Finanzkrise

Die Lasten der Volksbanken

Von Hanno Mußler

18. März 2008 Im Wochentakt müssen derzeit viele Banken ihre Finanzanlagen um Milliardenbeträge wertberichtigen. Doch um die Genossenschaftsbanken und deren Schwierigkeiten im Brot-und-Butter-Geschäft ist es ruhig. Sie gehören in der Finanzmarktkrise zu den wenigen Gewinnern. Doch hat man die Warnung noch im Ohr, die vor einem Jahr aus der Bundesbank gedrungen war. In einem internen Brief hieß es damals: „Vor allem Banken des Genossenschaftssektors sind aufgrund der rückläufigen Zinsüberschüsse auf dem Weg in die operative Ertragslosigkeit.“

Die 1100 Volks- und Raiffeisenbanken sind mit den 460 Sparkassen vergleichbar. Die Ortsbanken sind kaum an den Finanzmärkten investiert. Einen Großteil der Kundeneinlagen reichen sie als Kredite an lokale Firmen weiter. Was an Einlagen übrig ist, sammeln sie in Zentralbanken. Die Zentralkassen legen die Liquidität auf den Finanzmärkten an. Manche Zentralbank führt ein Eigenleben auf großem Fuß. Das müssen die Sparkassen gerade mit den Landesbanken erfahren. Auch für den Genossenschaftsbankenverbund gilt: Die großen, das Finanzsystem gefährdenden Risiken stecken in den Zentralbanken. Das haben die lokalen Kreditgenossenschaften 1991 und 2001 schmerzhaft zu spüren bekommen, als sie ihr damaliges Spitzeninstitut DG Bank sanieren mussten.

Vorteil in der Finanzkrise

In der Finanzkrise gereicht es den Volksbanken zum Vorteil, dass sie nach zahlreichen Fusionen nur noch zwei risikoträchtige Spitzeninstitute haben: die Frankfurter DZ Bank und die Düsseldorfer WGZ. Die Sparkassen hingegen haben sieben Landesbanken-Konzerne, von denen einige wie die Helaba bisher gut und andere wie Sachsen LB und West LB erschreckend schlecht durch die Krise gekommen sind. Gehörte sie zum Landesbankensektor, stünde die DZ Bank im Mittelfeld; im Vergleich mit ihrer kleineren Konkurrentin WGZ sieht sie schlecht aus - und es kann durchaus noch schlechter werden. Die WGZ legte hingegen trotz Finanzkrise zumindest für 2007 ein Rekordergebnis vor.

Die relative Stärke von DZ- und WGZ-Bank sollte für die Volksbanken kein Grund zur Entspannung sein. Die Sorge der Bundesbank vor „operativer Ertragslosigkeit“ ist berechtigt. Auch die Sparkassen leiden darunter, dass der Gewinn aus Zinseinnahmen aus Krediten und Zinsausgaben für Einlagen an den Märkten und durch den scharfen Wettbewerb klein ist. Daran lässt sich wenig ändern. Volksbanken haben aber im Vergleich mit Sparkassen vier weitere Lasten zu tragen: im Trend steigende Verwaltungskosten und Kosten auf das Eigenkapital vor Ort, hohe Verbundkosten und oft schwaches Führungspersonal.

Keine Frage der Größe

Wie schwer die Kostenlast vor Ort wiegt, ist keine Frage der Größe: Auf dem Land schlagen sich viele kleine Volksbanken hervorragend. Schwer tun sich die Kreditgenossenschaften traditionell in den Ballungsräumen, wo die Wettbewerbsintensität höher ist. Insbesondere auf den mittelgroßen Volksbanken lastet der Fusionsdruck. Viele finden den Spagat zwischen kostenschonender Spezialisierung und einem die Kundenwünsche erfüllenden Leistungsumfang nicht.

Das Verbundprojekt, Prozesse zu verschlanken, hat wenig gebracht. Viele Banken trauen sich nicht, die hohen Dividenden an die Genossenschaftsmitglieder von oft mehr als sechs Prozent zu senken. Die Dividende rentiert sich für die Bank allenfalls, wenn an den Mitgliedern „lebenslang“ verdient wird. Wenn aber aus mittelgroßen Instituten durch Fusionen große Volksbanken werden, geht der enge Kontakt zum Mitglied schnell verloren.

Volksbanker stellen sich gern gegenseitig eine Bein

Drückend sind die Kosten für den Verbund. Genossenschaftsbanken haben die für den Steuerzahler angenehme Angewohnheit, ihre Sanierungsfälle alleine und großzügig für die Kunden zu lösen. Dafür zahlen alle insgesamt rund 500 Millionen Euro an Beiträgen im Jahr in einen Fonds. Dass sie ihre Schadensfälle seit 1930 meistens geräuschlos und gruppenintern bereinigen, hat sich für die Volksbanken in der aktuellen Finanzkrise leider nicht ausgezahlt. Ihr Lobbyverband BVR stemmte sich nicht dagegen, als die Politik den genossenschaftlichen Sanierungsfonds zur Stützung des Konkurrenten IKB heranzog.

Während Sparkassenvertreter sich ständig am starken Gegner „Politik“ reiben und zu hoher Professionalität neigen, stellen sich Volksbanker gern gegenseitig ein Bein. Die Verbundkosten wären geringer, wenn nicht Fusionen zu einem Rechenzentrum, zu einem Prüferverband und zu einer Zentralbank mehrmals an persönlichen Eitelkeiten gescheitert wären.

Die Zentralbankenfusion ist vordringlich. Da die Gewinne der beiden Spitzeninstitute derzeit nur geringfügig auseinanderliegen, könnte die fünfmal größere DZ jetzt die WGZ zumindest formal als Fusionspartner „auf Augenhöhe“ akzeptieren. DZ-Aufsichtsratschef Christopher Pleister sollte wegen seines schwierigen Verhältnisses zur WGZ sein Mandat in der DZ Bank während der Fusionsgespräche ruhen lassen. Pleister müsste eigentlich als BVR-Präsident hinreichend zu tun haben, die Alleinstellungsmerkmale der Volksbanken mit ihren 30 Millionen Mitgliedern und aus eigener Kraft gestemmten Sanierungen aufzuzeigen. Von kreativen Lösungswegen aus „operativer Ertragslosigkeit“ ganz zu schweigen.

Text: F.A.Z., 19.03.2008, Nr. 67 / Seite 11

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