Leitartikel Wirtschaft

Verräterische Spuren

VON JOACHIM JAHN

24. Januar 2007 Im Wirtschaftsleben hinterlassen Kunden mehr Fährten, als viele Menschen ahnen.

Die Hausdurchsuchungen wegen Kinderpornographie, die jüngst Schlagzeilen machten, haben auch manchem rechtstreuen Kreditkartennutzer einen kleinen Schreck versetzt. Werden Zahlungsströme mittlerweile nach Belieben zu Fahndungszwecken durchgerastert? Wo bleiben das Bankgeheimnis und die Persönlichkeitsrechte der Bürger? Postwendend wurden denn auch nach Bekanntwerden des Ermittlungserfolgs mehrere Klagen gegen den Datenabgleich eingereicht, über die noch nicht entschieden worden ist.

Ein solch überzogenes Verständnis von Datenschutz lässt sich allerdings nur noch als borniert bezeichnen. Polizei und Staatsanwaltschaft ist es in diesem Fall gelungen, mit einer unkonventionellen Methode schwere Straftaten aufzuklären. Sogar die staatlichen Datenschutzbeauftragten haben die Aktion gebilligt. Doch statt sich über diesen Ermittlungserfolg zu freuen, empören sich einzelne Bürgerrechtler darüber, dass ein Computer (übrigens nicht einmal ein staatlicher Rechner, sondern einer im Besitz der Kreditkartenunternehmen oder ihrer Dienstleister) ihre Überweisungen eine Millisekunde lang mit sachlichen, von der Polizei vorgegebenen Kriterien abgeglichen hat. Kurz, schmerzlos und für Unschuldige völlig harmlos.

Sorgen um die eigenen Daten muss man sich heute stattdessen an ganz anderen Stellen machen. Einmal betrifft dies die mittlerweile fast allumfassende Überwachung, die der Staat mit Hilfe der dazu zwangsverpflichteten Geldinstitute im Kampf gegen Geldwäsche installiert hat - vor allem gegen alle damit zusammenhängenden Delikte wie Steuerhinterziehung oder Korruption. Und zum Zweiten geht es dabei um die häufig unbedachte Freimütigkeit, mit der Wirtschaftsteilnehmer sich mittlerweile gegenüber privaten Datensammlern offenbaren.

Denn während bei der Fahndung nach Bestellern von Kinderpornographie nur nach einigen wenigen Überweisungen mit ganz bestimmten Merkmalen gesucht wurde, lässt der Staat mittlerweile systematisch und permanent jegliche Kontobewegungen durchleuchten. Geldinstitute müssen verdächtige Transaktionen heimlich melden und den Kunden dann besonders im Auge behalten. Banken und Sparkassen nutzen deshalb seit Jahren spezielle Computerprogramme, mit denen Geldwäscher aufgespürt werden sollen. Diese Kontrollen richten sich in Wirklichkeit gegen Kriminelle fast jeder Deliktsart, weil "Geldwäsche" nichts anderes ist als das Nutzen der Gewinne aus herkömmlichen Straftaten. Finanzverwaltung und Sozialleistungsträger haben überdies eigene Möglichkeiten zur Online-Kontenerforschung erhalten.

Dazu kommen die Pflichtmeldungen über jegliches Wertpapiergeschäft an die Behörde zur Allfinanzaufsicht (Bafin), die damit Insiderhandel und Kursmanipulation aufdecken soll. Überdies hat die EU die Betreiber von Handynetzen und Computerzugängen verpflichtet, alle Verbindungsdaten für etwaige Strafverfahren länger als bisher aufzubewahren. Wer Wert darauf legt, kann mit Verschlüsselungsverfahren freilich manche Spuren verwischen. Einen eigenen riesigen Datenbestand über fast jeden Haushalt hat die Gebühreneinzugszentrale angehäuft, die die Zwangsgebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eintreibt und dabei auch kriminalistische Recherchen treibt.

Nun drohen vom Staat keine allzu großen Gefahren, denn Justizirrtümer sind hierzulande glücklicherweise selten, ebenso Vorverurteilungen mit irreparablen Vermögensschäden. Bedenklicher ist es, wenn Kunden sich unbewusst gegenüber privaten Wirtschaftsunternehmen entblößen. Viele Menschen hinterlassen elektronische Fährten, ohne es zu merken. Wer etwa im Internet ein Buch bestellt, bekommt, wenn er sich wieder auf die Website desselben Anbieters klickt, an die eigenen Lesegewohnheiten angepasste Lektürevorschläge. "Cookies" - automatisch erzeugte Minidateien auf der Festplatte des eigenen Computers - machen dies möglich. Und wer, um Prämien zu sammeln oder einen Nachlass zu erhalten, an der Ladenkasse eine Rabattkarte vorlegt, liefert mit der Zeit ein ausführliches Profil der eigenen Kauf- und Konsumgewohnheiten - und damit seiner Persönlichkeit.

Doch in dieser Hinsicht sind erstaunlich selten Warnungen vor Überwachung und Schnüffelei, Ausforschung und Kontrolle zu hören. Sicher: Niemand ist gezwungen, diese Angaben preiszugeben. Dadurch erlangte Rabatte sind ebenso erfreulich, wie auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittene Werbeangebote nützlich sein können. Doch zumindest sollte sich jeder darüber im Klaren sein, was er wem über sich verrät. Wichtig ist außerdem, dass die staatlichen Datenschützer die nötigen Befugnisse haben, einen Missbrauch dieser Informationen zu verhindern.

Dann ist gegen den Betrieb vieler der vorhandenen Dateien nichts einzuwenden. So dient es beispielsweise jedem Handy- und Kreditkunden ebenso wie jedem Besteller im Versandhandel, dass Auskunftsbüros "schwarze Listen" über zahlungsunfähige oder -unwillige Marktteilnehmer führen. Täten sie dies nicht, müsste der große Rest die Ausfälle durch säumige Schuldner tragen. Der Marktführer Schufa hat seine mathematischen Verfahren im Laufe der Zeit weiter verfeinert, um falsche Einstufungen möglichst zu vermeiden.

Immer weitere Datenhalden - von der Abrechnung der Lkw-Maut bis zu den in manchen Warenetiketten versteckten Funkchips - kommen dazu. Die moderne Technik lässt sich (glücklicherweise) nicht zurückdrehen. Doch jeder Nutzer muss selbst auf Datenhygiene achten. So wird mittlerweile mancher Stellenbewerber abgelehnt, weil der Personalchef auf abträgliche Details aus dessen Privatleben gestoßen ist - indem er einfach nur eine Suchmaschine nach dessen eigenen früheren Einträgen im Internet forschen ließ.

Text: F.A.Z., 25.01.2007, Nr. 21 / Seite 11

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