Zumwinkels Nachfolge

Neuanfang bei der Post

Von Helmut Bünder

18. Februar 2008 Der neue Mann an der Spitze der Deutschen Post war noch gar nicht ernannt, als ihn die Börse mit steigenden Kursen der Aktie Gelb willkommen hieß. Der langjährige Post-Chef Klaus Zumwinkel wird den Vorschusslorbeer für seinen Nachfolger als zynisches Adieu und zutiefst ungerechte Würdigung seines Lebenswerks empfinden. Aber die Börse honoriert nicht vergangene Leistungen, sondern bewertet die Zukunft, und die sieht sie nach dem Führungswechsel in besseren Händen.

Der Neue heißt erwartungsgemäß Frank Appel, die ohnehin kaum für möglich gehaltene Überraschung in letzter Minute blieb aus. Die Anleger setzen nun auf einen Strategiewechsel. Sie spekulieren auf einen raschen Verkauf der Postbank-Anteile, der Milliarden Euro einbringen würde. Und sie erwarten einen schnellen Rückzug aus dem verlustreichen Abenteuer auf dem amerikanischen Expressmarkt. Sogar frühere Planspiele zu einer Abtrennung der Logistiksparte, wie sie der niederländische Konkurrent TNT vorexerziert hat, könnten wieder aktuell werden.

Erfolgsgeschichten sehen anders aus

So beeindruckend der Umbau der Behördenpost zum Weltkonzern gewesen sein mag, auf dem Kurszettel zeigt sich ein anderes Bild. Vor acht Jahren war die Aktie zu 19 Euro an die Börse gekommen, heute steht sie nach vielem Auf und Ab bei knapp 23 Euro. Erfolgsgeschichten sehen anders aus. Trotz der vielen Milliarden, die Zumwinkel in die Erschließung neuer Geschäftsfelder gesteckt hat, steuern die Briefe im „größten Logistikkonzern der Welt“ immer noch fast die Hälfte des Gewinns bei. Diese strukturelle Schwäche dauerhaft zu überwinden wird die größte Herausforderung bleiben.

Die zusammen mit der SPD durchgesetzten Mindestlöhne, welche die Wettbewerber in Schach halten, sichern vorläufig den eigenen Marktanteil. Aber der Gesamtmarkt schrumpft weiter. Zudem ist keineswegs sicher, dass die Post ihren fragwürdigen Mehrwertsteuervorteil behalten wird, der den Wettbewerbsschutz durch die Mindestlöhne flankiert. Ohne Zumwinkels politische Verbindungen wird es für den Nachfolger schwieriger, dieses Privileg zu retten. Die Empörung über den vermuteten Steuerbetrug könnte sogar die bisher sehr postfreundliche Stimmung im Finanzministerium und im Kanzleramt kippen lassen.

Interessenten gibt es genug

Der neue Vorstandschef kann einiges anders, beherzter und schneller machen. Im Kern bleibt ihm nichts anderes übrig, als Zumwinkels Kurs fortzusetzen und neues Wachstum außerhalb des Briefmarktes zu schaffen. In dieser Strategie spielt die Postbank eine zentrale Rolle: Als Zumwinkel sie 2004 zur Hälfte an die Börse brachte, finanzierte er damit die Übernahme des britischen Logistikriesen Exel. Vergleichbare Gelegenheiten, für die es sich lohnt, eine sprudelnde Geldquelle und einen wichtigen Ertragsstabilisator aufzugeben, sind derzeit nicht in Sicht.

Das spricht ebenso gegen einen schnellen Komplettverkauf der Bank wie die niedrige Verschuldung des Gesamtkonzerns und die derzeit wenig günstige Lage an den Finanzmärkten. Interessenten für die Postbank gibt es genug, vielleicht auch für eine Partnerschaft, in der das Institut seine Stärken im Privatkundengeschäft ausspielen und die Post eine Minderheitsbeteiligung behalten könnte. Zumindest im Moment hat der neue Postbank-Chef jedenfalls wenig Grund, seine Aktionäre einfach mit einer netten Sonderdividende zu beglücken. Die Zukunft der Bank ist ein Luxusproblem, das er in Ruhe angehen kann.

Das Expressgeschäft steht ganz oben im Aufgabenheft

Ganz oben in seinem Aufgabenheft steht das Expressgeschäft mit seinen im Branchenvergleich immer noch zu niedrigen Margen. Zumwinkels Versuch, die Erzrivalen UPS und Fedex auf ihrem amerikanischen Heimatmarkt zu attackieren, ist gescheitert. Viel zu lange hat sich der scheidende Vorstandschef gesträubt, seinen Fehler einzugestehen. Sich ganz aus Amerika zu verabschieden, kann sich die Post nicht leisten. Ihr internationales Netz lebt von dem Anspruch, weltweit präsent zu sein. Aber sie muss nicht jedes Paket im Mittleren Westen selbst ausliefern können und dafür ein kostspieliges Zustellnetz unterhalten. Offenbar steht der Teilrückzug unmittelbar bevor. Die Post-Tochtergesellschaft DHL wird sich, wie in den amerikanischen Anfangstagen, wohl auf die Metropolen konzentrieren und die Bedienung der Fläche einem Partnerunternehmen überlassen.

Zumwinkels Nachfolger übernimmt die Verantwortung für den sechstgrößten Arbeitgeber der Welt mit insgesamt einer halben Million Beschäftigten. Allein in Deutschland arbeiten 240.000 Menschen für die Post und ihre verschiedenen Tochtergesellschaften. Für sie könnte es nach der Ära des konsensorientierten, stets auf den Burgfrieden mit der Gewerkschaft bedachten Zumwinkel ein böses Erwachen geben. Die Nagelprobe steht in den kommenden Tarifverhandlungen bevor: Die Gewerkschaft fordert ihren Anteil am Wettbewerbsschutz durch den Mindestlohn ein. Einkommenszuschläge von 6,5 Prozent machen die Runde. Zudem läuft der Kündigungsverzicht für die Mitarbeiter im Briefdienst aus. Der neue Post-Chef wird bald zeigen müssen, wie er die Balance zwischen Arbeitnehmer- und Aktionärsinteresse interpretiert.

Text: F.A.Z.

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