Religion und Biologie

Die Gottesfürchtigkeit im Genpool

Von Joachim Müller-Jung

Gibt es im Gehirn eine “Veranlagung“ zur Religiosität?

Gibt es im Gehirn eine "Veranlagung" zur Religiosität?

25. Dezember 2008 Haben moralische Überzeungen biologische "Wurzeln"? Gibt es Prozesse oder Substanzen im Gehirn, die eine "Veranlagung" des Menschen zur Religiosität bewirken? Die Metaphern, die hier aus zwei unterschiedlichen wissenschaftlichen Texten der vergangenen Monate zitiert werden, lassen die Verlegenheiten erkennen, mit denen die ansonsten um sprachliche Präzision bemühten Naturwissenschaften zu kämpfen haben, wenn es darum geht, Relgiosität und Moralität in ihre Welterklärungsmodelle zu fügen. Verlegenheiten freilich, die sie keineswegs davon abhalten, nach eigenen Erklärungen für das Aufkommen solcher kulturübergreifenden menschlichen Konstanten zu suchen. Und zwar mit wachsendem Eifer.

Man muss es in diesen Tagen sogar noch zuspitzen: Weder religiöser Fundamentalismus, der sich allein auf spirituelle und kulturelle Überzeugungen beruft und jeden biologischen Materialismus ablehnt, noch der Kreuzzug, den die "neuen Atheisten" um Richard Dawkins gegen die Religionen angezettelt haben, vermag derzeit die ernsthafte Suche nach den evolutionsbiologischen Ursachen für religiöses Denken und moralisches Handeln zu unterbinden. Dieser vermeintliche neue Kulturkampf läuft auf einer Nebenbühne ab.

„Religion und Evolutionsbiologie lassen sich zusammendenken“

In der wissenschaftlichen Hauptarena hingegen liefern sich Evolutionsbiologen und Kognitionsforscher mit Psychologen und Kulturanthropologen einen zusehends kreativen Wettstreit um die besten Erklärungsmodelle. Dutzende wissenschaftliche Artikel sind allein in diesem Jahr erschienen. In dem kürzlich erschienenen Buch "Die Vermessung des Glaubens" hat Wissenschaftsautor Ulrich Schnabel diese unkonventionellen Neuerkundungen des Religiösen gewürdigt und erleichtert festgehalten: "Religion und Evolutionsbiologie lassen sich zusammendenken". Und im anbrechenden "Darwin-Jahr" 2009, wenn hoffentlich nicht nur die erdgeschichtliche Erfindung von Körpermerkmalen, sondern auch von Denk- und Verhaltensweisen besprochen werden wird, dürfte mit weiteren ergiebigen Debatten zu rechnen sein.

Gott oder Darwin - das klingt vielen immer noch wie Gut gegen Böse, menschliche Moral auf der einen, der Kampf ums Dasein auf der anderen Seite. Die neue Anthropologie hat diese Gegensätze hinter sich gelassen. Sie ist weit davon entfernt, isolierte biologische oder soziale Erklärungen zu predigen oder nach speziellen Domänen des Moralischen zu suchen. "Wir versuchen nicht, Gene oder das einzelne Gen für religiöses Denken zu identifizieren", schrieb dazu Pascal Boyer von der Washington University in St. Louis, der mit seinem Beitrag in "Nature" (Bd. 455, S. 1038) im Oktober dieses Jahres eine ganze Serie von Essays über die Grundlagen des Menschseins einleitete. Gefragt wird nach seiner Überzeugung inzwischen vielmehr: Warum sind religiöse Geisteshaltungen so erfolgreich, was hat sie - allen atheistischen Ausreißern zum Trotz - so fest und fast ausnahmslos in die menschlichen Gesellschaften integrieren lassen? Und welche Rolle spielen Mitgefühl, Vertrauen, Altruismus und Eigennutz dabei?

