Von Martin Geck
17. Juli 2008 Zukunft von den Bayreuther Sommern: Vereinigung aller wirklich lebenden Menschen: Künstler bringen ihre Kunst heran, Schriftsteller ihre Werke zum Vortrage, Reformatoren ihre neuen Ideen. Ein allgemeines Bad der Seelen soll es sein: dort erwacht der neue Genius, dort entfaltet sich ein Reich der Güte.“
Man ist ein wenig gerührt von dem Enthusiasmus, der da aus Friedrich Nietzsches nachgelassenen Fragmenten vom Sommer 1875 spricht: Welcher vernünftige Mensch konnte damals – ein Jahr vor der Eröffnung Bayreuths – erwarten, dass Wagner seine Festspiele auch anderen öffnen und zur freien Diskussion einladen würde! Ferner: Hat sich nicht auch Nietzsche selbst zunehmend unduldsam über Gott, Welt und Mensch geäußert? Und schließlich: Wären wir glücklicher, wenn im heutigen Bayreuth neben Wagners Ring“ auch Bizets Carmen“ – Nietzsches Favoritin in seinen späten Jahren – zu hören und zu sehen wäre? In Zeiten, wo man ohnehin alles zu jeder Zeit und an jedem Ort sehen kann, zumindest mittels Fernsehen oder DVD?
Existentielle Mythen
Es ist schon gut, dass man in Bayreuth nur Wagner aufführt und selbst seine frühen Werke übergeht. An dieser Tradition zu rütteln würde zwar kurzfristig Sensation machen, hieße jedoch, das Eigentliche von Bayreuth zu opfern: die Konzentration von Festspielen nicht nur auf einen Mann, sondern auch auf eine Botschaft. Man mag Wagners modernen Mythos von Liebe und Tod, Macht und Verhängnis deutlich oder undeutlich, fortschrittlich oder regressiv, aktuell oder überholt finden: Auf jeden Fall ist er ein unentbehrliches Beispiel dafür, dass die Kunst auch in Zeiten der Event-Kultur existentielle Themen anzubieten hat und uns damit einen Spiegel vorhält, in den zu schauen wir uns weitgehend abgewöhnt haben.
Da kann man lange über die Rolle des modernen Regietheaters streiten: Wo stößt es entsprechende Wert-Diskussionen an, wo verkommt es zur Farce? Immerhin hat der alte Herr sein Bayreuth auch in diesem Punkt so gut verwaltet, dass die jahrzehntelangen Diskussionen um seinen Rücktritt im Nachhinein ziemlich läppisch erscheinen: Ist es an anderen führenden“ Häusern besser gelaufen?
Der geniale Komponist Wagner
Doch wie man dies auch sehen mag: Problematisch ist in jedem Fall, dass über der Diskussion von Regiekonzepten die Wahrnehmung des Komponisten Wagner und seiner Musik zu kurz kommt. Diese unterschätzt man gewaltig, wenn man sie vor allem als Droge im Dienst einer allumfassenden Phantasmagorie wahrnimmt, wie dies sowohl begeisterten Wagnerianern als auch Ideologiekritikern wie Adorno unterläuft. Als Komponist ist Wagner nicht nur der große Magier und schon gar nicht – gemäß einem unausrottbaren Ressentiment – der geniale Dilettant. Wenn überhaupt, so sollte man von Wagners genialer Beherrschung des Kompositionshandwerks sprechen und sich der Forderung stellen, dass die Regie viel mehr von der Musik her denken müsste und durch sie entscheidende Anregungen bekommt. Ich wünschte mir, dass im neuen“ Bayreuth endlich – vielleicht zum ersten Mal – auch Leute etwas zu sagen hätten, die sich von jenem Verstand für Musik“ angezogen fühlten, den Franz Schubert einmal für sich in Anspruch nahm und den Wagner im Großen wie im Kleinen besaß.
Solcher Verstand für Musik“ möge sich in den künftigen Bayreuther Inszenierungen abbilden! Ich schreibe gerade an einem Essay über die beiden kleinen Nachtwächter-Szenen im zweiten Akt der Meistersinger“ und bewundere, wie situationsgerecht und zugleich geschichtstief diese winzige Rolle in Tönen“ fixiert ist. Ein Vergleich mit den Nachtwächtern, die wenig später in Hugo Wolfs Corregidor“, Wilhelm Kienzls Evangelimann“ und Ferruccio Busonis Doktor Faust“ auftreten, zeigt Wagners Genialität auch in diesem winzigen Punkt: Er schafft allein aus der Partitur heraus eine Atmosphäre, die den Nachtwächter-Auftritt vollkommen realistisch erscheinen lässt und ihn doch auf das eigentümlichste transzendiert.
Ich wünsche mir Regisseure, die dergleichen aus der Musik herauszuhören vermögen! Bloße Flapsigkeit genügt, um sich beispielsweise einen Nachtwächter auszudenken, der dem Kollegen vom Wach- und Schließdienst ähnelt oder die Stunden gar im Rollstuhl anzeigt, um für seine Frühverrentung zu demonstrieren. Weit mehr Grips braucht es, aus der Musik und ihrem Kontext zu erspüren, welche Aufgabe Wagner der Rolle überträgt. Und das wäre für denjenigen wichtig zu wissen, der an eine Botschaft in Wagners musikalischen Dramen glaubt. Vielleicht schlägt sich das im konkreten Fall nur in einer einzigen Geste des Nachtwächters nieder. Aber diese säße dann; und damit wäre Wagner in dem von ihm geschaffenen Bayreuth auf sinnvolle Weise weitergedacht.
Martin Geck, geboren 1936 in Witten, war von 1976 bis 2001 Professor für Musikgeschichte und -ästhetik an der Universität Dortmund. Schon 1966 gehörte er zu den Gründungsredakteuren der Richard-Wagner-Gesamtausgabe, in deren Rahmen er die kritischen Editionen des Parsifal und des Wagner-Werkverzeichnisses verantwortete. Nach mehreren Büchern und Aufsätzen über Wagner erschien zuletzt ein großer monographischer Artikel in der Enzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Ende des Jahres erscheint sein neues Buch Wenn der Buckelwal in die Oper geht. 33 Variationen über die Wunder klassischer Musik.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP