Konjunktur

Korrektur des amerikanischen Traums

Von Claus Tigges

02. April 2008 Amerika steckt in einer Rezession. Zum ersten Mal seit sieben Jahren schrumpft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der größten Volkswirtschaft der Erde. Das hat nun erstmals auch der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, als eine realistische Zustandsbeschreibung bezeichnet. Er hat sich damit der Einschätzung von vielen Bankvolkswirten angeschlossen, die nach trüben Konjunkturdaten, der Zuspitzung der Häuserkrise und der Spannungen im Finanzsystem schon länger davon überzeugt sind, dass die Leistung der Wirtschaft derzeit abnimmt.

Erst mit einigem zeitlichen Abstand wird sich sagen lassen, ob Amerika die Voraussetzungen der landläufigen Definition einer Rezession – zwei aufeinanderfolgende Quartale eines sinkenden BIP – erfüllt. Das National Bureau of Economic Research (NBER), das offiziell für die Einordnung der Konjunkturzyklen in Amerika zuständig ist, richtet sich in seiner Bewertung nicht nur nach dem BIP, sondern auch nach anderen Kennziffern wie der Einkommens- und der Beschäftigungsentwicklung.

Drohender Wohlstandsverlust macht Amerikanern zu schaffen

Die Ökonomen bezeichnen eine Rezession als einen „signifikanten Rückgang wirtschaftlicher Aktivität über die Volkswirtschaft hinweg“. Während der vergangenen Rezession 2001 dauerte es acht Monate, ehe die Ökonomen den März als Zeitpunkt festlegten, an dem die Wirtschaft in die Rezession geglitten war. Und wie sich später herausstellte, war sie zum Zeitpunkt dieser Ankündigung im November 2001 schon wieder überwunden.

Für die meisten Amerikaner ist es völlig belanglos, ob die Wirtschaft die Kriterien einer Rezession erfüllt. Das überlassen sie den Wirtschaftshistorikern. Amerikanische Familien treiben die steigenden Kosten im Gesundheitswesen und die hohen Benzinpreise um, die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und womöglich auch des Daches über ihren Köpfen. In amerikanischen Unternehmen werden inzwischen mehr Stellen gestrichen als geschaffen, die Häuserpreise fallen in den meisten Regionen des Landes, in einigen sogar mit hoher Geschwindigkeit, und die Kreditklemme im Finanzsystem schlägt auch auf die Realwirtschaft durch. Die Angst vor einem Verlust an Wohlstand und Lebensqualität ist zu spüren, und sie ist abzulesen an den verschiedenen Barometern der Verbraucherstimmung.

Die Reaktion Washingtons auf den Knick in der Konjunktur ist bemerkenswert und zeugt von einer großen Zuversicht, mittels staatlicher Eingriffe die Dinge zum Besseren wenden zu können: Zum einen stemmt sich die Notenbank mit aller Macht gegen die Konjunktur- und Finanzkrise, indem sie frisches Geld in die Wirtschaft pumpt und – ordnungspolitische Grundsätze über den Haufen werfend – eine angeschlagene Investmentbank womöglich auf Kosten der Steuerzahler vor dem Untergang bewahrt. Zum anderen haben Regierung und Kongress in Windeseile ein milliardenschweres Konjunkturpaket geschnürt, das über Steuervergünstigungen in bester keynesianischer Manier auf eine Belebung des privaten Konsums und der Investitionen setzt.

Wirtschaftspolitik wird zum wichtigen Wahlkampfthema

Und das Finanzministerium hat mit dem Verschicken der Schecks an die Haushalte noch gar nicht begonnen, da werden schon Rufe nach einem zweiten Paket laut, das eigens für die vom Verlust des Heims bedrohten Hausbesitzer geschnürt werden solle. Besonders laut wird diese Forderung von den beiden wahlkämpfenden Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama erhoben. 30 Milliarden Dollar, ebenso viel wie die Fed zur Rettung von Bear Stearns bereitgestellt hat, sollen nach den Vorstellungen der beiden Präsidentschaftsbewerber aus Steuermitteln eingesetzt werden, um Zwangsversteigerungen zu verhindern und Hausbesitzern eine günstigere Refinanzierung ihrer Hypothekendarlehen zu ermöglichen.

Solche Vorschläge haben viel mit Wahlkampf und nichts mit guter Wirtschaftspolitik zu tun. Sie lassen auch nichts Gutes für den Fall eines Wahlsiegs erwarten. Zumal Clinton dieser Tage eine ebenso erschreckende wie gefährliche Naivität offenbarte, als sie den Zuhörern auf einer Wahlkampfveranstaltung versprach, vom ersten Tag einer möglichen Präsidentschaft an „Oberbefehlshaber der Wirtschaft“ zu sein. Solche Sprüche zeugen von einem wirren Verständnis der Funktionsweise einer Marktwirtschaft.

Das Ende eines langen Aufschwungs

Das Zerplatzen der Immobilienblase hat Amerika das Ende eines langen Aufschwungs gebracht. Zur Schwarzmalerei aber besteht kein Anlass, auch wenn die Krise auf dem Häusermarkt und die Spannungen im Finanzsystem noch nicht ausgestanden sind und das Wachstum noch eine Weile belasten werden. Am sinnvollsten wäre es, der Korrektur früherer Übertreibungen ihren Lauf zu lassen – abgesehen von Maßnahmen zur Abwendung eines Zusammenbruchs des Finanzsystems, die die Währungshüter als „Kreditgeber der letzten Instanz“ ergreifen. Wenn sich die Konjunktur so leicht stabilisieren ließe, wie es die Akteure in Washington mit ihrem Aktionismus nahelegen, dann müsste jedes Jahr ein Konjunkturprogramm beschlossen werden. Das wäre eine schöne Welt, in der es mit der Wirtschaft nie mehr bergab ginge. Zu schön, um wahr zu sein.

Die Konjunktur lässt sich nicht so leicht lenken, wie die Aktionisten in Washington glauben.



Text: F.A.Z.

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