Leitartikel Wirtschaft

Risiken für den Stahlboom

09. Oktober 2007 Innerhalb einer Dekade sind die Produktion und der Verbrauch von Stahl rund um den Globus um stolze siebzig Prozent hochgeschnellt. Seit dem Jahrhundertwechsel sonnt sich die Stahlindustrie in einem Boom. Selbst altgediente Stahlmanager können sich an keine vergleichbar stabile Schönwetterperiode erinnern. Aber gerade unter den älteren Managern ist auch die Krisenanfälligkeit in der bislang für erratische Zyklen bekannten Branche noch nicht vergessen.

Es gibt wenig Zweifel, dass der Einsatz dieses Werkstoffes noch auf Jahre hinaus zunehmen wird. Schwieriger ist die Prognose, ob die Stahlindustrie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat oder mit euphorischer Expansionslust die Weichen für die nächste Krise stellt. Der Motor des Aufschwungs ist China. Hoffnungen ruhen auch auf Brasilien, Russland und Indien. In diesen aufstrebenden Schwellenländern sind Infrastrukturinvestitionen der stärkste Impulsgeber.

Sie treiben nicht nur den Baustahlbedarf, sondern auch die Nachfrage in der Nutzfahrzeug- und Baumaschinenindustrie und - über den wachsenden Rohstoffbedarf - auch bei den Werften. Der zunehmende Wohlstand in den Erze, Kohle, Öl und Gas exportierenden Ländern kommt dem Anlagenbau, aber auch Branchen wie dem Automobilbau oder der Elektroindustrie zugute, die höherwertige Stähle in ihren Produkten verarbeiten.

Solche Zusammenhänge bescheren seit einiger Zeit auch der lange krisengeschüttelten westeuropäischen Stahlindustrie glänzende Geschäfte. Deren gesättigte Heimatmärkte bieten zwar kaum noch Wachstumspotential. Dennoch hat auch der Stahlbedarf in der Europäischen Union im Zuge höherer Exporte wesentlich stärker als in den achtziger und neunziger Jahren zugenommen. Die indirekten Stahlausfuhren in Form von Konsum- und Investitionsgütern waren dabei wichtiger als die direkten Werkstoffexporte. Mit dem stärker werdenden Euro wachsen nun aber auch die Exportrisiken.

Bisher ermöglicht dieser Aufschwung den westeuropäischen Stahlkochern Renditen, wie sie allenfalls im neunzehnten Jahrhundert während der Industrialisierungsphase üblich waren. Vor zehn Jahren noch todgeweihte Hütten in Deutschland, Frankreich oder Spanien arbeiten in Bestform. Es sind in erster Linie exogene Faktoren wie der in China seit einigen Jahren exorbitant steigende Stahlbedarf, von denen sie profitieren. Aber sie haben sich den Erfolg auch mühsam erarbeitet.

Denn in Europa begann die Konsolidierung der lange unter Überkapazitäten leidenden Branche. Bis zur Jahrhundertwende war Stahl ein strategisches und für den Arbeitsmarkt bedeutendes Produkt. Im Zuge immer wiederkehrender Krisen waren in der Europäischen Union die meisten größeren Stahlproduzenten in den Besitz oder unter Einfluss der öffentlichen Hand geraten. Seit Mitte der siebziger Jahre flossen Steuermittel in dreistelliger Milliardenhöhe in den Erhalt nicht mehr wettbewerbsfähiger Konzerne. Erst als in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien die Marktführer wieder privatisiert wurden, war der Weg für die überfällige durchgreifende Restrukturierung und Konsolidierung frei. Dadurch konnte Zug um Zug die Produktionskapazität dem Bedarf angenähert werden.

Inzwischen hat diese Konsolidierung globale Ausmaße erreicht. Im Zuge von Fusionitis, wachsendem Geschäft und glänzenden Erträgen hat sich die Börsenbewertung der internationalen Stahlindustrie innerhalb von sechs Jahren auf 800 Milliarden Dollar verachtfacht. Aber nicht zuletzt die rasant gestiegenen Unternehmenspreise führen in jüngerer Zeit dazu, dass bei der angestrebten Geschäftsausweitung nun das organische Wachstum in den Vordergrund rückt. Noch nie zuvor sind bei den Anlagenbauern so viele Stahlwerke in Auftrag gegeben worden.

Der chinesische Markt bietet einen Vorgeschmack auf ein Ende der goldenen Jahre. Dort wächst seit einiger Zeit das Angebot schneller als die Nachfrage. Der in kurzer Zeit bei Edelstahl entstandene Kapazitätsüberhang ist enorm. Bei stark gesunkenen Inlandspreisen drängt chinesischer Stahl mit Wucht in den Export. Mit der Stilllegung veralteter Stahlwerke könnten die Überkapazitäten zwar verringert werden, aber den weitgehend in staatlicher Hand befindlichen Produzenten ist die Beschäftigung wichtiger als der Ertrag.

Zumindest deutsche Stahlkonzerne beherzigen die bitteren Erfahrungen der Vergangenheit noch. Sie bleiben ihrem Weg der Spezialisierung auf hochwertige Produkte und einer behutsamen Expansion treu. So sind Edelstahlspezialisten wie die Georgsmarienhütte oder Schmolz + Bickenbach von der Misere am globalen Edelstahlmarkt nicht betroffen. Der Flachstahl- und Rohrhersteller Salzgitter baut ein neues Geschäftsfeld im Anlagenbau auf, das in schwierigen Stahljahren einen Ausgleich bieten soll. Aus ähnlichen Erwägungen hält Thyssen-Krupp an seiner Konglomeratsstruktur fest und wappnet sich gegen den erwarteten schärferen Wettbewerb durch den Bau neuer Stahlwerke in Amerika. So will Thyssen-Krupp möglichst als Kostenführer bei hochwertigem Flachstahl den wachsenden Kapazitäten in den Schwellenländern Paroli bieten.



Text: F.A.Z., 10.10.2007, Nr. 235 / Seite 11

 
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