Kreditversicherungen

Die Versicherungsklemme existiert nicht

Von Philipp Krohn

06. Juli 2009 Einige Wirtschaftsverbände spielen ein Doppelspiel. Montagmorgens schelten sie die Bundesregierung für ihren wachsenden Interventionismus und halten die ordnungspolitische Fahne hoch. Montagnachmittags rufen sie dazu auf, der Staat müsse sich beeilen, Hilfen bereitzustellen. Exemplarisch zu besichtigen neulich auf dem Tag der Deutschen Industrie: Hans-Peter Keitel, der Präsident des Industrieverbands BDI, verlangte Schamgrenzen für Staatshilfen. Noch am selben Tag forderte sein Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf eine rasche Auffanglösung für Unternehmen, die durch die Krise schwerer an Kreditversicherungen kommen.

Das Grundproblem ist recht überschaubar: Zulieferbetriebe kaufen sich bei Warenkreditversicherern einen Schutz ein für den Fall, dass ihr Kunde Rechnungen nicht begleicht. Die Policen wirken wie ein Schmiermittel im Produzierenden Gewerbe. Sie ermöglichen Lieferungen, ohne dass der Lieferant prüfen muss, ob das Leistungsversprechen seines Kunden glaubwürdig ist. Erhielte er keine Versicherung, müsste er die Ware gegen Vorkasse bereitstellen. Dann aber benötigten die Kunden schneller liquide Mittel, ohne die die Wertschöpfungskette unterbrochen würde.

Versicherer hoffen auf Entgegenkommen an anderer Stelle

Die Zulieferer müssen nicht selber prüfen, weil sie sich diese Dienstleistung über die Kreditversicherer einkaufen. Mit genauen Analysen ermitteln diese, wie hoch die Zahlungsausfälle von Unternehmen in einem Land und in einer Branche sind. Daraus leiten sie ab, ob sie den Schutz gewähren können. In der Krise ist die Bonität vieler Kunden gesunken. Die Kreditversicherer fahren ihre Limite zurück, verlangen höhere Prämien oder verweigern die Deckung. Nach genauen Einzelfallprüfungen, behaupten die Versicherer. Mit der Rasenmähermethode über ganze Branchen, monieren die Zulieferer. Keiner aber bezweifelt, dass sie betriebswirtschaftlich sinnvoll handeln.

Seit einigen Wochen berät die Versicherungsbranche nun mit der Bundesregierung über ein Modell für eine staatliche Auffanglösung. Die Versicherungskonzerne haben ihren Widerstand aufgegeben, weil sie an anderer Stelle auf Entgegenkommen hofften – bei der Reform der Finanzaufsicht beispielsweise. Dass sie inzwischen kooperieren, liegt aber auch daran, dass sie wenig zu verlieren haben. In dem Auffangmodell würde der Staat einige der Deckungen übernehmen, die die Versicherer nicht mehr gewähren wollen. Ihre Expertise, die Bonität der Kunden zu prüfen, würden sie sich vom Staat bezahlen lassen. Risiken wollen sie nicht tragen.

Wenn Kunden die Rechnung ihrer versicherten Lieferanten nicht mehr begleichen, könnte dann zur Hälfte die Regierung einspringen, zur anderen Hälfte der private Versicherer. Das würde den Zulieferern sehr nützen. Denn viele von ihnen sind zahlungskräftig und leiden darunter, dass ihre Kunden von deren angeschlagenen Banken keine Kredite erhalten.

Eine Versicherungsklemme ist gegenwärtig nicht eingetreten

Es entspräche der Logik der bisherigen Krisenintervention, nach dem Interbanken-Markt und der Kreditversorgung angeschlagener Unternehmen auch dieses wichtige Finanzierungsinstrument in Angriff zu nehmen, um die Wertschöpfungskette zu stabilisieren. Dennoch ist nicht einzusehen, warum der Staat ein Risiko übernehmen sollte, das private Versicherer – die anders als die Banken völlig gesund sind – nicht mehr zu tragen bereit sind. Im schlimmsten Fall haften die Steuerzahler abermals mit zweistelligen Milliardenbeträgen.

Dass die Versicherer die Zulieferer aus der Textil-, Maschinenbau- und Automobilindustrie in die Enge treiben, ist unerfreulich, aber kein Marktversagen. Denn für die Geschäfte mit liquiden Unternehmen schließen sie weiter Policen ab. Eine Versicherungsklemme ist gegenwärtig nicht eingetreten, was sich an dem nahezu unveränderten Deckungsvolumen ablesen lässt. Zuletzt sah das offenbar auch das Bundesfinanzministerium so und stellte sich gegen die Hilfe.

Zu einfach sollte es sich der BDI also nicht machen. Denn er selber könnte die Lage der Zulieferer deutlich mildern. Die haben es nämlich mit zwei übermächtigen Geschäftspartnern zu tun: Den Markt für Kreditversicherungen teilen sich in Deutschland Euler Hermes, Atradius und Coface, die auf 90 Prozent des Marktanteils kommen. In diesem Oligopol können sie sich erlauben, brachial zu agieren. Auf der anderen Seite stehen mächtige Kunden, die den Lieferanten Verträge nahezu nach Belieben diktieren können. Die schwachen Zulieferer befinden sich also in einer unkomfortablen Sandwich-Stellung.

Glaubwürdig für ordnungspolitische Grundsätze eintreten

Wie bei anderen staatlichen Hilfsmaßnahmen sind auch hier die Probleme hausgemacht. Die unglückliche Lage der Zulieferer hat auch damit zu tun, dass sie von ihren Kunden bisweilen hemmungslos ausgepresst werden. Hätten sie die Chance, für sie günstigere Lieferverträge zu schließen, müssten sie weniger Versicherungsschutz einkaufen – etwa, wenn Autohersteller schneller ihre Rechnungen beglichen. An dieser Stelle könnte der BDI viel im Inneren tun, wofür es keinen Staat benötigte. Wenn er alles in seiner Macht Stehende dafür täte, dass der Markt funktioniert, könnte er auch wieder sehr viel glaubwürdiger für ordnungspolitische Grundsätze eintreten.

Text: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

Dax
Tec
Dow
Nas
14.12.2009 | 17:45
Dax 5.802,26
+0,80 %
 
        Vortag
15.12.2009 | 07:59
Name Kurs in %
DAX 5.802,26 +0,80%
TecDAX 813,25 +0,32%
MDAX 7.349,95 +0,66%
SDAX 3.527,30 +0,18%
REX 377,16 +0,02%
Eurostoxx 50 2.885,00 +0,79%
Dow Jones 10.501,00 +0,28%
Nasdaq 100 1.809,09 +0,95%
S&P500 1.114,11 +0,70%
Nikkei225 10.083,50 −0,22%
EUR/USD 1,4635 −0,11%
Rohöl Brent Crude 72,09 $ +0,35%
Gold 1.123,75 $ −1,43%
Bund Future 122,90 € +0,07%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche