15. Februar 2008 Als vor fast genau fünfzehn Jahren in New York der Comic-Künstler Harvey Kurtzman starb, zeichnete wenig später sein Kollege Art Spiegelman einen kurzen Comicstrip. Er porträtierte sich darin selbst bei der Lektüre der New York Times: Der Nachruf des Blattes auf Kurtzmann war ursprünglich überschrieben mit Der Zeichner, der dabei half, ,Mad' zu gründen. Spiegelman, so erzählt sein gezeichnetes Alter Ego, habe empört bei der Redaktion angerufen: Das ist, als ob man sagen würde, Michelangelo habe dabei geholfen, die Sixtinische Kapelle auszumalen, nur weil irgend einem Papst die Decke gehört habe.
Er erinnerte sich nur zu genau an die Totenklage, die von der Times - auf der Titelseite! - angestimmt wurde, als der Mad-Verleger Bill Gaines starb. Nun wurde jenem Mann, der zwar nicht das Geld für, aber alle Ideen zu Mad hatte, weniger Ehre erwiesen, denn auf die Titelseite kam an seinem Todestag etwas anderes. Im letzten der vier Bilder steht ein gebeugter Spiegelman und klagt: An dem Tag, als Victor Hugo starb, weinte ganz Paris; am Tag, als Harvey Kurtzman starb, kaufte CBS das Ed-Sullivan-Theater, um David Letterman in New York zu halten.
Halt in den Comics
In diesen vier Bildern steckt nicht jener Art Spiegelman, den die ganze Welt kennt. Diese ganze Welt wird heute über die Artikel zu seinem sechzigsten Geburtstag schreiben: Der Mann, der ,Maus' zeichnete. Denn sein Comic Maus hat Spiegelman berühmt gemacht und ihm 1992 gar den Pulitzerpreis eingebracht - allerdings nicht als erstem Comic-Zeichner, wie heute auch die ganze Welt behaupten wird, denn vor ihm waren schon Rube Goldberg, Gary Trudeau und Jules Feiffer ausgezeichnet worden, aber doch als erstem Comic-Künstler, der nicht in Zeitungen publizierte. Maus erzählt auf fast dreihundert Seiten die Geschichte von Vladek Spiegelman. Die Eltern des Zeichners waren polnische Juden, die Auschwitz überlebt haben, während Art Spiegelmans älterer Bruder im Getto starb. Auf den am 15. Februar 1948 in Stockholm geborenen zweiten Sohn, mit dem sie dann nach Amerika auswanderten, konzentrierten sich alle Hoffnungen der Eltern, aber auch alle im Grauen des Lagerlebens erworbenen Empfindlichkeiten. Und die Erinnerungen daran waren niemals abzuschütteln. Als Art Spiegelman zwanzig Jahre alt war, wählte seine Mutter den Freitod.
Spiegelman fand Halt in den Comics, seinen Schmerz zeichnete er sich in der Kurzgeschichte The Prisoner from Hell Planet von der Seele, die später auch in Maus integriert wurde. Mit ihr war ein Comic-Avantgardist geboren, der sich am europäischen Holzschnitt der zwanziger Jahre orientierte, an Masereel und Kirchner. Es war klar: Hier trat ein junger Mann auf, der über ein kunstgeschichtliches Wissen verfügte, das in Amerika unüblich war und im Comic geradezu unerhört. Schon der Zweiundzwanzigjährige wurde von einem College eingeladen, Kurse zur Ästhetik des Comics abzuhalten, allerdings wieder ausgeladen, als man Spiegelmans eigene Arbeiten sah; man befürchtete Proteste wegen Pornographie.
Geschichte hat er immer schon geschrieben
Doch Spiegelman war vor allem ein experimenteller Zeichner, der die Möglichkeiten des Comics bis zur Neige auskostete. Und immer wieder stößt man in seinen frühen Arbeiten, die man dekonstruktivistisch hätte nennen müssen, wenn der Begriff damals schon etabliert gewesen wäre, auf Reminiszenzen an die großen Comic-Zeichner wie George Herriman, Chester Gould, Winsor McCay oder eben Harvey Kurtzman. Dieser fanatische Bild-Historiker ist es, den man in dem kurzen Comicstrip zu Kurtzmans Tod wiederfindet: einen Liebhaber, der seine großen alten Meister verehrt und zugleich immer auf der Suche nach neuen ist. Als erste Anthologie unter Spiegelmans Leitung entstand 1975 Arcade, doch darin beschränkte er sich noch auf amerikanische Zeichner. Als er fünf Jahre später gemeinsam mit seiner französischen Frau Françoise Mouly Raw ins Leben rief, brachte er die jungen europäischen Stars jener Jahre erstmals nach Amerika: Jacques Tardi, Lorenzo Mattotti, Ever Meulen, Joost Swarte, Baru. Und er entdeckte im Laufe der Jahre Talente, die zu Superstars werden sollten wie Chris Ware oder Richard McGuire.
Als Lehrer an der School of Visual Arts in New York prägte er Generationen von Comic-Zeichnern, und zwar nicht nur ästhetisch, sondern vor allem historisch. In den neunziger Jahren schließlich wurde Spiegelman auch zu einem der einflussreichsten Illustratoren der Gegenwart. Denn als er Maus nach mehr als zehnjähriger Arbeit 1991 beendet und Raw nach insgesamt elf Nummern eingestellt hatte, wurde er regelmäßiger Titelblattzeichner für das Magazin The New Yorker, bei dem seine Frau als Art-Directorin wirkte. Hier entstanden umstrittene Titelbilder wie ein pinkelnder Weihnachtsmann oder das berühmte Cover, auf dem sich ein chassidischer Jude und eine schwarze Frau küssen.
Das berühmteste aller Titelbilder aber zeichnete er 2001, unmittelbar nach den Attentaten vom 11. September, die er als Angriff nicht auf das reaktionäre Amerika des George W. Bush, sondern auf sein geliebtes liberales New York versteht. Der New Yorker erschien danach mit einem auf den ersten Blick nachtschwarzen Cover, in dem aber durch unterschiedliche Farbintensität die Türme des World Trade Center als schwarze Schemen noch erkennbar sind. Wenig später entschloss sich Spiegelman, zugunsten seiner Comics die Arbeit als Illustrator wieder zu reduzieren. Derzeit arbeitet er in seinem Atelier in SoHo an einem Comic über die eigene Kindheit, von dem niemand weiß, wann er abgeschlossen sein wird. Geschichte hat er immer schon geschrieben; das wird sich auch bei diesem Vorhaben nicht ändern.
Text: F.A.Z., 15.02.2008
Bildmaterial: AP