Kommentar

Schwanz und Hund

Von Johannes Ritter

15. Juli 2008 

Schaeffler greift nach Conti. Das ist wahrlich eine faustdicke Überraschung. Ein fränkisches Familienunternehmen, das mit Wälzlagern groß geworden ist, will sich mal eben den zweitgrößten Automobilzulieferer Europas einverleiben. Da Conti keinen dominierenden Einzelaktionär hat, gilt der hannoversche Konzern zwar schon seit Jahrzehnten als Übernahmekandidat. Aber eines Tages im Schoß der Familie Schaeffler zu landen, darauf hätte niemand gewettet. Und noch ist es ja auch nicht so weit. Noch sind für die Franken einige hohe Hürden zu nehmen. Denn hier wedelt der Schwanz mit dem Hund: Conti ist fast dreimal so groß wie die gesamte Schaeffler-Gruppe.

Weshalb trauen sich die Franken trotzdem an den Dax-Wert Conti heran? Die Antwort gibt der Börsenkurs, der sich bis vergangenen Freitag binnen Jahresfrist halbiert hat. Hohe Rohstoffkosten, die sich abschwächende Automobilkonjunktur in Europa und die Nachfrageschwäche in Amerika sind dafür die entscheidenden Gründe. Doch die eigentliche Substanz des Conti-Konzerns, der in seinen Märkten gut aufgestellt ist und hervorragend geführt wird, spiegeln die jüngsten Kurse nicht wider. Das zeigen auch die Kursziele der Analysten, die sich zwischen 80 und 100 Euro bewegen. Kein Wunder, dass die Conti-Aktie nach Bekanntwerden der Übernahmepläne am Montag einen großen Sprung nach oben gemacht hat.

Einschließlich der Schuldenübernahme müsste Schaeffler deutlich mehr als 20 Milliarden Euro für den Kauf aufbringen. Zu schaffen ist das wohl nur, wenn die Franken nach der Übernahme das Conti-Reifengeschäft verkaufen. Das jedoch ist mit dem Conti-Vorstand nicht zu machen. Das Reifengeschäft reduziert die gefährliche Abhängigkeit vom zyklischen Geschäft mit den Automobilherstellern und schlägt technologisch wertvolle Brücken zu den Bremssystemen in der Hauptsparte Autoelektronik. Daher bastelt Wennemer schon an einer Abwehrstrategie. Es ist gut denkbar, dass ihm im Ernstfall ein Weißer Ritter zur Seite eilt. Vielleicht reicht diesem schon eine Sperrminorität von 25 Prozent, um Schaeffler abzuschrecken.

Selbst wenn sie vom Verkauf der Reifensparte absähen, wäre Wennemer den Franken wohl nicht zugeneigt. Schließlich brächte Conti der Schulterschluss mit Schaeffler keine strategischen Vorteile. Im Gegenteil: Conti ist noch über Jahre mit der Integration des übernommenen Wettbewerbers Siemens-VDO beschäftigt. Zusätzlich mit Schaeffler auf eine Linie zu kommen würde die Management-Kapazitäten klar überfordern.

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Text: F.A.Z.

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