23. Oktober 2003 Nach der Entscheidung über die Beiersdorf-Anteile der Allianz dürften die Sektkorken am lautesten in der Hamburger Unternehmenszentrale geknallt haben. Der Verkauf fast des gesamten Aktienpakets hat zunächst nämlich die Folge, daß der Beiersdorf-Vorstand seinen insgesamt erfolgreichen Kurs fortsetzen kann. Zwar traten immer wieder auch in diesem Unternehmen Schwächen zutage, doch mit der Weltmarke Nivea war Beiersdorf unschlagbar. Aus eigener Kraft ist Nivea in den vergangenen zehn Jahren mit jeweils zweistelligen Prozentsätzen gewachsen. Wer das Schicksal anderer, inzwischen verstaubter oder ganz untergegangener Traditionsmarken verfolgt, weiß das Kunststück zu würdigen, das hier vollbracht worden ist.
Fraglich bleibt, wie ernsthaft der Konkurrent Procter & Gamble um Beiersdorf pokerte. Einerseits muß Procter & Gamble nach einem Rationalisierungsprogramm in Deutschland nun zunächst den jüngsten Großeinkauf Wella integrieren. Andererseits sind Marken wie Nivea und Tesa für den amerikanischen Konsumgüterriesen sehr attraktiv, um das eigene, zum Teil zweitklassige Portfolio aufzuwerten. Das Geld hierfür wäre vorhanden gewesen. Daß eine solche Integration zahlreiche Arbeitsplätze kostet, steht auf einem anderen Blatt.
Wie dem auch sei, in dem Fernduell zwischen Procter & Gamble und dem Hamburger Konsortium um die Tchibo Holding hat die Allianz einen guten Schnitt zur Rettung der Jahresbilanz 2003 gemacht. Mit einem Preis von 130 Euro je Aktie fällt es leicht, der nationalen Lösung den Vorzug zu geben. Man bedenke: Schon der Schlußkurs von 107,75 Euro am Mittwoch bedeutete ein Kurs-Gewinn-Verhältnis für Beiersdorf von fast dem Dreißigfachen. Wen wundert es daher, daß der Kurs am Donnerstag absackte, als die Übernahmephantasie aus dem Unternehmen wich.
Unter diesen Umständen ist es für die Beiersdorf-Kleinaktionäre mißlich, daß es zu keinem Übernahmeangebot kommt, bei dem sie ebenfalls zu 130 Euro hätten verkaufen können - ein Angebot, zu dem Procter & Gamble gesetzlich verpflichtet gewesen wäre. Die Allianz bleibt mit einem Anteil von knapp vier Prozent an Beiersdorf beteiligt. Finanzvorstand Paul Achleitner lobt dies als gutes Finanzinvestment. Die Wahrheit ist wohl, daß es dem Konsortium ausgesprochen schwergefallen ist, das Geld für die 40 Prozent des Versicherungskonzerns zusammenzubringen. Selbst die Hansestadt ging noch mit ins klamme Konsortium. Zu hoffen bleibt, daß dieses marktwirtschaftlich unsaubere Modell wie auch der neue Eigenbesitz von Beiersdorf eine Parkstation und keine Dauerlösung ist. Der Vorstand des Konsumgüterkonzerns kann nun seine Tätigkeit fortführen. Die entscheidende Frage jedoch, wie sich Beiersdorf auf Dauer neben den L'Oréals, Unilevers und Procter & Gambles dieser Welt behaupten wird, muß nun um so entschlossener angepackt werden.
Text: du. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2003, Nr. 247 / Seite 11
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