Leitartikel Wirtschaft

Auf der Suche nach neuen Ufern

06. November 2005 Steuerberatern geht es auch in der Konjunkturflaute noch vergleichsweise gut. Anders als viele kleine Anwaltskanzleien wirbt bislang kaum jemand aus diesem Berufsstand an den Fensterscheiben von Straßenbahnwagen für seine Beratungsdienste. Und im Gegensatz zu Ärzten müssen diese Freiberufler auch nicht damit leben, daß die Honorare von 90 Prozent ihrer Kunden durch ein Zwangsbudget gedeckelt werden. Die freiberuflichen Fiskalhelfer haben sich vielmehr in ihrer Dienstleistungsnische recht komfortabel eingerichtet; öffentlich treten sie nur wenig in Erscheinung. Zumal eine Reform der Einkommensteuer, die den Paragraphendschungel lichten und den jährlichen Formularkrieg für fast jeden Steuerbürger vereinfachen würde, wieder in weite Ferne gerückt ist. Kein Wunder, daß immer noch drei Viertel der Steuerberaterpraxen von einem Einzelkämpfer betrieben werden.

Dennoch steht der 28. Deutsche Steuerberatertag, der heute in München eröffnet wird, nicht nur im Zeichen von Fachfragen. Neben der Erörterung neuer Vorschriften und eigener Erfahrungen mit Finanzverwaltung und Finanzgerichten macht der Deutsche Steuerberaterverband auch die Berufsperspektiven seiner eigenen Mitglieder zum Thema. "Der Steuerberater als Rating-Advisor" lautet einer der Vorträge. Und auf einem Kongreß der Steuerberatergenossenschaft Datev standen kürzlich die betriebswirtschaftlichen Belange der Beraterbüros sogar ganz im Vordergrund.

Denn seit wenigen Jahren gehen auch in dieser Branche die Umsätze - wenngleich nur leicht - zurück. Ein Grund dafür ist, daß sich die Gilde der Steuerberater in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt hat. Mittlerweile brüten etwas mehr als 70 000 Berufsangehörige über Steuerformularen ihrer Mandanten. Von den mittlerweile fast 7000 Sozietäten sind die meisten Zusammenschlüsse jüngeren Datums. Auch die Bildung von Netzwerken hat sich - nach dem Vorbild des Anwaltsmarkts - ausgeweitet.

Auf der anderen Seite nimmt die Nachfrage eher ab. Unternehmen kommen zwar auch weiterhin nicht ohne einen Abgabenexperten aus. Doch treffen Sparzwänge der Gewerbetreibenden auch deren Berater; Insolvenzen führen zu Totalausfällen von Honoraren. Zudem setzen Billiganbieter von Lohn- und Finanzbuchhaltung die Steuerberater und ihren angestammten Datenverarbeiter, die Datev, unter Druck. Freiberufler und Arbeitnehmer greifen immer häufiger auf Computerprogramme zurück, die mittlerweile auch höheren Ansprüchen ihrer Nutzer genügen. Selbst für Dienstfahrten mit dem Privatwagen und ein häusliches Arbeitszimmer ist da in den Eingabemasken ein Plätzchen vorgesehen.

Die Steuerberater haben daher erkannt, daß von der hergebrachten Deklarations- und Gestaltungsberatung, wie das in ihrem Fachjargon so schön heißt, nicht mehr jeder wird leben können. Der zu verteilende Beratungskuchen wird kleiner, die Zahl der Esser aber größer.

Daher richten sich neuerdings alle Hoffnungen auf neue Arbeitsfelder - im Berufsrecht heißt das "vereinbare Tätigkeiten". Wenn der Steuerberater die Finanzen seiner Mandanten ohnehin schon aus dem Effeff kennt, so lautet die Devise, dann soll er doch mehr aus seinem Wissen machen, als bloß Steuerrat zu erteilen. Den Privatkunden werden deshalb Vermögensberatung und Testamentsvollstreckung offeriert. Und den Mittelständlern bieten sich die Steuerberater als universelle Genies für Betriebswirtschaft an, die neben dem Jahresabschluß auch für Rating und Controlling, für Sanierungsberatung und Konfliktschlichtung (Mediation) prädestiniert seien. Eine Spezialisierung auf bestimmte Berufsgruppen (etwa Zahnärzte) oder Themen (wie die Nachfolgeberatung) gilt ebenso als Erfolgsrezept.

Der Beraterzunft insgesamt wird freilich die Arbeit nicht ausgehen. So wird die Umstellung der Rechnungslegung von Großunternehmen auf internationale Regeln (IFRS) wohl auch am Mittelstand nicht spurlos vorübergehen. Die neuen Vorgaben für Bankkredite (Basel II) knüpfen überdies die Vergabe von Darlehen stärker als bisher an objektive Kennziffern. Und die Politik strebt, kaum daß der Systemwechsel in der Körperschaftsteuer durch die Einführung des Halbeinkünfteverfahrens endlich einigermaßen verdaut ist, abermals eine Strukturreform der Unternehmensbesteuerung an - wessen Modell auch immer sich dabei in der in Berlin zu erwartenden großen Koalition durchsetzen wird.

Allerdings versuchen verwandte Berufsgruppen ebenfalls, den Kuchen der Steuerberatung anzuknabbern. Seit Jahren kämpfen die Berufsorganisationen gegen Bestrebungen, die gesetzlichen Befugnisse von Lohnsteuerhilfevereinen, Bilanzbuchhaltern und Steuerfachwirten behutsam auszuweiten. Angesichts der Bestrebungen der Europäischen Kommission zur Deregulierung dürften dies bloße Rückzugsgefechte sein - zumal sich ein Berufsstand wie der der deutschen Steuerberater gar nicht in allen EU-Ländern herausgebildet hat.

Doch statt um so mehr mit den eigenen Stärken zu werben, leistet sich die Beraterzunft augenblicklich einen bizarren Streit um die eigene Fortbildung. Die Bundessteuerberaterkammer hat sich jüngst dafür eingesetzt, die ohnehin bestehende Pflicht ihrer Mitglieder, sich fachlich auf dem laufenden zu halten, gesetzlich zu untermauern und damit einheitlich durchzusetzen. Doch statt dies als Markenzeichen und Chance anzuerkennen, läuft der Steuerberaterverband Sturm dagegen. Er fühlt sich von der Standesaufsicht "bürokratisch" bevormundet und wittert hoheitliche Konkurrenz für seine eigenen Schulungsangebote. Die Notwendigkeit, mit Qualitätsstandards Aufträge an Land zu ziehen und nicht durch Monopolregeln, hat eben noch nicht jeder begriffen.



Text: F.A.Z., 07.11.2005, Nr. 259 / Seite 11

 
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