Leitartikel Wirtschaft

Amerikas Notenbank auf riskantem Kurs

VON CLAUS TIGGES, WASHINGTON

09. August 2006 Die Federal Reserve legt eine Pause ein. Nach 17 Leitzinserhöhungen in ununterbrochener Folge seit Sommer 2004 haben die amerikanischen Währungshüter sich nun entschlossen, die Folgen der gedrosselten Liquiditätszufuhr für Wachstum und Preise ein wenig länger als nur wenige Wochen zu beobachten. Die Entscheidung ist nachvollziehbar angesichts der Tatsache, daß die Geldpolitik ihre Wirkungen auf die Realwirtschaft nur mit Verzögerung entfaltet. Mit einiger Berechtigung dürfen Fed-Chairman Ben Bernanke und seine Kollegen annehmen, daß die Straffung der Geldpolitik um insgesamt 4,25 Prozentpunkte noch nicht vollständig auf die Preisentwicklung durchgeschlagen ist.

Der Entschluß, den Leitzins zunächst nicht weiter heraufzusetzen, hat seinen Grund vor allem in der Konjunkturentwicklung: Das Wachstum in der größten Volkswirtschaft der Welt ist in den vergangenen Monaten schwächer geworden. Abzulesen ist dies unter anderem an der auf das Jahr hochgerechneten Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts. Sie ist von 5,6 Prozent im ersten Quartal auf 2,5 Prozent im Frühsommer gesunken. Ins Bild paßt, daß der Aufschwung auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt ebenfalls an Dynamik verloren hat. Die Zahl der neugeschaffenen Stellen hat die Erwartungen in den vergangenen Monaten häufig enttäuscht, und die Arbeitslosenquote ist zuletzt leicht von 4,6 auf 4,8 Prozent gestiegen.

Die amerikanischen Währungshüter rechnen damit, daß die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte und auch über das kommende Jahr hinweg auf einem verhältnismäßig niedrigen Wachstumspfad bleiben wird. Eine wichtige Rolle in ihrer Prognose spielt der Immobilienmarkt. Der Boom auf dem Markt für Wohnungen und Häuser hat in den vergangenen Jahren einen erheblichen Beitrag zum kraftvollen Wachstum geleistet. Insbesondere der private Verbrauch hat von den schnell steigenden Immobilienpreisen einen Schub erhalten, weil viele Hausbesitzer diese in Verbindung mit niedrigen Hypothekenzinsen genutzt haben, um günstigere Finanzierungen abzuschließen. Das frei gewordene Kapital ist zum großen Teil in den Konsum geflossen. Inzwischen aber sind die Hinweise auf eine Abkühlung des Marktes unübersehbar. Sie reichen von einer steigenden Zahl verfügbarer Häuser bis zu einer sinkenden Zahl neuer Hypothekendarlehen. Bisher, das hat auch Bernanke unlängst deutlich gemacht, verlaufen sowohl die Beruhigung auf dem Immobilienmarkt als auch die der Gesamtwirtschaft in geordneten Bahnen.

Die Federal Reserve verbindet mit der geringeren Wachstumsdynamik die Hoffnung, daß der Auftrieb der Verbraucherpreise, der derzeit ein gutes Stück oberhalb ihres Toleranzbereichs liegt, ebenfalls schwächer wird. Hinter dem Entschluß zur Zinspause steckt aber zugleich auch die Befürchtung, eine weitere Straffung der Geldpolitik könne den Konjunkturmotor abwürgen und die Wirtschaft in eine Rezession treiben. Danach sieht es derzeit freilich nicht aus, wenngleich Prognosen dieser Art an Wall Street und anderswo schon seit einiger Zeit herumgereicht werden. Vielmehr ist die Gefahr einer weiteren Beschleunigung der Inflation nicht gebannt. Die Risiken für die Preisstabilität reichen vom hohen Ölpreis bis zu den zuletzt kräftig gestiegenen Lohnstückkosten. Liquidität, die von einer Verschiebung relativer Preise zu einer Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus führen kann, ist auch nach zwei Jahren einer straffenden Geldpolitik noch reichlich vorhanden.

