Steigende Lebensmittelpreise

Zurück aufs Feld

Von Lukas Weber

03. Mai 2008 Vor dem Fernseher zu essen ist nicht gesund. Der Bissen könnte im Halse steckenbleiben, wenn man in den Nachrichten die Armen der Welt sieht, wie sie auf die Straße gehen und dagegen protestieren, dass die Grundnahrungsmittel für sie unbezahlbar geworden sind. Den Durchschnittsdeutschen, dessen Ernährungsprobleme sich bis dahin darauf beschränkten, ob das Bier zur Sportschau ausreichend gekühlt ist, berührt das unangenehm, zumal er selbst fühlt, dass das Essen teurer geworden ist. Da beruhigt es das Gewissen etwas, wenn sogleich die Schuldigen für den Höhenflug der Preise gefunden sind.

Schuld daran sind die Bauern, die jetzt mehr für ihre Produkte bekommen als früher und sich nicht zu fein sind, das auch zu nehmen. Schuld daran ist der Handel, weil der kräftig aufschlägt und die Preise diktiert. Schuld ist die Politik, die zulässt, dass immer mehr Anbauflächen für Nahrungsmittel zur Produktion von Biodiesel genutzt werden. Und schuld sind die Chinesen, die den Weltmarkt leerkaufen.

Biodiesel wurde erfunden, weil so viel Salat niemand essen kann

So einfach ist es aber nicht. Wenn die Bauern für ihre Arbeit etwas mehr bekommen, ist ihr Einkommen von „üppig“ in den meisten Fällen noch ein gutes Stück entfernt, und die Tiermäster leiden selbst unter den hohen Futterkosten. Der Lebensmittelhandel ächzt unter dem Preisdruck der Discounter. Tatsächlich haben die Nahrungsmittel in den vergangenen Jahrzehnten mit ihrer Preisstabilität die Inflationsrate gering gehalten. Die Bioenergie taugt als Sündenbock auch nicht recht. Raps wird in der Fruchtfolge und als Futtermittel gebraucht, und Biodiesel wurde erfunden, weil so viel Salat niemand essen kann, wie Speiseöl produziert wurde. Gegen die Verbrennung minderwertigen Getreides oder Gas aus Gülle lässt sich auch wenig einwenden. Sicher hat etwa die Herstellung von Ethanol aus Mais in manchen Regionen Amerikas die Lebensmittel verteuert, aber die meisten Experten sind sich einig, dass der Einfluss der Bioenergie überschätzt wird. Nicht einmal fünf Prozent der Weltgetreideernte werden versprittet.

Was übrig bleibt, ist die Tatsache, dass die Nachfrage steigt, während das Angebot knapper wird. Weil die Chinesen oder Inder immer mehr Güter für den Weltmarkt produzieren, wächst in diesen Ländern der Wohlstand. Wer will es den Menschen dort verdenken, dass sie ihr Geld erst einmal für wohlgefüllte Teller ausgeben? Mehr Einkommen erhöht zudem den Verbrauch von Fleisch, das für den gleichen Nährwert den vierfachen Einsatz von Pflanzen erfordert.

Von Selbstversorgern zu Lebensmittelkäufern

Zugleich ist einige Jahre hintereinander die Welternte unterdurchschnittlich ausgefallen, die Lager sind fast leer. Solche Situationen ziehen die Zocker an, die einen Teil der Preissprünge zu verantworten haben. Denn Spekulationen machen die Märkte anfällig für Schwankungen.

Richtig billig werden die Agrarprodukte ohnehin nicht mehr. Das hat sein Gutes, denn die Ursachen der derzeit schwachen Versorgungslage liegen in der Vergangenheit: Volle Lager und niedrige Preise haben dazu geführt, dass der Anbau nicht mehr lohnte. Deshalb haben viele Bauern in den Schwellenländern die Hacke hingeschmissen und sind in die Städte gezogen, wo sie von Selbstversorgern zu Lebensmittelkäufern wurden.

Da rächen sich die Fehler von gestern. Jahrzehntelang haben die reichen Länder hochsubventionierte Agrarüberschüsse produziert und diese in den Weltmarkt gedrückt. Wenn die Gurke aus der EU billiger ist als die selbstgezogene, warum sollte dann noch jemand in den Entwicklungsländern Gurken anbauen? Agrarforschung und Investitionen wurden trotz der Warnung internationaler Institutionen sträflich vernachlässigt. Die steigenden Preise eröffnen jetzt die Chance, die Entwicklung umzukehren und die Leute wieder aufs Feld zu bringen. Statt Almosen brauchen sie Maschinen, leistungsfähiges Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel. Um mehr als ein Drittel ließe sich so die Produktion in vielen Entwicklungsländern steigern. Aber die Bauern dort müssen lernen, mit der Spritze umzugehen. Die Chinesen sagen: „Gib einem Hungernden einen Fisch, und er wird einen Tag satt. Lehre ihn Fischen, und er hat sein Leben lang zu essen.“ Da ist noch viel Raum für Entwicklungspolitik.

Elf Prozent seiner Konsumausgaben verwendet der Deutsche für Lebensmittel

Bis zu neun Milliarden Menschen ließen sich aus den rund 1,5 Milliarden Hektar Anbaufläche der Erde ernähren, ohne dass Regenwälder gerodet und der Boden vergiftet werden müsste, meinen Ernährungsfachleute. Allerdings gelte das nur unter optimalen Bedingungen. Selbst wenn die Fläche ausreichen sollte, wird es vielerorts an Wasser fehlen. Das ist das eigentlich knappe Gut dieses Jahrhunderts, und deshalb müssen Bewässerungsprojekte, Meerwasserentsalzung und die Züchtung dürreresistenter Pflanzen an erster Stelle stehen.

Wieder kommen die Industriestaaten der gemäßigten Zonen fein davon, Wasser gibt es hier reichlich. Auch sonst kann man sich entspannen; gerade einmal elf Prozent seiner Konsumausgaben verwendet der Deutsche im Durchschnitt für Lebensmittel. Soweit es ihn selbst betrifft, sollten ihn steigende Preise für Agrarrohstoffe kaltlassen: Am Brotpreis und am Bier hat das Getreide nur einen Anteil von ein paar Cent.



Text: F.A.Z.

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.440,70 -1,46
TecDax 721,58 -3,36
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.354,58 -0,97
Nikkei 225 13.603,31 +2,18
Euro/Dollar 1,57 +0,08
Bund Future 110,94 +0,75
Gold 932,50 +0,52
Öl 124,98 -1,22
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche