Solardächer

Öko-Zwang in Marburg

Von Lisa Nienhaus

22. Juni 2008 Marburg macht's vor. Wer in der hessischen Stadt neu baut, muss vom 1. Oktober an eine Solarthermieanlage aufs Dach montieren. Wasser mit Hilfe der Sonne zu erwärmen ist dann Pflicht für alle. Entkommen können dem Zwang nur Menschen, die ihr Haus unterirdisch bauen, es gar nicht heizen oder planen, es nach zwei Jahren wieder abzureißen. Also keiner. Und es geht noch weiter: Auch Eigentümer bestehender Häuser müssen ihr Wasser bald mit Sonnenkraft erwärmen. Wenn das Dach ausgebessert oder der Heizkessel ausgetauscht wird, muss gleichzeitig ein Kollektor aufs Dach. Sonst drohen 1000 Euro Geldbuße.

Es ist absurd. Gerade steigen die Öl- und Gaspreise, die das Heizen verteuern. Gerade denken die Menschen quer durch die Republik darüber nach, in alternative Energie zu investieren. Gerade greift der Marktmechanismus. Da kommt eine Stadt mit dem Öko-Zwang, der den Menschen keine Wahl mehr lässt.

Marburg ist überall

Marburg, eine unbedeutende Universitätsstadt in Mittelhessen, muss uns mehr kümmern, als uns lieb ist. Denn Marburg ist überall. Baden-Württemberg hat Ende des vergangenen Jahres ein ganz ähnliches Gesetz gleich fürs ganze Land beschlossen. Neue Häuser müssen jetzt 20 Prozent der benötigten Wärme aus erneuerbaren Energien gewinnen. Alte Häuser kommen 2010 dran. Für ganz Deutschland soll der Öko-Zwang ab kommendem Jahr für Neubauten gelten. Dann sollen erneuerbare Energien oder eine besonders gute Dämmung Pflicht sein.

Die deutsche Politik ist im Ökofieber. Das hat unangenehme Folgen. Mal abgesehen davon, dass es sinnlos ist, solche Regelungen gleichzeitig auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene zu treffen. Sie sind auch gar nicht notwendig. Keine Frage: Es ist sinnvoll, die erneuerbaren Energien zu nutzen und den Energieverbrauch allgemein zu senken. Doch das haben die Menschen längst eingesehen, ganz ohne staatliche Verordnung. Die Zahl der Solaranlagen auf deutschen Dächern und der Holzpelletöfen in deutschen Wohnzimmern steigt rasant. Besser gedämmt sind neue Häuser heutzutage sowieso. Für die meisten Hausbesitzer rechnet es sich schon jetzt, teilweise auf Öl und Gas zu verzichten.

Vermieter können die Kosten kaum auf die Mieter umlegen

Schwierig ist es nur bei den Mietshäusern. Hier gibt es ein Dilemma: Der Vermieter muss in der Regel die Kosten für eine neue Heizungsanlage tragen. Aber nur der Mieter profitiert von den niedrigeren Heizkosten. Die Folge: Vermieter haben keinerlei Anreiz, auf erneuerbare Energien umzusteigen.

Das ist aber noch lange kein Grund, nun zum Öko-Zwang zu greifen. Er erhöht Kosten für alle - den Hausbauer, den Hausbesitzer, die Behörden -, und er verzerrt das Kaufverhalten. So werden bald Menschen Solarthermieanlagen besitzen, für die es sich überhaupt nicht lohnt. Das ist ineffizient.

Dabei existieren längst Lösungen, die marktnäher sind und Anreize statt Öko-Terror setzen. Jetzt gibt es den Energiepass, den die Vermieter demnächst jedem Neumieter vorweisen müssen. Er gibt Auskunft über den Energieverbrauch eines Hauses. Wenn Vermieter vor den Wohnungsinteressenten nicht ganz schlecht dastehen wollen, müssen sie investieren - in gute Dämmung, effiziente Heizungen und erneuerbare Energien. Eine andere Möglichkeit besteht darin, das Mietrecht so zu ändern, dass der Vermieter die Kosten etwa für eine Solarthermieanlage besser auf die Mieter umlegen kann. Dann könnte die Politik auf die Bevormundung der Bürger verzichten.



Text: F.A.S.

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