04. März 2008 Volkswagen, Familie, Geld – in dieser Reihenfolge beschreibt Ferdinand Piëch sein Leben. Er ist fast am Ziel, seit der Aufsichtsrat von Porsche die Übernahme von Volkswagen genehmigt hat. In seinen Augen kommt so zusammen, was in die Hände der Familien Porsche und Piëch gehört. Das zeigt allein die Zahl der Hüte, die Ferdinand Piëch trägt. So ist er Großaktionär von Porsche, sitzt dort im Aufsichtsrat, war früher Vorstandsvorsitzender und ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats von Volkswagen. Daneben führt er den Aufsichtsrat von MAN. Zudem gehört seiner Familie der größte VW-Exporteur – und er ist ein Enkel des genialen Konstrukteurs Ferdinand Porsche, der in Hitlers Auftrag den VW-Käfer erfand.
Als Ferdinand Porsche nach dem Krieg in Wolfsburg die erste Fertigungshalle baute, kümmerte sich der Sohn Ferry in Stuttgart um den Sportwagenhersteller Porsche, während die Tochter Louise – Piëchs Mutter – in Salzburg die Porsche-Holding lenkte, die dank der Lizenzen aus Wolfsburg zum größten Autohändler Europas wurde. Die Rückkehr von Volkswagen in den Schoß der Familie ist also aus Piëchs Sicht nur natürlich. Für seine Kritiker am Kapitalmarkt, an den Lehrstühlen für gutes Management oder in der Landespolitik hat Piëch nicht einmal ein Lächeln übrig. Zwar regen sich angelsächsische Großanleger oder Niedersachsens Ministerpräsident Wulff über die offenkundigen Interessenkonflikte auf und schimpfen über die schroffe und undurchsichtige Unternehmensführung des Patriarchen, doch die VW-Aktionäre freuen sich still über Kursgewinne. Bislang nimmt der Erfolg den Kritikern den Wind aus den Segeln.
Alles, was Räder hat
Parallel zur Mehrheitsübernahme von VW durch Porsche hat Volkswagen den Kauf des schwedischen Lastwagenbauers Scania verkündet. Das ist der erste Schritt zur Schaffung eines großen Nutzfahrzeugherstellers. Früher oder später wird Piëch nach der Mehrheit von MAN greifen, weil er nur mit dem Durchgriff auf die Scania-Anteile von MAN eine globale Lastwagenallianz schmieden kann. Ein so integrierter Automobilkonzern würde unter einem Holdingdach vom Kleinwagen bis zum Schwerlaster alles herstellen, was Räder hat.
Die Eigentümer des Sportwagenherstellers, die Familienstämme Piëch und Porsche, wissen aber aus eigener Erfahrung, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Ihre Firma war ein Sanierungsfall, als Wendelin Wiedeking das Steuer übernahm und die Wende vollzog. Heute ist Porsche der profitabelste Autobauer der Welt und Wiedeking Deutschlands bestbezahlter Manager. Der Einstieg bei Volkswagen, bevor die EU die Sonderrechte des Großaktionärs Niedersachsen kassierte, finanzierte sich fast von allein. Der brillante Finanzvorstand sicherte sich früh so viele Kaufoptionen für VW-Aktien, dass Porsche mit Aktiengeschäften noch mehr verdiente als mit dem Verkauf von Autos.
Die kleine Porsche AG schluckt einen Riesen
Piëch, der Milliardär aus Österreich, hat für die Gefolgschaft der Familie Porsche einen Preis bezahlt. Er hat die Führung des Porsche-Aufsichtsrats an seinen Cousin Wolfgang Porsche abgeben müssen. Dieser Familienstamm, zu dessen Regeln gehört, dass kein Sprössling im Unternehmen arbeiten darf, kontrolliert nun wieder Porsche. Die Übernahme von VW ist wegen der Größenverhältnisse riskant. Hier schluckt die kleine Porsche AG mit einem Umsatz von sieben Milliarden einen Konzern, der mehr als hundert Milliarden Euro umsetzt.
Der Streit zwischen den Betriebsräten von Porsche und VW über Posten und Einfluss in der neuen Porsche-Holding in europäischer Rechtsform gibt einen Vorgeschmack auf mögliche Konflikte zwischen beiden Familien. Porsche ist daran gelegen, dass Wiedeking in Wolfsburg einen Kulturwandel erzwingt, dass die Kosten gesenkt werden und die Verbrüderung von Betriebsrat und Management, die bei VW zum Skandal wurde, nicht wieder auflebt oder gar Porsche infiziert. Piëch hingegen, der manchen als Erfinder des Systems VW gilt, nutzt seine traditionell besten Kontakte zum VW-Betriebsrat und zur IG Metall, um Wiedekings Einfluss in Wolfsburg zu begrenzen. Piëchs Ehrgeiz ist der eines Technikers, der das beste Auto bauen will, nicht der eines Kaufmanns, der die beste Fabrik errichten möchte. Er hängt an seinen Prestigeobjekten, an Phaeton, Lamborghini, Bugatti und Bentley, obwohl die kaum ihre Investitionskosten einspielen. Von solchen Hobbys hält Wiedeking wenig, er ist ein kühl rechnender Auto-Manager mit dem Hang zur Selbstdarstellung, was ihn ebenfalls von Piëch unterscheidet.
Die Machtbalance in der Porsche-Holding ist eine Sache, eine andere ist die Führung von VW. In Wolfsburg ist eine Art volkseigener Betrieb gewachsen mit gefährlicher Abhängigkeit zwischen Vorstand und Betriebsrat. So kann Europas größter Autokonzern die Zukunft nicht gewinnen. Nur wenn es gelingt, Volkswagen, gemessen an Produktivität und Absatzzahlen, an den Weltmarktführer Toyota heranzuführen, wird VW auf Dauer der Konkurrenz aus Asien die Stirn bieten können. Und erst dann könnte der Name Piëch in die Automobilgeschichte eingehen: Volkswagen, Porsche, Piëch. In dieser Reihenfolge.
Text: F.A.Z.
Internationaler Finanzmarkt: Keine Eile mit dem ![]()
Die Europäische Kommission fordert eine eigene EU-Steuer
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