Flughafen Tempelhof

Neue Chancen für einen alten Berliner

Von Christian Geinitz

Seit 1923 in Betrieb: der Flughafen Berlin-Tempelhof

Seit 1923 in Betrieb: der Flughafen Berlin-Tempelhof

24. April 2008 Am Sonntag geben die Wahlberechtigten in Berlins erstem Volksentscheid ihre Stimme für oder gegen die Offenhaltung des Flughafens Tempelhof ab. Nachdem die Initiatoren des Plebiszits im vorangegangenen Volksbegehren weit mehr Stimmen sammelten als nötig, erscheint ihr Sieg immerhin möglich. Zu wünschen wäre er. Tempelhof wie geplant schon Ende Oktober zu schließen ist voreilig und durch nichts gerechtfertigt als durch den Wunsch des Senats, unverrückbare Tatsachen zu schaffen.

Alle Fachleute sind sich einig, dass der Traditionsplatz von 1923 nach der Schließung nie wieder eine Betriebsgenehmigung erhielte. Besser wäre es, Tempelhof wenigstens so lange offen zu halten, bis die vielen Unklarheiten rund um das Berliner Luftfahrtkonzept geklärt sind. Kommt man dann zu dem Schluss, dass Tempelhof untragbar oder für den Bau des neuen Zentralflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) gefährlich ist, kann man ihn immer noch schließen. Ein heutiges Ja zu Tempelhof bedeutet keine dauerhafte Bindung und erst recht kein Nein zum BBI.

Breite Opposition gegen Wowereit

Denkmalgeschützt: die Eingangshalle

Denkmalgeschützt: die Eingangshalle

Dessen ungeachtet will der rot-rote Senat mit Unterstützung der Grünen den Tempelhofer Betrieb in einem halben Jahr einstellen. Er hat angekündigt, sich notfalls über den Volkswillen hinwegzusetzen - obgleich er selbst die direkte Demokratie erst ermöglicht hat. Rechtlich kann er das, politisch fühlt er sich dazu verdammt. Denn das gegnerische Bündnis verfolgt weiter gehende Ziele als den Flughafenerhalt, namentlich die Schwächung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) und seiner ungeliebten Koalition mit den Linken.

Bundesregierung, Wirtschaft und Presse sind in weiten Teilen gegen die Schließung, in der SPD ist die Entscheidung ebenso umstritten wie Wowereit selbst. In der Union wittert der blasse Lokalmatador Friedbert Pflüger die Möglichkeit, Wowereit endlich einmal populistisch zu übertrumpfen; im Bundestag führt der umtriebige Unionsabgeordnete für Tempelhof-Schöneberg, Peter Rzepka, eine überparteiliche Flughafen-Allianz an; zuletzt sprach sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel nachdrücklich für Tempelhof aus. Das ist das Dilemma der Streithähne: Sie haben das Thema derart aufgeladen, dass jede Dialogbereitschaft als Schwächebekundung politisch ausgeschlachtet würde und sich die Diskussion deshalb seit Monaten im Kreis dreht.

Emotionale Gründe reichen nicht aus

Was spricht für, was gegen Tempelhof? So bemerkenswert die Architektur des ehedem größten Gebäudes der Welt ist, so bewegend die Geschichte des wichtigsten Pfeilers der Luftbrücke sein mag: Emotionale Gründe reichen nicht aus, um Tempelhof zu erhalten. Die zentrale Lage ermöglicht eine schnelle Anbindung, sie zieht zugleich aber Lärm, Luftverschmutzung und Unfallgefahren mitten hinein in ein Wohngebiet. Das wichtigste Argument für die Schließung ist jedoch ein rechtliches. Das Bundesverwaltungsgericht hat festgestellt, dass ein Weiterbetrieb von Tempelhof über die Eröffnung des BBI hinaus der geltenden Landesplanung für den neuen Zentralflughafen widerspräche. Das könnte das Großprojekt mit bis zu 40.000 Arbeitsplätzen gefährden.

Doch der BBI öffnet frühestens 2011, weshalb auch dann erst der dritte Berliner Platz, Tegel, vom Netz gehen soll. Es gäbe also genügend Zeit, die rechtlichen Fallstricke zu prüfen und nötigenfalls die Landesplanung zu ändern. Weshalb dann die Eile in Tempelhof? Der Senat und die staatliche Flughafengesellschaft verweisen auf die hohen Verluste des kaum frequentierten Platzes von jährlich zehn bis zwölf Millionen Euro. Richtig ist, dass der Markt Tempelhof bisher nicht gewollt hat und der Steuerzahler seit Jahren eine riesige Brache finanziert.

Was haben, muss man fragen, in dieser Zeit eigentlich die spendierfreudigen Tempelhof-Freunde getan, die das Plebiszit jetzt finanzieren? Wo waren die Konzepte der Fluggesellschaften, die die Schließung heute bedauern? Warum melden sich Investoren wie der schillernde Kosmetik-Erbe Ronald S. Lauder, der in Tempelhof ein luftangebundenes Gesundheitszentrum errichten will, erst jetzt?

Warum nicht Tegel?

Doch hier gilt: besser ein spätes Konzept als keines. Der Senat hat zwar einige Nachnutzungsideen für die Fläche. Er kann bisher aber keinen Investor präsentieren, der die denkmalgeschützten Gebäude finanzieren wollte; deren Unterhalt, nicht der maue Flugbetrieb sorgt für die Betriebsverluste. Der Bund, der als Miteigentümer kein Interesse hat, den BBI zu gefährden oder Tempelhof künstlich am Leben zu erhalten, ist zur Übernahme der Fehlbeträge bis zur Inbetriebnahme des BBI bereit. Der Fortbestand von Tempelhof bis 2011 wäre also finanziell gesichert, rechtlich ist er es ohnehin. Selbst die umliegenden Stadtteile haben sich für den Weiterbetrieb ausgesprochen, weil für sie die wirtschaftlichen Chancen schwerer wiegen als die Gefahren.

Am Sonntag schließt sich vielleicht die Mehrheit der Berliner dieser Meinung an. Das wäre zwar eine gute Wahl, verstellt aber den Blick auf eine andere Frage: Wenn man schon einen Innenstadtflughafen erhält, warum nicht Tegel? Der wurde jüngst erweitert, ist äußerst zweckmäßig und beliebt. Vor allem aber: Tegel macht als einziger der drei Berliner Flughäfen seit Jahren Gewinne.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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