04. Oktober 2007 Das Herz der deutschen Unternehmen, die mit Asien Geschäfte machen, schlägt bis zum Wochenende in der koreanischen Hauptstadt Seoul. Die elfte Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft ist weit mehr als ein Familientreffen an entlegener Stelle. Natürlich gibt es Anlass zum Feiern, denn das Asien-Geschäft brummt. Chinas und auch Russlands Nachfrage stützen die deutsche Exportbilanz. Anlass zum Ausruhen gibt es freilich nicht. Eine wachsende China-Furcht im Rest der Welt verlangt nach Antworten auch aus der Geschäftswelt. Will sie ein allen schadendes "Bollwerk Europa" verhindern, darf sie sich nicht hinter der Politik verstecken.
Im Mittelpunkt der Debatten in Seoul werden einmal mehr Chinas Aufschwung und dessen Risiken stehen. In den vergangenen Jahren hat Peking Asien seinen Stempel aufgedrückt. Dank einer geschickten Diplomatie der ruhigen Hand ist es der Regierung gelungen, sich in allen Ländern der Region unentbehrlich zu machen. China leistet Entwicklungshilfe in den Nachbarländern, China investiert, kauft ein und verleiht den Nachbarn eine Stimme oder - wie gerade im Fall Burma - bewahrt sie vor Verurteilung. Die Botschaft ist unüberhörbar: Wer Peking zum Freund hat, hat einen starken Partner an seiner Seite.
Diese Taktik entspricht eher der asiatischen Mentalität einer dauerhaften Pflege guter Beziehungen als der laute Auftritt, den die Amerikaner über Jahre in Asien hinlegten. Zu oft war dieser geprägt von Überheblichkeit und Besserwisserei. Viele Asiaten unterscheiden bis heute zudem nicht zwischen dem Internationalen Währungsfonds, der von 1997 an Krisenländern seinen Weg aufzwang, und Washingtons Außen- und Wirtschaftspolitik. Solange es Amerika als Partner braucht, arrangiert sich Asien, ist Ersatz in Sicht, ist es dafür offen.
Dabei ist das scheinbar sanfte Vorgehen Chinas knallhart kalkuliert. Die Volksrepublik ist mindestens so sehr auf Wohlwollen und Stimmen ihrer Nachbarländer angewiesen wie diese auf Unterstützung Pekings. Aus diesen Abhängigkeiten aber erwächst ein neues Asien. Eine Wachstumsrate der Schwellenländer von gut acht Prozent in diesem und dem kommenden Jahr verleiht Selbstbewusstsein. Indien orientiert sich spürbar nach Osten. Die Region bindet sich in Freihandelsverträgen. Japan will sich China gegenüber behaupten, indem es den Süden und Südosten umwirbt. Die Asean-Länder lassen sich tragen von der Bugwelle, die China und Indien erzeugen. Trotz seiner Vielfalt, seiner unterschiedlichen politischen Ausrichtung wächst Asien dank der Kaufkraft einer größer werdenden Mittelschicht allmählich zusammen.
Zwar wird eine Wirtschaftsunion wie in Europa hier über Jahrzehnte nicht entstehen. Doch braucht Asien diese auch nicht, um ein enges Wirtschaftsgeflecht zu nähren. Indiens Softwareindustrie entwickelt sich nun auch in China, Chinas Computerhersteller Lenovo strebt an den indischen Markt. Die japanische Automobilindustrie exportiert aus dem Reich der Mitte und entwickelt Kleinwagen für Inder. In der ersten Hälfte des Jahres wuchs der in Dollar bemessene Konsum in China und Indien schneller als die Nachfrage in Amerika. Langsam verliert der Hauptexportmarkt Amerika an Gewicht. Bedeutend bleibt er gleichwohl. Gleitet Amerika in eine Rezession, werden die asiatischen Exporteure dies spüren. Die Weltbank erwartet, dass ein Schrumpfen des amerikanischen Konsums um ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes China einen halben Prozentpunkt Wachstum kosten werde. Die Asiatische Entwicklungsbank schätzt, ein Einbruch in Amerika schmälere die Wachstumsrate der Schwellenländer Asiens um bis zu zwei Prozentpunkte. Damit könnte die Region leben. Hohe Reserven, ein verbessertes Finanzsystem und ein stärkerer Wille zum politischen Eingreifen tragen zur besten Ausgangsposition bei, die Asien je besaß. Immun gegen Einbrüche ist es allerdings nicht. Gefährlich etwa wird eine amerikanische Rezession dann, wenn sie zu stärkerem Protektionismus verführte.
Angesichts des Vakuums, das die amerikanische Politik in Asien hinterlässt, und angesichts der wirtschaftlichen Probleme in Amerika kommt dem Verhältnis zwischen Asien und Europa wachsendes Gewicht zu. Während die asiatischen Exporte nach Amerika in den vergangenen drei Monaten um 14 Prozent anzogen, stiegen die Ausfuhren nach Europa im selben Zeitraum um 40 Prozent.
Auf Asiens Stärke muss auch die deutsche Wirtschaft reagieren - vor allem in der Heimat. Deutschland steht inzwischen bei asiatischen Investoren in einem Standortwettbewerb. Deutsche Produkte sind nicht länger schon dank ihrer Herkunft überlegen; stärker als bislang werden sie an asiatischer Konkurrenz gemessen. Vor allem aber müssen die Geschäftsleute die wachsende Angst vor Asien in Europa bekämpfen. Niemand will Entsandte der Kommunistischen Partei Chinas auf der Kapitalseite seines Aufsichtsrates sitzen haben. Dagegen hilft vor allem eine hohe Marktkapitalisierung, möglicherweise eine Prüfung von Einzelfällen. Der immer lautere Ruf nach einem protektionistischen Schutzwall hilft hingegen nicht. Er schadet allen und damit auch den deutschen Unternehmen.
Text: F.A.Z., 05.10.2007, Nr. 231 / Seite 17
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