Von Susanne Preuß
22. Juni 2008 In Stuttgart ist scheinbar alles wie immer. Die IG Metall ruft zu Warnstreiks auf, und bei Porsche stehen die Bänder still. Uwe Hück, der Porsche-Betriebsratschef, ist in seinem Element, wenn er seine Mannen auf die Gewerkschaftsziele einschwört, sei es ein höheres Einkommen, sei es, wie dieses Mal, die Fortführung der Altersteilzeit. Doch genau wie die IG Metall kann sich auch Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking auf Uwe Hück verlassen, weil dieser den Kollegen längst den zentralen Glaubenssatz der Porsche-Welt eingehämmert hat: Was gut ist für die Firma, ist auch gut für die Mitarbeiter.
Doch was gut für die Firma ist, scheint neuerdings nicht mehr so klar. Porsche ist nämlich nicht mehr der kleine Sportwagenbauer, der auf der ganzen Welt die Herzen der Autofreaks höher schlagen lässt. Vorbei die Ära der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG, die Schlagzeilen machte, weil ihr Vorstandsvorsitzender Wiedeking die herrschende Meinung gegen den Strich bürstete. Heute ist es Porsche in der Rechtsform einer europäischen Aktiengesellschaft, das sich anschickt, einen Dax-Konzern zur Tochtergesellschaft zu machen. Noch in diesem Jahr will Porsche seinen Anteil an VW von derzeit 30 auf mehr als 50 Prozent aufstocken. Kann das gutgehen? Ist es richtig, dass ein Autohersteller, der nicht einmal 100.000 Sportwagen jährlich verkauft, nach einem Konzern greift, dessen Fabriken jährlich mehr als 6 Millionen Fahrzeuge unterschiedlichster Marken verlassen?
In Wolfsburg tobt ein Kampf um die Macht
Selbst Wiedeking lässt Zweifel zu, räumt ein, dass der Beweis noch nicht erbracht ist für diese David-Aktion. Natürlich kokettiert er gern damit, dass sich der Coup bisher praktisch allein finanziert hat. Nachdem Porsche im Herbst 2005 die ersten Anteile gekauft hat, ist der Kurs der VW-Aktie so deutlich gestiegen, dass Porsche allein durch seine Kurssicherungsgeschäfte Milliarden verdient hat. Doch die industrielle Logik zeigt sich erst nach und nach. Tatsächlich erschließt sich Porsche mit der Übernahme von VW den gesamten Werkzeugkasten für die Produktentwicklung. Innovationen, die ein Nischenhersteller nie allein entwickeln könnte, die aber in Zeiten der Klimadebatte wichtiger werden denn je, rücken in greifbare Nähe. Dies zu nutzen ist legitim, zumal es VW nicht schadet.
Fatal ist, dass die nüchterne Auseinandersetzung über Chancen und Risiken der Porsche-VW-Konstellation nicht stattfindet. Stattdessen werden im Kampf um die Macht bei VW allerlei Scharmützel ausgetragen. Wer gegen wen und warum – das lässt sich vielfach schon gar nicht mehr nachvollziehen. Der vor Gericht gezerrte Streit um die Mitbestimmung ist so ein Fall. Warum will der VW-Betriebsrat mehr Macht in der Porsche-Holding? Hieße der Käufer Blackstone, Cerberus oder KKR, würde doch auch niemand auf die Idee kommen, dass dort VW-Betriebsräte in den Aufsichtsrat einziehen müssten. Oder das Pokerspiel um das VW-Gesetz: Da will sich mancher Politiker ein Denkmal setzen, obwohl die EU staatlichen Einfluss ausdrücklich begrenzt. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff gibt Rätsel auf. Erst dieser Tage hat er 90 Millionen Euro ausgegeben, um den Anteil Niedersachsens an VW wieder auf 20 Prozent aufzustocken. Gewiss gäbe es in Niedersachsen sinnvollere Verwendung für 90 Millionen Euro: Kindergärten, Lehrerstellen, Forschungsförderung … Wulff kann es nur um die Symbolik gehen. Die Macht über VW hat Niedersachsen ohnehin nicht mehr, mit und ohne VW-Gesetz.
Die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch sind uneins
Letztlich sind all dies Scharmützel. Spannend bleibt der Krimi aber trotzdem, weil die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch uneins sind. Vor genau einem Jahr haben sie in einer außerordentlichen Hauptversammlung die Struktur des künftigen Porsche-VW-Konzerns festgelegt. Doch immer wieder zündelt Ferdinand Piëch, der frühere VW-Chef, der als VW-Aufsichtsratschef noch mächtig Einfluss hat. Der VW-Vorstand sei der beste Automobilvorstand der Welt, sagte Piëch jüngst. Das klingt harmlos, kommt in Stuttgart aber wie Donnerhall an, denn Piëch war gar nicht nach dem VW-Vorstand gefragt worden, sondern nach dem Ende des Gerangels zwischen Wolfsburg und Stuttgart. Mit dieser Antwort ist Porsche-Chef Wiedeking angezählt, weil er von Piëch eben nicht zu einem der besten Automobilmanager geadelt wurde.
Der in Wolfsburg als Aggressor empfundene Porsche-Vorstandschef ist möglicherweise das Opfer, das Piëch gern bringen würde, um die aufgewühlte Belegschaft von VW zu befrieden. Das wäre schade. Wiedeking mag wenig diplomatisches Geschick haben, sein Ruf als hervorragender Manager kommt aber nicht von ungefähr. Auch die Porsche-Eigentümerfamilien verdanken ihre jetzt bei VW investierten Milliarden der Sanierungs- und Aufbauleistung Wiedekings, der Porsche in den frühen neunziger Jahren vor der Pleite bewahrt hat. Weil das auch den Eigentümerfamilien bewusst ist, bleibt zu hoffen, dass der Kampf um die Macht bei VW ausgeht wie eine der so irrational geführten Tarifauseinandersetzungen: So starr die Fronten zuvor schienen, einen einmal gefundenen Kompromiss werden alle Parteien als Sieg verkaufen. Und dann ist es Zeit, das Tagesgeschäft wiederaufzunehmen.
Text: F.A.Z.
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