Sozialbeirats, Bert Rürup, der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR), Franz Ruland, und BfA-Präsident Herbert Rische kritisierten die zweifelhaften Annahmen der Studie. Wenn man bei den Renditeberechnungen von einer dauerhaften Stagnation der Reallöhne bis 2050 ausgehe, stelle man nicht nur die Rentabilität der gesetzlichen Rentenversicherung, sondern auch die der privaten Alterssicherung in Frage, sagte Ruland. Die Untersuchungen unabhängiger Institutionen sind bislang regelmäßig zu dem Ergebnis gekommen, daß die Renditen in der gesetzlichen Rentenversicherung auch langfristig positiv sein werden, sagte Rürup. Besonders Frauen und Ehepaare hätten vergleichsweise hohe Renditen zu erwarten. Nach den jüngsten Reformmaßnahmen in der Rentenversicherung würden sich die Renditen in der Rentenversicherung zwar verringern, blieben aber auch künftig positiv, sagte Rische. Für die heute Zwanzigjährigen rechnet die BfA weiter mit einer Rendite von 2 bis 3 Prozent.
Noch skeptischer als IWG und DIA äußerte sich jüngst der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen zur Rentenrendite. Unter der Annahme, daß der Standardrentner künftig nicht mehr 45 Beitragsjahre vorweisen werde, rechnet der Ökonom vor, daß ein heute 40 Jahre alter Mann mit einem Rentenbeitrag von 300 Euro im Monat zwar noch 400 Euro monatliche Rente erhalten werde. Die Rendite seiner Einzahlung werde angesichts langer Beitrags- und kurzer Rentenzeit aber bei Null liegen. Eine 40 Jahre alte Frau werde unter gleichen Annahmen immerhin 690 Euro Rente erhalten und so wegen der höheren Lebenserwartung eine Rendite von 2,8 Prozent erzielen.
Text: enn., F.A.Z., 30.06.2005, Nr. 149 / Seite 13
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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