16. Mai 2008 Diese Zahl hatten die kühnsten Optimisten nicht erwartet: Um satte 1,5 Prozent ist die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Schwarzmaler hatten der deutschen Volkswirtschaft so viel Mehrleistung im ganzen Jahr nicht zugetraut; nun ist ihr in den ersten drei Monaten ein glänzender Auftakt gelungen, der hoffnungsvoll stimmt. Während die amerikanische Wirtschaft offenbar seit Jahresanfang in einer Rezession steckt, verzeichnet Deutschland das stärkste Quartal seit gut zwölf Jahren.
Freilich haben Sonderfaktoren eine Rolle gespielt. Wegen der milden Temperaturen im Winter hat die Bauwirtschaft mehr als 10 Prozent gegenüber dem schwachen Herbstquartal zugelegt. Aber der Aufschwung blieb nicht darauf beschränkt, er war in der ganzen Breite der Industrie zu spüren, die gut 2,5 Prozent mehr produzierte. Vor allem Investitionsgüter waren gefragt – ein Zeichen, dass die deutsche Wirtschaft weiter auf Expansion setzt.
Trotz belastender Faktoren
Und dies trotz all der belastenden Faktoren: Da ist vor allem der extreme Anstieg des Ölpreises, der sich in den vergangenen zwölf Monaten auf nun 125 Dollar je Barrel (159 Liter) fast verdoppelt hat; seit Anfang 2003 ist er sogar um den Faktor fünf gestiegen. Auch andere Rohstoffe sind knapper geworden. Die drastische Verteuerung der Öleinfuhr entzieht den westlichen Industriestaaten viele Milliarden an Kaufkraft und lenkt sie insbesondere in die arabische Welt. Ein Teil dieser Kaufkraft kommt zwar zurück, da die ölproduzierenden Länder mit ihren Petrodollar deutsche technische Anlagen und andere Güter kaufen, doch eben nur ein Teil.
Zunehmend wird auch der Höhenflug des Euro-Wechselkurses – spiegelbildlich zum Verfall des Dollar – zur Bremse für den hiesigen Aufschwung, der in den vergangenen drei Jahren stark vom Export getrieben war. Die Euro-Aufwertung um gut 15 Prozent seit dem vergangenen Frühjahr hat durchaus zwei Seiten: Zum einen verschlechtert sie die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft, zum anderen aber dämpft sie den Anstieg der Rohstoffpreise. Bislang haben die deutschen Exporteure den Verfall des Dollar-Kurses erstaunlich gut verkraftet, doch auf Dauer werden die Gewinnmargen und schließlich ihre Marktanteile im Dollar-Raum stärker darunter leiden.
Erstmals seit langem sind höhere Realeinkommen zu erwarten
Andere europäische Exportnationen, die in den vergangenen Jahren nicht so streng auf Kostendisziplin geachtet haben, trifft es noch härter. Deutschland hilft, dass es zielstrebiger als andere in Osteuropa und in den Schwellenländern neue Absatzmärkte erschlossen hat. Die geringere Nachfrage aus den Vereinigten Staaten ist daher bislang noch zu verschmerzen. Sollte sich aber die Weltkonjunktur als Folge der amerikanischen Schwäche deutlicher eintrüben, würde dies den Euro-Raum und auch Deutschland mit hinunterziehen. Ein solches Szenario erscheint aber nach dem starken Jahresauftakt 2008 weniger wahrscheinlich. Dank schlankerer Unternehmensstrukturen und einiger Reformen, vor allem am Arbeitsmarkt, ist die deutsche Volkswirtschaft etwas flexibler und widerstandsfähiger gegen Schocks geworden.
Die Mehrheit der Bevölkerung interessiert am Aufschwung vor allem eine Frage: Wie viel Geld kommt bei mir an?“ In der Tat waren die durchschnittlichen Lohnsteigerungen der vergangenen Jahre gering, wobei der maßvolle Anstieg erheblich zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und zum Abbau der Arbeitslosenzahl auf 3,5 Millionen beigetragen hat. In diesem Jahr sind erstmals seit langem spürbar höhere Realeinkommen der Arbeitnehmer zu erwarten, sofern die Inflation nicht noch über die Maßen anzieht. Multipliziert mit der Zahl von 40 Millionen Beschäftigten, dürfte das größere Volkseinkommen den privaten Konsum im Jahresverlauf dann wohl auch endlich stimulieren.
Der Aufschwung füllt vor allem die Staatskasse
Wellen des Glücks hat der Aufschwung in der Bevölkerung bislang nicht verbreitet. Man hat viel eher das schale Gefühl, weit mehr als die meisten Bürger profitierten die Finanzminister und Kämmerer. Die Kassen des Staates haben sich in den vergangenen drei Jahren enorm gefüllt. Bis 2012 soll das Gesamtsteueraufkommen von heute 545 Milliarden Euro um weitere 90 Milliarden Euro steigen. Nicht nur die Mehrwertsteuer, die den Bürgern 2007 die Kauflaune verdorben hat, sondern auch die Lohnsteuer sprudelt wie lange nicht mehr. Durch den progressiv ansteigenden Steuertarif werden den Bürgern immer größere Anteile ihres Einkommens genommen, auch wenn Löhne und Gehälter nur mit der Inflationsrate steigen. Hier liegt ein Grund für den zurückhaltenden privaten Konsum. Zudem hemmt die Steuerprogression den Leistungswillen.
Die Konjunktur hat kurzfristig ein Hoch erreicht, wird sich aber in den kommenden Monaten deutlich abschwächen. Dafür sprechen die zahlreichen belastenden Faktoren wie auch der sinkende Auftragseingang. Auf mittlere Sicht fällt die deutsche Volkswirtschaft auf ihre Potentialwachstumsrate von etwa 1,5 Prozent zurück. Das ist nicht übermäßig viel; mehr ist vermutlich nur drin, wenn an einer weiteren Verbesserung der Strukturen gearbeitet wird. Danach sieht es aber derzeit nicht aus.
Text: F.A.Z.
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