Von Daniel Schäfer
11. Juni 2008 Vor wenigen Tagen blickte deutschen Zeitungslesern ein lächelndes Insekt entgegen: Ein als Freuschrecke bezeichnetes hellgrünes Wesen warb auf großformatigen Anzeigen für den Einstieg des britischen Finanzinvestors CVC Capital in den Mischkonzern Evonik. Noch vor kurzem hätte diese Werbekampagne einen Aufschrei aus Politik und Gewerkschaften provoziert: Ein kalt-kapitalistischer Beteiligungsfonds, eine Heuschrecke, kauft sich in die deutsche Industrietradition ein, und der Betroffene wirbt auch noch dreist dafür.
Doch das Ansehen der Beteiligungsbranche hat sich gewandelt. Gut drei Jahre nachdem der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering Private-Equity-Fonds als Heuschrecken geißelte, sind diese ein akzeptierter und etablierter Teil der deutschen Wirtschaft und Finanzbranche geworden. Der Fall Evonik zeigt: Private Equity ist kein Aufreger mehr.
Buyouts geraten ins Wanken
Den Heuschrecken kann in Deutschland ohnehin kaum noch jemand ausweichen - ob als Angestellter, Manager oder Aktionär. Die Branche finanziert nach Zahlen ihres Verbands BVK in Deutschland Unternehmen, die 1,1 Millionen Mitarbeiter beschäftigen und 195 Milliarden Euro umsetzen. Darunter sind nicht nur spektakuläre Großkäufe. Familienunternehmer nutzen Beteiligungsfonds, um ihre Nachfolge zu regeln, Mittelständler finanzieren mit ihnen einen Wachstumsschritt. Und Millionen Telekom-Aktionäre sitzen mit dem Beteiligungsfonds Blackstone in einem Boot.
Die Gefühlslage der Deutschen hat sich just in dem Moment geändert, in dem die Branche international unter der Finanzkrise leidet. Das mit Abstand wichtigste Betätigungsfeld der Branche, die im Finanzjargon Buyouts genannten Großkäufe, gerät ins Wanken. Banken geben den Beteiligungsfonds kaum noch Kredite für diese Milliardengeschäfte. Manche der erworbenen Unternehmen sind bedrohlich hoch verschuldet. Gleichzeitig dürfte es den Beteiligungsfonds schwerfallen, noch zu Spitzenpreisen erworbene Konzerne mit einer ansehnlichen Rendite wieder abzugeben.
Größenrekorde aufgestellt
Solche Buy-outs werden daher in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren und durch andere Beteiligungsstrategien ergänzt werden. Die Entwicklung ist vergleichbar mit dem Platzen der Technologieblase Anfang des Jahrtausends, in deren Folge Wagniskapitalinvestoren weniger gefragt waren und Buy-out-Fonds an Gewicht gewannen. Seither haben diese Fonds jedes Jahr Größenrekorde aufgestellt.
Mit einem nicht investierten Eigenkapitalberg von immer noch 820 Milliarden Dollar ist die Beteiligungsbranche auch geradezu verdammt, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Es zeichnet sich ab, dass ihre Investitionsstrategien geringere Renditen abwerfen werden. Es geht verstärkt um Minderheitsbeteiligungen und Investitionen in börsennotierte Unternehmen; Evonik und Telekom lassen grüßen.
Der raketengleiche Aufstieg der Beteiligungsfonds ist gestoppt. Das bedeutet aber nicht, dass Private-Equity insgesamt einen dramatischen Relevanzverlust erleiden wird, weder international noch in Deutschland. Private Equity ist ein Teil des hiesigen Wirtschaftskreislaufs geworden. Die Beteiligungsbranche und die Industrie haben sich in den vergangenen Jahren gegenseitig unter Druck gesetzt, belehrt und inspiriert. Deutsche Manager sind in die Beteiligungsbranche gewechselt und haben den Firmenjägern ihr Wissen beigebracht.
Die Manager großer Konzerne haben auf Druck der Finanzinvestoren die Methoden der Beteiligungsfonds angenommen: Das einstige Konglomerat Linde etwa verkaufte die Gabelstaplersparte und konzentriert sich nach einer Großübernahme auf Industriegase - eine Strategie, wie sie auch mit einem Linde-Kauf liebäugelnden Finanzinvestoren vorschwebte.
Populismus doppelmoralischer Politiker
Nicht nur die Manager sind mit den Finanzinvestoren auf Tuchfühlung gegangen. Auch viele Politiker und selbst Gewerkschafter haben - ungeachtet öffentlicher Rhetorik - längst den Sinn dieser Agenten des Wandels erkannt. Politiker nutzen sie für Privatisierungen und gehen nach dem Ende ihrer politischen Karriere in deren Beiräte; Gewerkschafter haben durch Erfahrungen in vielen Betrieben erkannt, dass ein Verkauf eines Unternehmens an einen Investor oft schmerzfreier ist als die Übernahme durch einen Wettbewerber.
Die anfangs geführte Angstdebatte lässt sich gleichwohl nicht nur als Populismus doppelmoralischer Politiker abtun. Sie beruhte zum Teil auf Unkenntnis, aber natürlich auch auf manchem Exzess, den es in der Beteiligungsbranche gegeben hat und gibt. Unternehmen mit viel zu hoher Verschuldung wie der Chemiekonzern Cognis oder die Autobahnraststättenkette Tank & Rast zeigen, dass Beteiligungsmanager Opportunisten sind, die bei der Vorteilssuche sehr weit gehen.
Wo es wirtschaftlich sinnvoll erscheint, wird in Wachstum investiert - oder eben die Verschuldung hochgetrieben, bis die Zukunft des Unternehmens am seidenen Faden hängt. Derartige Exzesse werden in den kommenden wirtschaftlich weniger rosigen Jahren manches von Private Equity gekaufte Unternehmen in den Ruin treiben. Eine ganze Branche dafür an den Pranger zu stellen ist falsch. Die Auswüchse darf man aber benennen und attackieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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