Kommentar

Maul, undeutsch

Verlangt Maulfreiheit: Wolfgang Wagner, dahinter Schlingensief

Verlangt Maulfreiheit: Wolfgang Wagner, dahinter Schlingensief

27. Juli 2004 Am zweiten Tag war es so weit, daß ein Wagner in Bayreuth beherzt in die Bresche sprang für die Freiheit der Kunst, die erfahrungsgemäß immer dann erst wirklich in Gefahr ist, wenn sie öffentlich beschworen wird. Zwischenruf bei der Pressekonferenz im Festspielrestaurant: "Künstlerische Freiheit ist auch Freiheit des Mauls!"

Wolfgang Wagner, nicht eben unbeliebt beim Hügelvolk für die Maulfreiheiten, die er sich selbst gelegentlich herausnimmt, sprach dies nicht etwa zur Verteidigung seines alleweil auskunftsfreudigen "Parsifal"-Regisseurs Schlingensief. Er breitete vielmehr seine schützenden Hausherrenflügel aus über den Künstler Endrik Wottrich, der sich als "Parsifal"-Darsteller kurz vor der "Parsifal"-Premiere im Bayerischen Rundfunk von der Produktion distanziert und bekannt hatte, er halte Christoph Schlingensief für unfähig.

Höhere Diplomatie

Nun soll es schon öfters vorgekommen sein, daß sich Bayreuthkünstler in der Hitze des Gefechts mit hügelabweichenden Meinungen in der Presse selbständig gemacht haben. Allemal winkten die Wagners mit ihrer Hausordnung und zeigten Nestbeschmutzern die gelbe Karte. Daß diesmal, im Gegenteil, des Sängers Redefreiheit verteidigt wird, ist kein Zeichen für Lockerung der Regeln, vielmehr höhere Diplomatie, denn Wottrich, befreundet mit Hügel-Lady-Di Katharina Wagner, gehört offenbar im weitesten Sinne zur Familie.

Schlingensief nicht, er nahm prompt den Handschuh auf und erklärte: Wottrich habe sich beschwert über die Farbigen in seiner Inszenierung und vertrete einen "Reinheitsbegriff von Deutschland", den er, Schlingensief, nicht teilen könne. Nun legte Wottrich gestern via "Nordbayerischen Kurier" nach: "Ich benutze das Wort ,Neger', wann ich das will. Ich lasse mir das nicht vorschreiben von so einem Hampelmann wie Schlingensief", dessen "Parsifal"-Inszenierung ein Höhepunkt "nichtdeutschen Regietheaters" sei; Wagners Werk aber stehe "im Sinne einer kulturellen Evolution hoch über primitivem afrikanischem Voodoozauber. Das hat nichts mit Rassismus zu tun. Wären da ständig irgendwelche weißen Berliner Penner vorgekommen, hätte ich mich genauso dagegen gewehrt."

Die alte Schlange

Diese Worte eines Bayreuther Tenors müssen so ausführlich zitiert werden, damit klar wird, wo die grundgesetzlich garantierten Freiheiten von Kunst und Rede allemal enden: dort nämlich, wo - sei es aus Mutwillen oder aus Unbedarftheit - an ebenfalls gesetzlich geregelten Grundvereinbarungen menschlichen Miteinanders herumgesäbelt wird.

Wieder hebt, diesmal dank eines kraftmeierisch daherschwadronierenden Sängers, dem man allenfalls seine Jugend zugute halten kann, die häßliche alte Bayreuther Riesenschlange ihr Haupt. Die dünne Decke der Zivilisation, die darüber lag, erwies sich als zu kurz: Warum diese Decke immer wieder ausgerechnet in Bayreuth reißt, wo Kunst und Politik doch so besonders sauber auseinandergehalten werden sollten, ist eine Frage, zu der ein beherztes Wagnerwort dringend nötig wäre. Die Festspiele haben nun ihren Skandal, den sie unbedingt haben wollten: keine der PR förderliche, sommerliche Thronfolgeposse oder dergleichen, sondern ein ernstes Stück.

Text: eeb / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2004, Nr. 173 / Seite 29
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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