Bernanke sollte die Pause in der Zinsrunde nun nutzen und den Blick der Finanzmarktakteure und des allgemeinen Publikums ein wenig in die Ferne lenken: Die hohen Inflationsraten dieser Monate sind das Ergebnis einer Zinspolitik, die schon einige Zeit zurückliegt. Alan Greenspan, Bernankes langjähriger Vorgänger im Amt des Fed-Chairman, trägt die Verantwortung dafür. Er hat die amerikanische Wirtschaft noch während einer Zeit mit billigstem Geld versorgt, als die Rezession des Jahres 2001 längst überwunden war und sich der Konjunkturaufschwung bereits gefestigt hatte. Die Folgen dieser allzu großzügigen Politik lassen sich im übrigen nicht nur an den Verbraucherpreisen ablesen, sondern auch auf dem Immobilienmarkt. Dort sind - zumindest auf einer Reihe regionaler Märkte - spekulative Blasen entstanden. Mit ein wenig Glück entweicht aus ihnen die Luft langsam. Im schlimmsten Fall werden sie zerplatzen und das Wachstum weiter dämpfen. Fehler dieser Art lassen sich durch eine vorausschauende Geldpolitik vermeiden, welche die Inflationsprognose und ein Maß für die verfügbare Liquidität als Kompaß nutzt. Dazu besteht nun die Chance. Bernanke muß noch besser als bisher vermitteln, daß er die Zinspolitik nicht an den aktuellen, sondern an den erwarteten Teuerungsraten ausrichtet.

Die amerikanischen Währungshüter stehen ohne Zweifel vor einer schwierigen Aufgabe. Der Kurs, für den sie sich entschieden haben, ist nicht ohne Risiken. Die Preise können auch dann aus dem Ruder laufen, wenn die Konjunktur lahmt. Noch sind die mittel- und langfristigen Inflationserwartungen der Marktakteure auf einem recht niedrigen Niveau verankert. Das muß aber nicht so bleiben. Die größte Sorge der Fed muß darum der Preisstabilität gelten. Die Notenbank hat zwar den gesetzlichen Auftrag, nicht nur die Rate der Geldentwertung gering zu halten, sondern auch einen möglichst hohen Beschäftigungsstand zu sichern. Die These aber, das Wachstum lasse sich durch die Duldung von ein wenig mehr Inflation dauerhaft anheizen, ist schon seit langem widerlegt. Die Geldpolitik leistet ihren Beitrag zu einer gesunden Konjunktur am besten, indem sie die Preisstabilität sichert. Derzeit spricht einiges dafür, daß es sich tatsächlich um eine Pause und nicht um das Ende der Runde von Zinserhöhungen handelt.

Text: F.A.Z., 10.08.2006, Nr. 184 / Seite 11

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Mit dem FAZ.NET-Stromrechner können Sie sich Ihren persönlichen Stromtarif kostenlos berechnen lassen. Jetzt hier klicken und Stromtarife vergleichen.

Dax
Tec
Dow
Nas
12.11.2009 | 14:21
Dax 5.677,42
+0,16 %
 
        Vortag
12.11.2009 | 23:59
Name Kurs in %
DAX 5.677,42 +0,16%
TecDAX 760,62 +0,02%
MDAX 7.310,73 +0,39%
SDAX 3.493,19 +0,26%
REX 373,71 +0,04%
Eurostoxx 50 2.880,03 −0,03%
Dow Jones 10.291,30 +0,43%
Nasdaq 100 1.782,95 +0,55%
S&P500 1.098,51 +0,50%
Nikkei225 9.804,49 −0,68%
EUR/USD 1,4920 −0,42%
Rohöl Brent Crude 77,30 $ −0,77%
Gold 1.114,75 $ +1,20%
Bund Future 121,45 € −0,10%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche