Kreditkrise

Milliardengrab IKB

Von Holger Appel

26. März 2008 Wer das Wort Vertrauen in die Suchmaschine Google eingibt, erhält 12,8 Millionen Treffer. Da stehen Sätze wie „Vertrauen ist wichtig für das seelische Wohlbefinden“ oder „Die Welt lebt von Vertrauen, sie stirbt an Misstrauen“. Im ökonomischen Teil der Abfrage erscheinen neben mathematischen Formeln Sätze, die jeder Banklehrling im ersten Ausbildungsjahr eingetrichtert bekommt: In besonderem Maße sind Kreditinstitute von Vertrauen abhängig. Der Begriff Kredit stammt vom lateinischen credere (glauben). Daher ist es für die Banken unerlässlich, bei den Einlegern ein hohes Vertrauen zu erhalten.

Wer das Wort Vertrauen mit IKB verbindet, erhält 97 300 Treffer. Da stehen Sätze wie „Anleger verlieren Vertrauen in die IKB“ und „Kein Vertrauen, IKB stürzt ab“. Der Düsseldorfer Mittelstandsfinanzierer, dereinst etwas langweilig, aber grundsolide und mit erstklassigem Ruf, wird in die Geschichtsbücher eingehen als Beispiel dafür, wie man ungezügelt Risiken eingeht, ohne dass irgendein Aufsichtsorgan etwas davon bemerkt, ein an sich gutes Finanzinstrument (die Verbriefung von Krediten) in Verruf bringt, in den entstandenen Löchern Milliarden und Karrieren versenkt und im Management der Krise sämtliches Vertrauen verspielt.

Niemand darf sich der Verantwortung entziehen

An diesem Donnerstag ist Hauptversammlung der IKB Deutsche Industriebank AG, D-Day in Düsseldorf. Die Aktionäre werden ihrer Verzweiflung und ihrem Ärger Luft machen. Wenn sie es könnten – und nicht mit der Macht des Finanzministers vom staatseigenen Großaktionär Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW überstimmt werden –, sollten sie nicht nur dem ehemaligen Vorstand die Entlastung versagen, sondern auch dem Aufsichtsrat.

Auch wenn viel dafür spricht, dass die Räte nicht richtig informiert worden sind, darf sich niemand der Verantwortung entziehen, solange die Vorfälle nicht aufgeklärt sind. Wenigstens für einen Tag also muss der als Feuerwehrtrupp von der KfW entsandte Vorstand um den Vorsitzenden Günther Bräunig aus seiner Deckung heraus, der bislang nach dem Motto verfährt: Abtauchen, Löcher suchen, neue Millionen anfordern. Auf Erklärungen zur Lage warten Investoren, die vielen um ihr Erspartes gebrachten Kleinaktionäre und die verunsicherten Mitarbeiter seit der (durch die Deutsche Bank und die Finanzaufsicht Bafin von außen erzwungenen) Offenlegung der Schieflage im vergangenen Sommer vergeblich. Nicht mal Geschäftszahlen hat der Vorstand seither zusammenstellen können, Quartalszahlen sind seit vergangenem April nicht mehr veröffentlicht worden.

Nicht für möglich gehaltene Abgründe

Man muss Bräunig, seiner Mannschaft, der KfW unter Führung von Ingrid Matthäus-Maier und dem Dienstherrn im zuständigen Bundesfinanzministerium zugutehalten, dass sich in der IKB nicht für möglich gehaltene Abgründe aufgetan haben. Doch wer alle paar Monate neue Milliardenbeträge aufruft, mit denen die Bank gerettet werden soll, der hat auch Schwierigkeiten mit der eigenen Glaubwürdigkeit. Das jüngste Beispiel ist gerade eine Woche alt. Da wird ein nachts angesetztes Treffen des KfW-Präsidialausschusses als „konstituierende Sitzung“ dargestellt, und zwei Tage später verkündet die IKB, dass sie weitere 590 Millionen Euro auf ihre Wertpapiere abschreiben muss und auch der Jahresverlust höher ausfällt als bisher veranschlagt. Wen wunderte es, wenn der bis Mitte 2009 laufende Vertrag von Matthäus-Maier nicht verlängert würde, wenn Bräunigs scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg an die KfW-Spitze perdu ist?

Das nächste Finanzloch ist schon in Sicht

Wie viel das Debakel am Ende kosten wird, ist noch unklar. Wer auf acht bis zehn Milliarden Euro tippt, könnte richtig liegen. Selbst der angestrebte Verkauf der privaten Bank, der ordnungspolitisch schon vor Jahren notwendig gewesen wäre, steht auf der Kippe, weil die IKB ihr toxisches Portfolio nicht loswird. Ende vergangener Woche musste sie mangels Interessenten eine Auktion risikoreicher Wertpapiere abbrechen. Doch ohne die Abtrennung des notleidenden oder gefährdeten Engagements ist die Bank, deren normales Geschäft ohnehin nicht als Ertragsperle gilt, unverkäuflich. Die eingeplanten 800 Millionen Euro sind wohl nicht zu erreichen. Das nächste Loch zeichnet sich schon ab.

Soll das ewig so weitergehen? Einige Beteiligte meinen, der Zusammenbruch einer Bank in Deutschland verursache einen nachhaltigen Imageschaden für den Finanzplatz. Daran sind, jedenfalls was die IKB betrifft, Zweifel angebracht. Das Chaos ist ohnehin angerichtet, der letzte Schritt löste vermutlich kein Beben mehr aus. Einige haben Angst vor einem systemischen Risiko, doch so groß ist die IKB nicht, als dass durch ihr Verschwinden das deutsche Finanzwesen aus den Fugen geriete.

Die KfW ist längst über ihre Leistungsfähigkeit hinausgegangen, jetzt greift der Bundesfinanzminister in seine Schatulle – mithin in die der Steuerzahler. Vermutlich hätten die Beteiligten früher die Notbremse gezogen, wenn sie geahnt hätten, welche Ausmaße die Rettungsaktion annimmt. Doch das ist kein Grund, gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen. So bitter das für die Mitarbeiter der IKB ist: Die Insolvenz wäre fairer, ordnungspolitisch sauberer und vermutlich auch noch preiswerter.



Text: F.A.Z., 26.03.2008

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.443,00 +0,04
TecDax 724,95 +0,47
DowJones 11.417,43 +0,60
Nasdaq 2.294,79 +0,64
STOXX 50 3.348,40 -0,18
Nikkei 225 13.334,76 -1,97
S&P 500 Zert. 12,50 -2,34
Euro/Dollar 1,57 -0,04
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