07. Dezember 2005 Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hat mit seinen Gedanken zur Beschäftigung älterer Arbeitnehmer für Schlagzeilen gesorgt. Wäre er bei dem Automobilkonzern Daimler-Chrysler in Stuttgart beschäftigt, könnte er sich mit seinen 52 Jahren für die Frühpensionierung bewerben.
Daimler will mit diesem und anderen Mitteln künftig 8500 Mitarbeiter weniger bezahlen müssen. Der Spannungsbogen ist klar: Was das Unternehmen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit für unumgänglich erachten mag, wäre für einen Mann vom Schlage Oettingers nicht hinnehmbar und ist - im großen Maßstab durchgezogen - für die Volkswirtschaft ein Verlust. Der Abbau von Arbeitsplätzen hat stets mehrere Facetten, die aus den unterschiedlichen Blickwinkeln entstehen.
Der Kampf hat eine neue Qualität erreicht
Nicht zuletzt aus diesem Grund führen Meldungen über Stellenstreichungen regelmäßig zu heftigen Debatten. Eine Schocktherapie braucht dieses Land dabei sicher nicht mehr. Es bedarf nicht der Alarmmeldungen aus der Politik, um zu wissen, daß im weltweiten Konkurrenzkampf deutsche Arbeitsplätze in Gefahr geraten. Früher hießen die Gegensätze: Höherqualifizierte übertrumpfen die Schlechtausgebildeten; billige Junge verdrängen teure Alte; Mittelständler schaffen Arbeitsplätze in Deutschland, Großkonzerne verlagern sie. Seit Jahren schon treten aber Westeuropäer gegen Osteuropäer an, und beide verlieren nur zu oft gegen Inder, Vietnamesen und Chinesen.
Die Unternehmen reagieren in dieser Zwangslage mit betrieblichen Bündnissen, deren Kern meist die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich bildet. Inzwischen hat der Kampf um die Arbeitsplätze eine neue Qualität erreicht. Der Automobilzulieferer Continental ist dafür symptomatisch. Auch dort werden wieder 40 Stunden in der Woche gearbeitet. Dennoch sollen 320 Stellen im Werk Hannover-Stöcken wegfallen. Der Vorstandsvorsitzende mußte einräumen: "Die Mitarbeiter haben ihren Beitrag geleistet, aber es hat trotzdem nicht gereicht." Das Eingeständnis ist kein Einzelfall. Siemens hat den Mitarbeitern der Handy-Fertigung mit der Hoffnung auf Verbleib im Konzern große Zugeständnisse abgerungen. Dennoch ist die Sparte kurz danach an einen Konkurrenten in Taiwan verkauft worden.
Profitabel aber nicht gemäß der Markterwartungen
Politiker aller Couleur bis hinauf zum Bundespräsidenten fordern in diesen Tagen die Verantwortung der Wirtschaft ein. Hierzu gehört sicherlich, daß Arbeitsplatzabbau das letzte und nicht das erste Mittel bei Umstrukturierungen sein sollte. Aber vielfach scheinen Unternehmer und Manager ihrer Verantwortung in ganz anderer Weise nicht gerecht zu werden: Sie scheuen sich lange, ihren Belegschaften reinen Wein einzuschenken. Sie nähren Illusionen über eine Sicherheit des Arbeitsplatzes, die so nicht mehr gewährleistet werden kann.
Auch hier spielt der Fall Continental eine besondere Rolle. Die Tatsache, daß der Vorstand eine Betriebsvereinbarung für das profitabel arbeitende Reifenwerk abschloß, nur um wenige Monate später festzustellen, daß die Markterwartungen offenbar auch mittelfristig nicht in Erfüllung gehen, ist zumindest höchst erklärungsbedürftig. In ähnlicher Weise entpuppt sich das Kündigungsverbot in der Daimler-Chrysler AG inzwischen als Knebel. Kleinere Unternehmen mit weniger Gewerkschaftsmacht sind flexibler. Der Küchenhersteller Bulthaup lobt die Qualität der Facharbeiter und fertigt daher nur in Deutschland. Er verlängert mit Beginn des Jahres 2006 die Arbeitszeit auf 40 Stunden - ohne Arbeitsplatzgarantie.
