29. Oktober 2008 Es ist schiere Verzweiflung Die Finanzkrise trifft die Autoindustrie mit voller Wucht, und in den Vorstandsetagen der großen Konzerne geht die Angst um. Schon vor zwei Wochen haben Deutschlands Automanager Bundesfinanzminister Peer Steinbrück um Beistand ersucht. Mehr als eine Zusage, dass Autobanken das Rettungspaket der Bundesregierung nutzen dürfen, sprang damals nicht heraus. Doch jetzt fürchten auch Politiker, dass dieses Angebot nicht ausreicht, um Deutschlands Vorzeigeindustrie vor schwerem Schaden zu bewahren.
Zu heftig sind die Nachfrageeinbrüche auf den großen Automobilmärkten, zu schwerwiegend die Auswirkungen auf Hersteller und Zulieferer: Bei Opel stehen schon seit Wochen die Fließbänder still, Daimler schickt gleich 150.000 Mitarbeiter in die vorzeitigen Weihnachtsferien, Volkswagen wird sich von Tausenden von Leiharbeitern trennen. Weil auf den Parkplätzen vor den Autofabriken in ganz Europa mehrere hunderttausend Neuwagen stehen, die unter normalen Umständen an Kunden ausgeliefert werden würden, kommen die Hersteller nicht um Produktionskürzungen herum. Fatal sind die Folgen für die Lieferanten: Die drastisch zurückgenommenen Bestellungen reißen bei ihnen tiefe Löcher in die Auftragsbücher. Es drohen Entlassungen, Werksschließungen und Insolvenzen. So manchem mittelständischen Zulieferbetrieb mangelt es schon jetzt an Liquidität, eine Verschärfung der Krise bedeutete unweigerlich das Aus.
Kalt erwischt
Keine Frage, die Finanzkrise hat die Autoindustrie kalt erwischt. In Deutschland ist sie eine Schlüsselindustrie, hängt hier doch jeder siebte Arbeitsplatz direkt und indirekt am Automobil. Weil mit Daimler nun selbst eine Ikone der deutschen Wirtschaft strauchelt, werden die Lobbyisten mit ihren Hilfegesuchen vermutlich schon bald erfolgreich sein. In Berlin wird die Umstellung auf eine CO2-basierte Kraftfahrzeugsteuer immer wahrscheinlicher, könnte sie doch auch noch mit dem Klimaschutzargument begründet werden. Von solchen steuerlichen Anreizen zum Autokauf ist es bis zu einer Verschrottungsprämie für umweltschädliche Altautos, wie es sie in Italien schon gibt, dann nicht mehr weit.
Ob in Brüssel auch noch ein 40-Milliarden-Euro-Hilfspaket für Europas Autoindustrie geschnürt wird, ist nicht gewiss. Es würde lediglich einen Subventionswettlauf anfeuern, den die notleidende Autoindustrie jenseits des Atlantiks angefacht hat. In Amerika haben General Motors, Ford und Chrysler in der Endphase des Präsidentschaftswahlkampfes schon eine 25-Milliarden-Dollar-Offerte der Regierung in Gestalt billiger Kredite ertrotzt. Denn für die einstigen Big Three aus Michigan nimmt der Überlebenskampf immer dramatischere Züge an. Das Chrysler-Management fahndet nach einem Partner, scheint ihn in General Motors gefunden zu haben und pumpt nun den Staat gleich um weitere 10 Milliarden Dollar an. Und in Italien und in Frankreich wird nun an Hilfsplänen für Fiat, Renault & Co. gebastelt: Frankreichs Staatspräsident Sarkozy hat seinen heimischen Herstellern Investitionshilfen von 400 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung zugesagt.
Stellenabbau in großem Stil zu befürchten
Die europäischen Autohersteller kämpfen gewiss nicht ums Überleben. Doch Gewinneinbrüche und Produktionskürzungen lassen einen Stellenabbau in großem Stil befürchten. Allein mit der Finanzkrise wäre dieser ganz sicher nicht zu rechtfertigen. Zwar hat sich das Finanzierungsgeschäft verteuert, das den Herstellern in guten Jahren stabile Gewinne bescherte, weil der Autoabsatz mit günstigen Konditionen angeregt wurde. Doch macht die Krise letztlich nur das volle Ausmaß bisher versäumter Anpassungen sichtbar: Die westeuropäische Automobilproduktion hat schon vor Jahren an den Hochlohnstandorten ihren Zenit überschritten. Die großen Märkte der Welt sind gesättigt, die jungen Wachstumsmärkte in Osteuropa und in Asien können die fehlende Nachfrage auf dem bisherigen Preisniveau nicht ersetzen. Die Folge: sinkende Erträge, Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer.
Das war absehbar, wurde aber oft verdrängt. Allein der Volkswagen-Konzern hat mit seiner 28,8-Stunden-Woche mehr als ein Jahrzehnt die Realität geleugnet und so einen Arbeitsplatzüberhang von wenigstens 30.000 Stellen provoziert. Und auch in diesen Tagen verkauft Europas größter Autokonzern seine Überproduktion an Autovermieter und Leasinggesellschaften - zu Lasten der Marge. Das kann nicht lange gutgehen.
Die Nervosität unter den Automanagern ist auch deshalb groß, weil die Börse ein hartes Urteil fällt: Steil fallende Aktienkurse lassen beispielsweise Daimler zum Schnäppchen für die riesigen Staatsfonds der erdölexportierenden Länder werden, könnten den Konzern auch in eine Fusion mit dem Erzrivalen BMW treiben. Doch wäre all dies wirklich ein Desaster für den Automobilstandort? Geht von den Autoherstellern etwa ein systemisches Risiko aus, wie es für die Banken gilt? Ganz sicher nicht. Sieht man einmal vom Sonderfall VW ab, ist die deutsche Autoindustrie deshalb so stark, weil sie nie unter staatlichen Schutz gestellt werden musste. Dabei sollte man es auch belassen.
Text: F.A.Z.
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