17. November 2005 Was ist nur in Bayern los? Unmut regt sich in der CSU gegen Ministerpräsident Edmund Stoiber, im Vorstand der Hypo-Vereinsbank herrscht Chaos. Nun scheint noch eine andere weiß-blaue Ikone ins Wanken zu geraten: Die Bayerischen Motoren Werke haben mit ihren jüngsten Quartalszahlen die Börse enttäuscht - nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Freude an der Aktie bereitet der Münchner Auto- und Motorradhersteller, der seinen Kunden Freude am Fahren verspricht, in diesem Herbst kaum.
Nach der Trennung vom britischen Autobauer Rover im Jahr 2000 startete BMW eine Erfolgsfahrt. Die Route verläuft auf der Hauptstraße: Das Unternehmen konzentriert sich als Premiumanbieter auf seine starke Stammmarke, flankiert von Mini und Rolls-Royce. Nebenwege meidet BMW seit der verlustreichen Erfahrung in England. Der Ausflug mit Rover in das Massensegment uferte in den neunziger Jahren in ein Desaster aus. Wieviel Kraft solche Abenteuer kosten, mußte lange Zeit auch Daimler mit Chrysler und mit dem erst in diesen Tagen beendeten Kapitalengagement bei Mitsubishi erfahren. BMW konzentriert sich dagegen schon seit fünf Jahren auf das Wichtige: Autos und Motorräder zu bauen, die viele Käufer finden.
Doch die BMW-Welt ist nicht mehr ganz heil, die Schwierigkeiten der internationalen Autoindustrie treffen auch die Münchner. Die Folgen der Dollarschwäche machen dem Unternehmen ebenso zu schaffen wie die höheren Preise für Stahl und Öl. Zudem verschärft sich auch im Premiumsegment die Konkurrenz. Dem Zwang zu Verkaufsanreizen können sich die Münchner nicht entziehen. Ob spezielle Leasingangebote mit satten Rabatten für einzelne Berufsgruppen oder Nachlässe im wichtigen Flottengeschäft - im Wettbewerb darf auch die stolze bayerische Marke nicht hochnäsig sein.
Nach vier Jahren mit nahezu stetig steigendem Profit muß sich BMW nun vermutlich trotz weiter gestiegener Absätze und Umsätze mit einem Gewinn auf Vorjahresniveau begnügen. Das wird nur dank der großzügigen Interpretation von Helmut Panke gelingen. Der Vorstandsvorsitzende spannt den Zielkorridor für ein stabiles Ergebnis von plus zehn bis minus zehn Prozent.
Im vergangenen Quartal kam eine neue Bürde hinzu, die den Konzerngewinn schrumpfen ließ: der gesunkene Marktwert der Optionsverpflichtung aus einer Umtauschanleihe. Ohne diesen Effekt wäre der Konzerngewinn vor Steuern gestiegen. Das Betriebsergebnis hat BMW sogar erstmals nach zwei rückläufigen Quartalen wieder gesteigert. Freilich ist das Resultat unter dem Strich entscheidend, aber unter der Lupe betrachtet, deutet der Autokonzern auch in einem schwachen Quartalsergebnis seine Stärke an. Es ist in erster Linie die klare Modellpolitik, die das Unternehmen in der Spur hält.
Mit der im Jahr 2000 gestarteten Produkt- und Marktoffensive hat BMW die Angebotspalette erheblich erweitert. Mehr als 16 Milliarden Euro Investitionen und 10 Milliarden Euro für die Entwicklung läßt sich das Unternehmen sein Expansionsprogramm kosten. Zum erweiterten Angebot zählen beispielsweise seit Anfang 2004 der X3, der davon profitiert, daß geländetaugliche Autos im Stadtverkehr beliebt geworden sind, und seit September 2004 die Einser-Reihe. So erfolgreich BMW trotz des späten Einstiegs in die Kompaktklasse ist, mit dem Einser hat sich jedoch der Produktmix verändert. Der absolute Gewinnbeitrag des kleinsten Autos der Stammarke fällt geringer aus als jener der anderen Modellreihen. Mit stärkeren Motoren oder teuren Zusatzausstattungen versucht BMW gegenzusteuern. Dank solcher Aufpreise ist auch der Mini offenbar ein wirtschaftlicher Erfolg.
Die neue Dreier-Reihe untermauert seit dem Verkaufsstart der Limousine im März dieses Jahres ihre entscheidende Bedeutung für den Konzern. Sie ist mit Abstand die meistverkaufte Modellgruppe. Während die Geländeautos X3 und der ältere und größere X5 gute Absatzzahlen erzielen, tut sich BMW in einer anderen Nische seit einiger Zeit aber äußerst schwer: Der offene zweisitzige Sportwagen Z4 ist in der Gunst der Käufer tief gefallen - vielleicht auch wegen des gewagten Designs. Mit Ablehnung hatte auch der Siebener zu kämpfen, der offensichtlich mehr als jedes andere Modell der weiß-blauen Marke mit diversen Rabatten um die Gunst von Kunden buhlen muß. Die Designkorrektur hat dem größten BMW aber gutgetan, was sich auch in steigenden Absatzzahlen niederschlägt. Doch die neue S-Klasse von Mercedes, die auf der Frankfurter Automesse IAA Begeisterung hervorrief, greift den Siebener auf seiner Spitzenposition in der Oberklasse an.
Mit dem verschärften Wettbewerb wird sich auf absehbare Zeit vermutlich ein neuer Vorstandschef von BMW auseinandersetzen müssen. Panke erreicht im August 2006 die unternehmensinterne Altersgrenze von 60 Jahren für die oberen Führungskräfte. Auf der Hauptversammlung 2007 könnte der Wechsel über die Bühne gehen. Chancenreich erscheinen Finanzvorstand Stefan Krause und Produktionschef Norbert Reithofer, vielleicht zählt auch Vertriebsvorstand Michael Ganal zum Kreis der Kandidaten. Unabhängig von der Personalentscheidung ist aber zu erwarten, daß BMW an der von Joachim Milberg eingeschlagenen und von Panke fortgeführten Strategie mit der Konzentration auf das Premiumsegment festhält. Die starke Marke, ein eingespieltes Managementteam und die stabile Gesellschafterstruktur mit der Familie Quandt als Großaktionär garantieren gute Voraussetzungen. Gemessen an der Profitabilität, fahren die Münchner weiterhin vor Mercedes und Audi, nur Porsche und Toyota sind besser unterwegs. Um den Gewinn wieder zu steigern, muß BMW seine Anstrengungen für sinkende Kosten und eine verbesserte Effizienz aber wohl noch forcieren. Dann bleiben die Bayerischen Motoren Werke in der Erfolgsspur - trotz größer gewordener Herausforderungen.
Text: F.A.Z., 18.11.2005, Nr. 269 / Seite 13
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Hamburg hält Hapag-Lloyd mit viel Staatsgeld fest
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