Wer teurer ist, muß besser sein
Unternehmen wie Continental versuchen in den Fragen von Kosten und Arbeitsplätzen vermehrt gegenzusteuern, ehe der Kostenblock die Wettbewerbsfähigkeit des Gesamtkonzerns gefährdet. Was früher immer angemahnt wurde, droht ihnen aber jetzt, da sie Ernst machen, um die Ohren geschlagen zu werden. Viel zu oft wird vergessen: Nur dauerhaft gute Gewinne sichern den Bestand der Unternehmen und damit auch Arbeitsplätze. Quersubventionen für schwache Sparten "aus sozialen Gründen" sind höchstens in Übergangsperioden tragbar. Wer teurer ist, muß entsprechend besser sein.
All dies wird auf der theoretischen Ebene akzeptiert. Auch das Ja zu Reformen in Deutschland ist durchaus verbreitet: für einen flexibleren Arbeitsmarkt und geringere Lohnnebenkosten. Innovation und Flexibilität werden gelobt und gefordert. Wenn es konkret wird, gilt dagegen die Devise "Besitzstandswahrung und Rettungsaktionen". Arbeitnehmer versuchen über betriebliche Bündnisse den Kündigungsschutz sogar noch zu verschärfen. Manager schützen sich gegen die Folgen von Veränderungen durch hohe Abfindungen.
Gewinne für Aktionäre, Verlust von Arbeitsplätzen
Bei Continental ist der alte Gegensatz zwischen glänzender Ertragslage und Stellenabbau ein weiteres Mal aufgebrochen. Gewinne für die Aktionäre einerseits und der Verlust von Arbeitsplätzen andererseits: dies erscheint als eine Gleichung, die für viele niemals aufgehen darf. Der Automobilzulieferer aus Hannover ist in diesem Jahr mit einem Kursgewinn von mehr als 55 Prozent einer der Spitzenreiter im Deutschen Aktienindex. Die Börse verbindet solche Werte stets mit Hoffnungen für die künftige Geschäftsentwicklung.
Damit jedoch gerät jedes Bemühen von Unternehmen um eine Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit - über Zukäufe, Investitionen, Organisationsveränderungen, aber auch über Stellenstreichungen - auf eine schiefe Diskussionsebene. Die Börse ist eben in der Regel die erste Instanz, die ein solches Bemühen honoriert. Continental hat die Erwartungen später regelmäßig erfüllt - und damit auch seine Unabhängigkeit gesichert. Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war dies anders: Damals drohte Conti vom Konkurrenten Pirelli übernommen zu werden - möglicher Kahlschlag in der Belegschaft inklusive.
Text: F.A.Z., 08.12.2005, Nr. 286 / Seite 11
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
Kommentar: Über die zweite ![]()
Stromzähler haben künftig mehr Grips
Der Arcandor-Komplex in drei Akten
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.585,84 | +1,78% |
| TecDAX | 759,59 | +1,31% |
| MDAX | 7.214,83 | +1,84% |
| SDAX | 3.495,11 | +0,86% |
| REX | 372,98 | +0,08% |
| Eurostoxx 50 | 2.841,97 | +1,71% |
| Dow Jones | 10.023,40 | +0,17% |
| Nasdaq 100 | 1.730,76 | +0,56% |
| S&P500 | 1.069,30 | +0,25% |
| Nikkei225 | 9.808,99 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,4988 | +0,78% |
| Rohöl Brent Crude | 77,13 $ | +0,86% |
| Gold | 1.096,75 $ | +0,71% |
| Bund Future | 120,95 € | +0,08% |