Angriff auf VW abgeblasen

Verlierer Porsche

Von Holger Steltzner

08. Mai 2009 Porsche ist gescheitert. Der Angriff auf VW wird abgeblasen. Es entsteht ein integrierter Konzern, in dem Porsche nicht mehr als eine von zehn Automarken ist. Die Sportwagenschmiede aus Zuffenhausen verliert ihre Unabhängigkeit. Im fusionierten Konzern müssen sich die Gesellschafterfamilien von Porsche die Macht mit dem Land Niedersachsen teilen. Die Familien Porsche und Piëch müssen also künftig als Großaktionäre eines teilstaatlichen VW-Porsche-Konzerns strategische Entscheidungen mit den Politikern in der Staatskanzlei aus Hannover absprechen. Heute sitzt dort als Gewinner des gescheiterten Übernahmeversuchs: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff.

Die jüngste Wendung in dem noch nicht zu Ende geschriebenen Wirtschaftsmärchen vom kleinen Familienbetrieb, der sich anschickte, mit den Mitteln und der Verschlagenheit von Hedge-Fonds den ungleich größeren Volkswagen-Konzern zu schlucken, geht nicht allein auf das Konto der Wirtschaftskrise. Eine wesentliche Rolle spielt hierbei auch die Politik. Porsches Übernahmeplan basierte auf der Annahme, dass auf Druck der EU das VW-Gesetz fallen werde. Dann hätte im Zuge der Übernahme VW zum Abschluss eines Beherrschungs- und Ergebnisabführungsvertrags gezwungen werden können, um so mit dem Cashflow aus Wolfsburg den Kauf teilweise zu finanzieren. Doch in Berlin wurde flugs ein neues VW-Gesetz auf den Weg gebracht, mit weitgehend den alten Sonderrechten wie der Sperrminorität und Aufsichtsratsmandaten für Niedersachsen. Nun fordert sogar der Betriebsratsvorsitzende von Porsche das VW-Gesetz für den integrierten Konzern. So hat sich Porsche das sicher nicht vorgestellt.

Wer wird den neuen Konzern führen?

Es waren auch Politiker, die Porsche zur Offensive zwangen. Aufgrund strenger EU-Grenzwerte für den Schadstoffausstoß aller Autos eines Herstellers musste Porsche nach einem Ausgleich für seine kraftvollen, spritschluckenden Fahrzeuge suchen. Nun geht Porsche im doppelten Sinne in der Markenflotte von Volkswagen auf, ökologisch und ökonomisch. An der Struktur der neuen Holding wird noch gefeilt. Vieles spricht dafür, dass der Sitz des integrierten Konzerns in Wolfsburg liegen wird. Doch wer wird ihn führen? Wendelin Wiedeking, der Vorstandsvorsitzende von Porsche, der sich die Idee zur VW-Übernahme zuschreibt, wollte mit Rückendeckung von Wolfgang Porsche, der Aufsichtsratsvorsitzender und Gesellschafter von Porsche ist, eine Holding führen, die über VW und Porsche thronen sollte. Ganz andere Pläne hat Ferdinand Piëch, der Aufsichtsratsvorsitzender von Volkswagen und ebenfalls Gesellschafter von Porsche ist. Der brillante Stratege und begeisterte Techniker aus Salzburg will Wiedeking demontieren und den Konzern von seinem Vertrauten Martin Winterkorn, dem VW-Vorstandsvorsitzenden, führen lassen. In diesem Ringen geht es nicht um industrielle oder betriebswirtschaftliche Logik, sondern um Macht und Eitelkeiten. Piëch träumt den Traum seines Großvaters, des legendären Käfer-Erfinders. Der Enkel will endlich Volkswagen, den größten Autohersteller Europas, mit Porsche vereinen und kontrollieren.

Wiedeking hat seine Karten überreizt – und verloren. Zwar hat er Porsche aus der Krise geführt. Dafür ist er auch weitaus besser als jeder andere Manager in Deutschland bezahlt worden. Das könnte ihn blind fürs Risiko gemacht haben. Er hat sich an der Übernahme von VW verhoben. In den gigantischen Optionsgeschäften mit VW-Aktien lauern enorme Gefahren für Porsche. Zudem lasten auf Porsche Milliardenschulden; was mit dem Verkauf von Autos verdient wird, reicht gerade für die Zinsen. Jetzt sind die Banken am Drücker, und sie haben mit Wiedeking noch manche Rechnung zu begleichen. Hingegen kann sich der VW-Chef Winterkorn im Erfolg der Sonderkonjunktur sonnen, die er als Kleinwagenhersteller der Abwrackprämie zu verdanken hat. Da diese bald ausläuft, darf man Fragezeichen hinter die Ergebnisqualität von VW im kommenden Jahr machen. Aber das ist Zukunftsmusik. Erst einmal wird über die Führung im Tagesgeschäft und über den Aufsichtsratsvorsitzenden entschieden. Analog zum integrierten Konzern muss auch hier ein gesichtswahrender Kompromiss für die Gesellschafter Piëch und Porsche gefunden werden.

Mit Porsche ist nach Merckle und Schaeffler ein drittes großes deutsches Familienunternehmen mit dem Versuch gescheitert, im Vertrauen auf angestellte Manager und mit Hilfe von Banken börsennotierte Konzerne zu übernehmen. So unterschiedlich die Fälle sein mögen, gemein ist allen, dass sich die Familien in Abhängigkeit von Banken begeben haben. Merckle und Schaeffler wurden kurz vor dem Platzen der Spekulationsblase die Milliardenkredite geradezu aufgedrängt. Und Porsche hat sich durch sein fragwürdiges Geschäftsgebaren am Kapitalmarkt so viele Feinde gemacht, dass man sich nicht wundern darf, wenn nun die Banken den Kredithahn abdrehen. Letztlich sind die Familien aber nicht an Banken, sondern am eigenen Übermut gescheitert. Mit Krediten oder Optionsgeschäften wurden große Räder gedreht, unter die man in der Krise geraten ist.

Text: F.A.Z.

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