Bei dem Versuch, dies herauszufinden und die ursächlichen Prozesse zu lokalisieren, ist es üblich geworden, religiösen Menschen ins Gehirn zu blicken. In der Zeitschrift "Zygon" etwa haben vor wenigen Tagen amerikanische Neuropsychologen von ihren Befunden berichtet, wonach sprituelle Erfahrungen einerseits mit einer abnehmenden Aktivität des für die Selbstwahrnehmung wichtigen rechten Scheitellappens einhergehe und andererseits mit einer zunehmenden Aktivierung des linken Schläfenlappens, der "Assoziationen mit speziellen religiöser Archetypen" vermittele. Viel Licht in das evolutionsbiologische Dunkel oder die kulturellen Hintergründe transzendentaler Erfahrungen bringen solche Aufnahmen mit Hirnscannern bisher allerdings nicht.

Glaube als evolutionäre Anpassung

Erfolgversprechender scheinen viele der psychologischen bis hin zu ökonomischen Verhaltensexperimenten zu sein, die eine empirische Datenbasis aufbauen und zur Überprüfung evolutionsbiologischer Hypothesen herangezogen werden können. Die Möglichkeiten, die sich dabei gegenüberstehen, lassen sich ganz grob in zwei Richtungen zusammenfassen: Entweder sind religiöse Gedanken und Rituale Nebenprodukte der Evolution unseres Gehirns, die quasi unsere Gedankenwelt erobern - ähnlich wie uns Musik, Kunst oder Macht zu beschäftigen vermögen. Oder der Hang des Menschen zum Glauben an höhere Mächte ist doch als evolutionäre Anpassung zu verstehen, die dem Menschen womöglich schon im Pleistozän einen veritablen Überlebensvorteil geboten hat.

Auf welche Spur diese These führt, haben vor kurzem Ara Norenzayan und Azim Shariff von der University of British Columbia in Vancouver in einer Veröffentlichung in der Zeitschrift "Science" (Bd.322, S. 58) deutlich gemacht. Sie haben zahlreiche experimentelle Studien nach den Verbindungen von sozialem Verhalten - Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Großzügigkeit etwa - und Religiosität hin untersucht. Die Idee dahinter ist, dass religiöse Überzeugungen soziales Verhalten extrem fördern. Sie schweißen gewissermaßen Gruppen zusammen, indem sie die Kooperation und das gegenseitige Vertrauen fördern. Der gemeinsame Glaube an eine übergeordnete, göttliche Instanz fördert demnach vor allem die Kooperation in großen Gruppen. Und zwar weniger aus einem genetisch verwurzelten Gemeinsinn heraus als vielmehr aus Sorge um den eigenen Ruf in der Gruppe. Gott wird gewissermaßen zum Großen Bruder, und diese buchstäbliche Gottesfürchtigkeit umso bedeutender, je größer die Gruppe ist. "So wie das Wissen um einen menschlichen Wächter, der den Zusammenhalt zwischen Gläubigen und Ungläubigen zusammenzuhalten vermag, so fördert das gemeinsame Bewusstsein für Gott das soziale Verhalten unter Gläubigen - ganz ohne soziales Monitoring".

Altruismus ist nicht der alleinige soziale Klebstoff

Anthropologische Studien an Gruppen, deren Überleben bedroht ist, zeigen, dass sich vor allem in solchen Situationen der gemeinsame Glaube an die höhere Instanz bewährt. Gottesglaube verringere den Forschern zufolge puren Eigennutz und die Neigung zum Betrügen und fördere, was insbesondere ökonomisch-experimentelle Untersuchungen herausstellen, das Zutrauen unter Fremden.

So weit, so gut. Altruismus jedoch allein, das hat die experimentelle Evolutionsforschung in den vergangenen Jahren eindrucksvoll belegt, ist nicht der alleinige soziale Klebstoff. Menschliche Gemeinschaften werden auch durch ganz säkulare und spieltheoretisch leichter erklärbare Prozesse wie die Bestrafung von selbstherrlichen Trittbrettfahrern zusammengehalten.

Vor allem aber geben die bisherigen Modelle noch keine wirklichen Einblicke in die biologischen Prozesse im Gehirn, die religiöse Motive zu erklären vermögen. Ideen und Einzelfunde gibt es für solche religiösen "Prädispositionen" durchaus. Doch auf der Ebene der Hirnchemie oder gar des Genoms ist die Handschrift der Darwinschen Evolution noch extrem verschwommen. Einen Grund, die Suche danach aufzugeben, wird man hingegen in den Wissenschaften vorerst kaum suchen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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