Rohstoffe

Öl oder Wasser - was versiegt zuerst?

Von Holger Steltzner

13. Januar 2008 Klimapolitik ist Umverteilung. Das zeigt der mit den Monopolgewinnen der Versorger steigende Ärger der Verbraucher über die hohen Strompreise in Deutschland. Das zeigt in Europa das Gerangel in der EU um die Zuteilung von Emissionszertifikaten. Und das bestätigt auf globaler Bühne der Verteilungskampf zwischen alten und neuen Industrieländern. Die Schwellenländer fühlen sich nicht verantwortlich für die Klimasorgen der Welt. Sie sehen in der Forderung nach gleichen Emissionen den Versuch des Westens, ihnen eine Wachstumsbremse zu verordnen.

China ist die treibende Kraft hinter dem Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise. Die internationale Energiebehörde erwartet, dass sich der Ölverbrauch Chinas im abgelaufenen Jahr noch einmal verdoppelt haben dürfte. Ein Chinese verbraucht heute nur ein Zehntel so viel Öl wie ein Amerikaner, doch im absoluten Verbrauch ist China längst ein Schwergewicht. Seit 2004 verbraucht China mehr Öl als Japan und ist mit 10 Prozent des Weltverbrauchs zweitgrößter Konsument nach den Vereinigten Staaten, die das Reich der Mitte bis 2010 überholen wird. China setzt nicht nur auf Öl, sondern auch auf Atomstrom und erneuerbare Energien. Doch der Hunger nach wirtschaftlicher Entwicklung von 1,3 Milliarden Chinesen sprengt jede Vorstellungskraft.

In 30 Jahren braucht die Welt doppelt so viel Öl

Ein Barrel Öl kostet fast 100 Dollar. Heute schluckt die Welt jeden Tag 86 Millionen Fass, in 30 Jahren braucht sie doppelt so viel. Die Hälfte der steigenden Nachfrage kommt aus Indien und China. Reserven gibt es reichlich, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Dem Kartell der Förderländer (Opec) zufolge haben sich seit 1980 die bekannten Reserven verdoppelt. Das Problem liegt in der Förderung, nicht in den Vorräten. Viele Reserven liegen an unzugänglichen Orten, außerdem wurde zu wenig in Förderkapazitäten investiert. Das ändert sich durch den hohen Ölpreis. Langfristig gibt es kein Versorgungsproblem, kurzfristig aber Engpässe, weil der Öl-Durst in China oder Indien rascher steigt, als das Angebot ausgeweitet werden kann. Als Trost bleibt, dass steigende Ölpreise zur effizienteren Nutzung dieser endlichen Energiequelle anregen.

Über die Ausbeutung der fossilen Rohstoffe Öl und Gas wird leidenschaftlich gestritten, über einen anderen Rohstoff jedoch nicht. Der dramatisch steigende Wasserverbrauch wird verschwiegen. Dabei wächst dieser doppelt so schnell wie die Weltbevölkerung. Derzeit gibt es rund sieben Milliarden Menschen, die nach einem höheren materiellen Lebensstandard streben. Um das Jahr 2050 sollen es neun Milliarden sein. Wie lange kann die Erde eine Kultur der ständigen Expansion verkraften? Der schweizerische Lebensmittelkonzern Nestlé, der weltgrößte Wasserproduzent, prognostiziert eine Wasserkrise, die bedrohlicher als der Klimawandel sein wird. Viele Länder förderten in großem Umfang Wasser aus fossilen Quellen, die sich nicht wieder auffüllten. In Peking falle der Wasserspiegel jeden Tag um einen halben Meter.

Wasser könnte schneller als Öl aufgebraucht werden

Die Vorstellung, dass ein ewiger Wasserkreislauf das kostbare Gut stets aus Neue verteilt, gilt in Zeiten der industriellen Landwirtschaftsnutzung nur eingeschränkt. So hat in den achtziger Jahren Saudi-Arabien ein großes fossiles Wasserreservoir unter der Wüste angezapft, um Weizen anzubauen und in großen Molkereien Milchkühe zu halten. Heute ist das Wasser weg, die Kühe und der Weizen auch. Ähnlich geht es Farmern in Australien oder den Gemüsebauern in Spanien. Natürlich könnte die industrielle Entsalzung von Meerwasser Abhilfe schaffen, was jedoch extrem energieaufwendig ist. Für Europa wäre es wohl keine Option, mit Kernkraft das Trinkwasser aufzubereiten.

Wasser könnte schneller als Öl aufgebraucht werden. Auch deshalb ist die Begeisterung für Biokraftstoffe ökologischer Wahnsinn. Die Herstellung von nur einem Liter Bioethanol verschlingt 4560 Liter Wasser. Der größte Wasserverschwender ist die Landwirtschaft, die mehr als 90 Prozent des Süßwassers verbraucht, für den extensiven Wasserverbrauch aber kaum Geld bezahlt. Die Herstellung einer pflanzlichen Kalorie kostet etwa einen Liter Wasser, tierische Nahrung das Zehnfache. Für den Anbau einer Tonne Getreide benötigt man eine Million Liter Wasser. Indien und China führen schon Getreide ein, weil das Wasser für den Anbau fehlt. So wird aus dem Handel mit Getreide ein Geschäft mit virtuellem Wasser.

Die Grundrechtecharta der Vereinten Nationen sieht für jeden Menschen einen Mindestverbrauch von 25 Litern Wasser täglich vor. Der tatsächliche Verbrauch liegt in den Industrieländern zwischen 5000 und 8000 Litern, der größte Teil davon wird in Form von Fleisch gegessen. Wasser spielt eine Schlüsselrolle für die nachhaltige Entwicklung und Linderung von Armut. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben mehr als 1 Milliarde Menschen keinen Zugang zu Wasser, 2,4 Milliarden Menschen fehlt es an sanitären Grundeinrichtungen. Für die Gesundheit von Mensch und Umwelt ist der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser von größter Bedeutung. Weil Menschen ohne Erdöl, aber nicht ohne Wasser leben können, ist es Zeit, die Verschwendung unseres wichtigsten Rohstoffs zu beenden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cornelia Sick - F.A.Z.

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