Wende in Bayreuth

Mortiers Mut

Von Julia Spinola

Neuer Bewerber für Bayreuth: Gérard Mortier

Neuer Bewerber für Bayreuth: Gérard Mortier

25. August 2008 Nachdem es monatelang so aussah, als schreckten die berufenen Intendanten dieser Welt allesamt vor den spezifischen Herausforderungen des Grünen Hügels zurück, hat sich einer der innovativsten, erfahrensten und erfolgsreichsten unter ihnen glücklich eines Besseren besonnen und beschlossen, seine polyvalenten Talente als Festivalleiter, Operndirektor und Kunstvermittler künftig in den Dienst Richard Wagners zu stellen. Wie die Wagner-Urenkelin und Leiterin des Weimarer Kunstfestes Nike Wagner dieser Zeitung mitteilte, hat sie sich der Zusage Gérard Mortiers für eine gemeinsame Kandidatur um die Leitung der Bayreuther Festspiele versichert. Das Bewerbungsschreiben ist dem Stiftungsrat am gestrigen Sonntag per Fax zugegangen.

Etwas Besseres konnte Bayreuth nicht passieren. Denn wo immer Mortier in den letzten dreißig Jahren gewirkt hat, tat er das mit aufsehenerregendem künstlerischen Erfolg. Wem, wenn nicht ihm, würde man zutrauen, jenes hehre Ziel zu verwirklichen, das in allen bislang eingereichten Konzeptpapieren an oberster Stelle steht: das Ziel, den Festspielen wieder die Vorreiterrolle in der Wagner-Interpretation zu erkämpfen? Von 1981 bis 1991 baute Mortier das Théâtre de la Monnaie in Brüssel mit herausragenden Regisseuren und einem jungen Ensemble hoch qualifizierter Sänger zu einem Zentrum des Musiktheaters auf.

Erfahrungsgesättigt und kreativ

Die Salzburger Festspiele verwandelte er als Intendant in den zehn Jahren darauf in einen privilegierten Ort aufrüttelnder und nachhaltiger ästhetischer Erfahrungen und führte er nebenbei schließlich auch zu neuen ökonomischen Rekorden. Im Ruhrgebiet schuf Mortier mit der Ruhr-Triennale ein internationales Kunstfest, dessen hoher künstlerischer Anspruch sich nach seinem Wechsel an die Pariser Oper im Herbst 2004 leider von seinen Nachfolgern nicht halten ließ. Und auch in Salzburg blicken inzwischen selbst ehemalige Skeptiker wehmütig auf die Ära Mortier zurück. Bis zum Ende dieser Spielzeit profitierte die Pariser Opéra von der erfahrungsgesättigten und kreativen Führung des belgischen Intendanten.

Wenn sich Mortier nun um Bayreuth bewirbt, dann tut er das mit dem von ihm gewohnten Realitätssinn, mit Einsatzbereitschaft und Energie. Mit Beginn der kommenden Saison ist er auch als künstlerischer Leiter der New York City Opera verpflichtet. Die Spielzeit an diesem Haus läuft jeweils von September bis März. Sollte sich - auch dies hat Mortier bereits schriftlich zugesagt - ein Zeitkonflikt mit seinen Aufgaben in Bayreuth ergeben, so würde er Bayreuth den Vorrang geben.

Nike Wagners Souveränität

Nike Wagner hat sich im Einverständnis mit Mortier dazu bereit erklärt, auch ihrer Cousine Eva Wagner-Pasquier die Hand zu reichen, falls diese sich dazu entschließen wolle, wieder an ihren ursprünglichen Plan einer gemeinsamen Kandidatur mit Nike anzuknüpfen. Dass Nike Wagner dies trotz des Loyalitätsbruches tut, den sie erfahren musste, als Eva Wagner-Pasquier vor vier Monaten unerwartet die Koalition wechselte, zeugt von Souveränität und einem der Sache verpflichteten Verantwortungsgefühl.

Was wird nun in Bayreuth geschehen? Die Chance, sich von halbherzigen Kompromissen zu verabschieden und eine künstlerisch wie unternehmerisch vielversprechende Lösung zu finden, bot sich dem Stiftungsrat nie so deutlich wie heute. Schien es bislang, als hätten sich die verantwortlichen Mitglieder des Rates schon mehrheitlich darauf festgelegt, in ihrer Sitzung am 1. September Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier die gemeinsame Festspielleitung zu übertragen, so ist jetzt der Augenblick gekommen, um jene Offenheit des Verfahrens glaubhaft zu machen und zu nutzen, die von den Vertretern des Bundes und des Freistaats auf der Pressekonferenz nach der Stiftungsratsitzung am 29. April beteuert worden war. Will man die Eignung der Kandidaten und die Substanz ihrer Vorschläge ernsthaft prüfen, so muss die Entscheidung gegebenenfalls noch einmal vertagt werden.

Geteilte Meinungen über Katharina

Dies könnte umso mehr angezeigt sein, als innerhalb der im Rat vertretenen Gremien die Meinungen über Katharina Wagner durchaus auseinandergehen. Von Anfang an war die Beteiligung Katharinas das Zugeständnis, das man glaubte, Wolfgang Wagner gegenüber machen zu müssen, um seinen Rücktritt zu erwirken, während Eva Wagner-Pasquier dafür einstehen sollte, diesen Weg verantwortbar zu machen. Große Vorbehalte und harsche Kritik an einem von Vorstandsseite geplanten Votum für die Doppelspitze Katharina-Eva wurden Mitgliedern zufolge auf der letzten Versammlung der finanzkräftigen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ laut. Und auch innerhalb der vier Stämme der Familie Wagner hat man sich nicht auf einen gemeinsamen Vorschlag geeinigt. Gelegenheit dazu besteht noch bis kommenden Freitag.

Dass ein international gefragter Intendant wie Gérard Mortier trotz seiner sicheren Position an der New York City Opera bereit ist, sich mitten in das Bayreuther Wespennest zu setzen und seine Energien unter Umständen sogar exklusiv in die Zukunft der Festspiele zu investieren, zeugt von der immensen Ausstrahlungskraft, die sich das Werk Richard Wagners bis heute bewahrt hat.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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