Conti-Übernahmeversuch

Familienunternehmer und Heuschrecken

Von Carsten Knop

17. Juli 2008 Jetzt sind auf dem Markt für Übernahmen wieder die Unternehmer am Zug. Die in der Öffentlichkeit und von Politikern als „Heuschrecken“ geringgeschätzten Beteiligungsgesellschaften (Private-Equity-Fonds), die in den Jahren zuvor den Markt dominiert haben, scheinen gegenüber den strategischen Investoren ins Hintertreffen zu geraten.

Das jüngste Beispiel ist der höchst gewiefte Vorstoß des sehr viel kleineren fränkischen Familienunternehmens Schaeffler, den an der Börse zuletzt völlig unterbewerteten Automobilzulieferer und Reifenhersteller Continental für 11,2 Milliarden Euro zu übernehmen. Einen Tag vor der Ankündigung eines Übernahmeangebots für Conti hatte sich der belgische Bierkonzern Inbev die traditionsreiche amerikanische Brauerei Anheuser-Busch einverleibt. Und der deutsche Gesundheitskonzern Fresenius hat in der vergangenen Woche in Amerika einen großen Hersteller von Nachahmermedikamenten gekauft.

Neues Selbstbewusstsein

Private-Equity-Investoren spielten in den jeweiligen Übernahmediskussionen der betroffenen Unternehmen in keinem Fall eine Rolle. Im Umfeld des Vormarschs strategischer Investoren wie Inbev oder Fresenius ist das neue Selbstbewusstsein deutscher Familienunternehmen besonders bemerkenswert, das sich zuerst im Herbst 2006 andeutete.

Damals gab der kleine Sportwagenhersteller Porsche, der von den Familien Porsche und Piëch beherrscht wird, seinen - mittlerweile erfolgreich verwirklichten - Plan zur Übernahme des wesentlich größeren Volkswagen-Konzerns in Wolfsburg bekannt. Seit dem vergangenen Jahr hat nun auch das Duisburger Familienunternehmen Haniel den entscheidenden Einfluss auf den Handelskonzern Metro. Jetzt führt Eckhard Cordes, der Vorstandschef von Haniel, die beiden Unternehmen in Personalunion - und der ist vor allem der weitverzweigten Haniel-Familie Rechenschaft über sein Tun schuldig.

Kürzere Entscheidungswege

Was ist geschehen? Die Familienunternehmen spielen in einer Zeit, in der die Börsenkurse seit zwölf Monaten sinken und der Deutsche Aktienindex Dax auf den niedrigsten Stand seit Oktober 2006 gefallen ist, alle ihre Vorteile aus. Einerseits sind sie nicht dazu verpflichtet, Investoren Quartal für Quartal ihre Zahlen offenzulegen, und können deshalb mit einem längeren Atem agieren. Aber sie haben andererseits umfassenden Einblick in das Geschäftsgebaren ihrer börsennotierten Konkurrenz.

Sie wissen um alle Schwierigkeiten der Wettbewerber, sie kennen die Margen genau. Daraus schlagen sie Kapital. Sie müssen ihre zuletzt prächtigen Gewinne auch nicht anonymen Aktionären ausschütten, sondern können sie zum großen Teil im Unternehmen behalten. Auch sind die Entscheidungswege der Familienunternehmen meist kürzer, ihr unternehmerisches Handeln ist erfolgreicher. Seit 2004 haben die deutschen Unternehmen in privater Hand ein doppelt so großes Umsatzplus geschafft wie Kapitalgesellschaften.

Die Finanzierung der Übernahme von Continental bereitet Schaeffler deshalb keine Schwierigkeiten, im Gegenteil: Banken sind nur zu gerne bereit, Schaeffler zur Seite zu stehen - wie überhaupt die Finanzierungsrisiken einer Übernahme derzeit von einer größeren Zahl Banken gemeinschaftlich geschultert wird, als dies früher üblich war.

Private-Equity-Investoren kopiert

So munitioniert, sind Familienunternehmen willens und fähig, in Schwächephasen zuzuschlagen. Sei es in Wolfsburg, wo VW viel weniger profitabel arbeitete als der Wettbewerb. Sei es in Hannover, wo Continental mit der Integration der im vergangenen Jahr übernommenen Siemens VDO beschäftigt ist und in seiner Reifensparte unter steigenden Kosten für Kautschuk leidet. Jetzt liegt der von Schaeffler für den gesamten Conti-Konzern gebotene Preis unter den 11,4 Milliarden Euro, die Continental vor exakt einem Jahr für Siemens VDO bezahlt hat. Was damals zu teuer eingekauft wurde, ist heute billig zu haben.

Bei Lichte besehen, kopieren viele Familienunternehmen damit das Vorgehen der Private-Equity-Investoren, allerdings mit einem Unterschied: Sie profitieren in der Phase einer Übernahme von ihrem sehr viel besseren Ruf - ohne dabei transparenter zu sein oder nachsichtiger mit den Mitarbeitern umzugehen, als es ein Private-Equity-Investor täte.

Zeiten der Ruhe kommen nicht wieder

Denn letztlich verfolgen beide Investorengruppen das gleiche, begrüßenswerte Ziel. Sie wollen Unternehmen wettbewerbsfähiger machen und eine höhere Rendite erzielen, was der gesamten Wirtschaft zugutekommt. Für die angestellten Manager in den börsennotierten Unternehmen ist das unangenehm. Sie waren es einst gewöhnt, von den Aktionären unbehelligt zu bleiben.

Solche Zeiten der Ruhe kommen nicht wieder. Sobald sich die Finanzierungskonditionen verbessern, werden auch die Beteiligungsgesellschaften auf dem Übernahmemarkt wieder sichtbarer werden, auf dem sie ohnehin weiterhin aktiv sind. An neun der zehn größten deutschen Übernahmetransaktionen des ersten Halbjahres waren sie beteiligt. Warum sollten die verschwiegenen Schaefflers oder die Porsches nicht ähnlich agieren, wenn es ihnen hilft? Der zweite Teil einer Übernahme ist ohnehin schwieriger: der Nachweis ihres Erfolgs.

Text: F.A.Z.

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