Von Daniel Schäfer
27. November 2007 Die Bankbranche steht vor einem Scherbenhaufen: Milliardenschwere Abschreibungen lasten auf den Bilanzen, hochrangige Manager werden entlassen, Erträge brechen weg, und Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt. Die Ausfälle auf dem amerikanischen Markt für schlecht besicherte Hypotheken (Subprime) haben auf alle Kreditmärkte abgestrahlt. Banken vertrauen sich nicht mehr und verleihen sich Geld nur gegen Garantien – wenn überhaupt.
Dabei schien die Bankbranche noch zur Jahresmitte in der besten aller Welten zu leben: Institute wie die Deutsche Bank meldeten im Halbjahr Rekordergebnisse und schwindelerregend hohe Eigenkapitalrenditen von teils mehr als 40 Prozent. Wir sind auf Erfolgskurs“, jubelte der Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann im Frühsommer.
Katerstimmung
Nach dem Rekordrausch des Sommers ist der Kater umso größer. Die prognostizierten Verluste für Banken und andere Finanzinstitute sind gewaltig: Es wird erwartet, dass allein die Subprime-Kredite 300 bis 400 Milliarden Dollar Abschreibungen nach sich ziehen, von denen die Banken aber bislang gerade einmal gut 50 Milliarden Dollar veröffentlicht haben.
Die Verluste aus den notleidenden Hypothekenkrediten wären für die Bankbranche verkraftbar. Doch die Subprimemania“ ist zwar die Wurzel, aber längst nicht mehr das einzige Übel der Krise. Nach den Hypothekenkrediten mehren sich die Sorgen um amerikanische und europäische Konsumenten- und Autokredite. Eine Spirale nach unten scheint in Gang gesetzt zu sein. Die ersten Kollateralschäden, die Beinahe-Zusammenbrüche der deutschen Banken IKB und Sachsen LB sowie der britischen Northern Rock, haben die Anleger noch risikoscheuer gemacht. Der Handel mit vielen Krediten ist seither fast zum Erliegen gekommen.
Die Banken bleiben auf Krediten sitzen
Die großen Banken sitzen daher auf 300 Milliarden Dollar Übernahmekrediten, die sie nur mit großen Abschlägen wieder loswerden. Zuletzt wurden diese Kredite auf dem Sekundärmarkt zu Preisen gehandelt, die vor der Krise für stark ausfallgefährdete Darlehen normal waren. Hinzu kommen die Schwierigkeiten der Structured Investment Vehicles“, die zusammen 320 Milliarden Dollar auf die Waage bringen. Diese investieren außerhalb der Bankbilanzen in forderungsbesicherte Wertpapiere, also beispielsweise in Papiere, die mit Hypothekenkrediten besichert sind. Der Kapitalzufluss in nicht wenige dieser Gesellschaften droht auszutrocknen.
All diese Problemfelder beruhen auf einem Geschäftsmodell, dass stets als stabilisierender Faktor im Finanzsystem gepriesen wurde: Jahrelang haben Banken Kredite gebündelt, in strukturierte Produkte verpackt und an renditehungrige Anleger weitergereicht. Dadurch entlasteten sie ihre Bilanz und machten mit dem gleichen Eigenkapital mehr Geschäft.
Das Wort Kreditklemme macht die Runde
Die Kehrseite der Medaille wird nun offensichtlich: Mit der Weitergabe der Kredite entzogen sich die Banken der Verantwortung für deren Qualität. Die sogar ins Visier der amerikanischen Justiz geratenen Praktiken bei den Subprime-Krediten sind dafür nur ein Beispiel. Auch auf anderen Märkten agierten die Banken immer unverantwortlicher, etwa bei Übernahmekrediten: Hier wurde beispielsweise die Schuldenlast der Raststättenkette Tank & Rast binnen weniger Jahre mehr als verdoppelt (siehe dazu auch: Tank und Rast: Banken bleiben auf Milliardenkrediten sitzen). Bei der Vergabe von Konsum- und Autokrediten fiel die kaufmännische Vorsicht ebenso häufig dem Gewinnstreben zum Opfer.
Diese Praxis rächt sich nun für die Banken. Schon macht in den Bankentürmen das Wort Kreditklemme“ die Runde. Kredite sind das Blut einer Volkswirtschaft, die Banken deren Adern. Haben die Banken Schwierigkeiten, fließen weniger Kredite. Für die Banken braut sich derzeit ein schwer genießbarer Cocktail zusammen: Sie müssen außerbilanzielle Engagements in die Bilanzen nehmen und deren Wert nach unten korrigieren; zugleich drohen weitere Herabstufungen der Bonitätsnoten dieser Wertpapiere. Das alles lastet auf dem Eigenkapital und verhindert die Ausgabe neuer Kredite. Das hat dann sichtbare Folgen für die Unternehmen. Die zu Jahresbeginn europaweit in Kraft tretenden, bilanzentlastenden neuen Eigenkapitalvorschriften helfen da nur wenig.
Das Risikomanagement vieler Banken hat versagt
Kein Wunder, dass Banker wie Unicredit-Chef Alessandro Profumo ihr eigenes Geschäftsmodell überprüfen und eine Renaissance der Kreditvergabe aus der eigenen Bilanz vorhersagen. Natürlich sollte man nun nicht das Weiterreichen von Krediten per se verteufeln. Doch anders als vielfach behauptet wurden die Risiken eben häufig nicht besser verteilt. Im Gegenteil: Angesichts der Undurchschaubarkeit der strukturierten Produkte hat das Risikomanagement vieler Banken versagt. Selbst Banken mit exzellentem Risikomanagement wie die Deutsche Bank kommen zwar besser, aber eben auch nicht ungeschoren davon.
Die Bankbranche steckt nicht nur in einer geschäftlichen, sondern ebenso in einer strategischen und moralischen Krise. Die Folgen werden an den Grundfesten mancher Banken rütteln und das Machtgefüge in der Branche durcheinanderbringen.
Text: F.A.Z.
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Kommentar: Ein Bier auf die Bahn
Die Deutsche Bahn rüstet sich für den Eurotunnel
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