Von Frank Steinheimer

"Sie sind dumme Vögel": Der Fund mit der Aufschrift "C. Darwin" sorgte in Cambridge für Überraschung
11. April 2009 Der Tag im Zoologischen Museum der englischen Cambridge University begann für die achtzigjährige Liz Wetton, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Institution, wie viele andere der letzten zehn Jahre: mit dem Sortieren und Umschachteln der Vogeleiersammlung. Auf achttausend Gelege schätzt man den Bestand, an diesem Tag kurz vor Ostern war ein schokoladenbraunes, glänzendes Ei darunter. Die Aufschrift musste entziffert, die Daten mussten aufgenommen werden, es wurde vorsichtig umgeschachtelt - das Ei hatte schon einen Sprung; weiter zur nächsten Schublade.
Am Abend sah sich Sammlungsleiter Mathew Lowe die Daten des Tages näher an, die Überraschung hätte größer nicht sein können: das schokoladenbraune Ei trägt die Aufschrift C. Darwin. Gesammelt hat dieses Ei der englische Naturforscher am 12. Mai 1833 im südamerikanischen Uruguay. Darwin hatte gerade das enge Kajütenleben auf dem Forschungsschiff H.M.S. Beagle gegen Ausritte am Nordufer des La-Plata-Flusses eingetauscht, als seine Aufmerksamkeit auf einen häufigen, am Boden lebenden Vogel fiel, der den heimischen Rebhühnern zu ähneln schien.
Fünfzehn Eier werden noch vermisst
Darwin notiert in sein Notizbuch: Sie sind dumme Vögel; ein Mann auf einem Pferd kann, indem er in Kreisen oder eher Spiralen reitet, Runde für Runde, jedes Mal ein wenig näher und näher kommend, den Vogel derart behelligen, dass man diesen spielend leicht am Kopf treffen oder mit einer Lasche am Ende eines langen Steckens fangen kann. Er präpariert ein Exemplar dieser vermeintlichen Hühnervögel, einige Tage später entdeckt er ein Gelege, vier bis sechs schokoladenbraune, glänzende Eier. Ein Ei nimmt er mit, bläst es aus und packt es in eine zu kleine, enge Schachtel mit der Nummer 1378. Das Ei bekommt einen Sprung.
Die Art wurde inzwischen durch die Experten nachbestimmt. Es ist das Ei des häufigen Fleckensteißhuhns Nothura maculosa. Fleckensteißhühner zählen zur Familie der Tinamidae, die, trotz huhnähnlichen Aussehens, in die Verwandtschaft der Strauße, Nandus, Emus, Kasuare und Kiwis gestellt werden. 172 Jahre nachdem es gesammelt wurde, ist es jetzt wieder aufgetaucht. Wer sich angesprochen fühlt, in Liz Wettons Fußstapfen zu steigen, dem sei gesagt: Fünfzehn Eier und mindestens 242 Vogelbälge von Darwins Sammlung werden noch vermisst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: University Museum of Zoology