Von Rainer Hank
05. Juli 2008 Arg lang ist es noch gar nicht her, da konnte uns der Spritpreis nicht hoch genug sein. Denn die Autofahrer sollten gefälligst von der Straße auf die Schiene vertrieben und die giftigen Abgase mussten dringend reduziert werden. Alle Menschen guten Herzens waren sich einig, dass der Umwelt, der Verkehrssicherheit und wahrscheinlich auch der Dritten Welt zuliebe Benzin hierzulande teurer werden müsse. Umso großzügiger gab der Staat sich die Erlaubnis, kräftig zuzulangen und neben der Mehrwert- auch noch Mineralöl- und Ökosteuer (für einen besonders guten Zweck) zu kassieren.
Seit vergangenem Freitag ist das vorbei. Erstmals kostet das Benzin im Durchschnitt 1 Euro 60. Und alle Welt ist entsetzt. Die CSU heult mit den geknechteten Pendlern und verspricht Subventionen, die Sozialdemokraten wollen die Abgaben senken. Noch nicht einmal die Grünen halten Kurs. Dabei hatten sie ihr Spritpreisziel vor zehn Jahren als Wahlkampfschlager mit 2 Euro 50 (Fünf Mark) beziffert und waren sich dafür zumindest bei der eigenen radelnden Klientel der Zustimmung sicher gewesen.
Kiloweise Moral
Was früher erwünscht war, wird jetzt verdammt. Wie konnte das passieren? Schuld ist der Zeitgeist. Der hat sich gedreht. Der Zeitgeist ist nämlich ein äußerst unzuverlässiger Genosse: Als aktueller Plausibilitätenkonsens kommt er immergültig daher. Doch dann dreht er sich unmerklich, und die Menschen verlieren im Nu alle Erinnerung an die früheren Glaubenssätze. Martin Walser, der dem Zeitgeist vor ein paar Tagen eine brillante Rede gewidmet hat, nennt ihn den Stammtisch der Intellektuellen, um sogleich hinzuzufügen, dass dessen andauerndes Meinungsgewoge mal zum Feinsten und mal zum Gröbsten fähig sei.
Zu einem taugt der Zeitgeist freilich immer: Er produziert kiloweise Moral. Dazu muss man sich nur einen Moment an die Erfindung des Biosprits und der grünen Kraftwerke erinnern. Was war das für ein Freudengeschrei, als sich herum- sprach, dass man Klärschlamm, Gülle, Rapsblüten und Zuckerhirse zu Bioenergie verarbeiten konnte. Endlich gab es guten Strom und gute Treibstoffe, die noch dazu die Bauern aus ihrer Sinnkrise befreien konnten. Denn die Landwirte waren zuvor zur Flächenstilllegung verführt und im offiziellen Geschäftsmodell der Brüsseler Beamten nur noch als Landschaftspfleger vorgesehen. Als neue Mischkonzern taugten sie plötzlich nicht mehr nur als Lebensmittelproduzenten, sondern auch als die guten Kraftwerke der Nation (die Bösen sind die AKW).
Die Bioenergie gilt jetzt als öko-unkorrekt
Auch hier hat sich inzwischen der Zeitgeist gewaltig gedreht. Die Bioenergie gilt nun als öko-unkorrekt und Hauptschurke, wenn die Schuldigen der neuen Welthungerkrise gesucht werden. Hätten sie sich mal nur aufs Essenerzeugen konzentriert, ginge es der Menschheit heute besser, rufen die Moralisten allüberall. Jetzt soll sogar George W. Bush ein Promoteur des Biokraftstoffs sein. Schurkiger geht es nicht. Wir erleben die Umwertung der guten Energiewelt zur bösen Armutsfalle
Keine Moral, die nicht ihre eigene Heuchelei produziert, schreibt Martin Walser. Schuld daran sei immer der Zeitgeist, fügt der Schriftsteller hinzu. Schlimmer als den Zeitgeist trifft dieser Befund die Moral. Denn der Zeitgeist darf sich drehen, die Moral aber eigentlich nicht. Doch vielleicht kann die Bindung der Moral an den Zeitgeist ihr den ganzen aufgeblasenen Absolutheitsanspruch nehmen. Das wäre gut.
Text: F.A.S.
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 4.544,31 | -7,01 |
| TecDax | 516,75 | -4,81 |
| DowJones | 8.451,19 | -1,49 |
| Nasdaq | 1.649,51 | +0,27 |
| STOXX 50 | 2.421,87 | -7,86 |
| Nikkei 225 | 8.276,43 | -9,62 |
| S&P 500 Zert. | 8,83 | -10,45 |
| Euro/Dollar | 1,34 | +0,00 |
| Bund Future | 114,67 | -1,44 |
| Gold | 847,40 | +0,00 |
| Öl | 76,65 | -7,49 |