Kommentar

Gemästete Sonnenanbeter

Von Christian Geinitz

Solarkraftwerk auf dem Dache der Neuen Messe in Freiburg

Solarkraftwerk auf dem Dache der Neuen Messe in Freiburg

23. Juni 2007 In Freiburg im Breisgau, einer der schönsten und wärmsten Städte Deutschlands, findet derzeit die Sonnenenergiemesse Intersolar statt. Die Veranstaltung versteht sich als größte europäische Leistungsschau der Solarindustrie und insgeheim auch als Weltleitmesse. Das überrascht nicht, denn der sonnenverwöhnte Hochschulstandort gilt seit je als Ökohauptstadt, als deutsche Solar City. Lange bevor es politisch korrekt und klimatisch geboten war, erforschte und förderte man hier die Sonnenenergiegewinnung. Lange bevor es sich wirtschaftlich auszahlte, montierten sich südwestdeutsche Landwirte oder Privatleute Solaranlagen auf die Dächer ihrer Scheunen und Einfamilienhäuser. Zwar liegen die meisten Produktionsstätten für Solartechnik mittlerweile in Ostdeutschland. Zum Einsatz kommen die Photovoltaik und Solarthermie aber vorwiegend im wetterbegünstigten Süden und Südwesten.

Nach sieben Jahren am selben Standort findet die Messe zum letzten Mal in Freiburg statt. Bald zieht sie nach München um, weil das Gelände nicht mehr ausreicht. Die Solarbranche ist ihren ökologisch motivierten, provinziell und milieuspezifisch geprägten Wurzeln entwachsen und von einem Nischenmarkt zu einem modernen Wirtschaftszweig geworden. In Deutschland, das den Weltmarkt dominiert, gibt es 7000 Unternehmen, die mit Solartechnik Geld verdienen, einschließlich vieler Handwerksbetriebe. Der Branchenverband BSW-Solar gibt die Zahl aller Beschäftigten mit 54.000 an, den Umsatz mit fast fünf Milliarden Euro.

20 Jahre lang 0,49 Euro je Kilowattstunde

Auf der Intersolar 2007 in Freiburg

Auf der Intersolar 2007 in Freiburg

Die Sonnenanbeter von heute tragen keine Schafspullis mehr, sondern Anzug und Krawatte. Vielen geht es nicht darum, die Welt zu verbessern, sondern ihre Renditen. Das ist nicht ehrenrührig, im Gegenteil: Innovationen haben am hoch politisierten Energiemarkt nur dann eine Chance, wenn kommerzielle und ideologische Interessen an einem Strang ziehen. Tatsächlich sieht es so aus, als ob derzeit alle an der schönen neuen Sonnenwelt verdienten: die lange Wertschöpfungskette der Hersteller; die Darlehens-, Beteiligungs- und Risikokapitalgeber; die Anleger in den boomenden Solarfonds; die Anlagenbetreiber mit ihren zwanzigjährigen Einspeisegarantien. Schließlich profitiert auch der Umweltschutz, weil die Solartechnik rund eine Million Tonnen Kohlendioxid im Jahr einspart.

Vergessen wird in der gefälligen Rechnung, dass eine viel größere Gruppe draufzahlt: die Stromkunden. Über eine Zwangsumlage finanzieren sie die Förderung der erneuerbaren Energien mit, ganz gleich ob ihr Strom aus herkömmlichen oder alternativen Energieträgern stammt. Das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) sieht vor, dass ein Betreiber, der seine Photovoltaikanlage heute ans Netz bringt, 20 Jahre lang 0,49 Euro je Kilowattstunde vergütet bekommt.

Die Förderung schießt über das Ziel hinaus

Über die Sinnhaftigkeit solcher Pflichtabgaben zur Aufpäppelung nicht wettbewerbsfähiger Wirtschaftszweige kann und muss man diskutieren. Die Förderung beträgt über 20 Jahre rund 150 Milliarden Euro. Befürworter sagen, auch die Steinkohle und die Kernkraft seien mit Hunderten von Milliarden subventioniert worden. Allerdings war deren Anteil an der Stromerzeugung immer um ein Vielfaches höher als beim Solarstrom, der es auf kaum drei Prozent bringt.

Die Förderung des Sonnenstroms schießt aber sogar über das eigene Ziel hinaus. Es besagt, dass die Unterstützung so lange benötigt werde, bis die Solarenergie an der Steckdose wettbewerbsfähig sei, nach Meinung von Fachleuten in rund zehn Jahren. Bis dahin müsse die Umlage die Nachteile gegenüber den herkömmlichen Energien ausgleichen, also den schwierigen Marktzugang oder die hohen Kosten für Entwicklung und Massenproduktion.

Selbst Jürgen Trittin hält die Förderung für zu hoch

In der Realität freilich sind die Märkte viel stärker gewachsen und die Herstellungskosten viel schneller gefallen, als es das EEG erwartet hatte. Mit rund zehn Prozent jährlich sinkt der Produktionsaufwand doppelt so schnell wie die Einspeisevergütung. Das ermöglicht es den Herstellern, überhöhte Preise zu verlangen. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) dürfte ein Solarmodul je Watt Leistung nur etwa 3 Euro kosten, derzeit sind es 4 bis 4,50 Euro. Große Teile der Differenz fließen den Unternehmen als Gewinne zu. Umsatzrenditen von 25 Prozent sind keine Seltenheit, im Tec-Dax zählen die Solarhersteller zu den stärksten Titeln.

Die Anlagenbetreiber können sich die Preise aufgrund der hohen Stromvergütung leisten. Der Energieverbraucher aber leidet: Über seine Stromrechnung finanziert er die stattlichen Gewinne der Unternehmen und Anleger mit. Selbst der frühere Umweltminister Jürgen Trittin hält die Solarförderung für zu hoch und fordert in der anstehenden EEG-Novelle eine Senkung. In der Branche werde im Moment regelrecht abgezockt, sagte Trittin kürzlich.

Die Einspeisevergütung muss gesenkt werden

Die dringend gebotene Verringerung der Einspeisevergütung - im Gespräch sind 37 statt 49 Cent - käme nicht nur den Verbrauchern zugute. Sie diente auch dem Klimaschutz und dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Unternehmen könnten die geringeren Margen nur durch eine bessere Stellung im Wettbewerb kompensieren. Sie müssten mehr Anlagen zu geringeren Preisen absetzen, sie müssten ihre Kosten verringern, sie müssten neue Märkte erschließen und innovativer werden. Schon jetzt beklagen Fachleute, dass die Hersteller angesichts der üppigen Förderung träge würden. Ähnlich wie die deutsche Automobilindustrie beim Hybridantrieb könnten sie Neuerungen verschlafen und ihren Vorsprung durch Technik schnell einbüßen.

Die Gefahr ist da und muss gebannt werden. Niemandem wäre gedient, mästete die Umverteilungsmaschinerie eine erfolgversprechende Branche wie die Solarindustrie zu Tode.

Text: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite 9
Bildmaterial: AP

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