Phänomen Netrebko

Anna und ich

Von Julia Spinola

Lyrisches Organ mit Charakter: Anna Netrebko als “Manon“ in Wien

Lyrisches Organ mit Charakter: Anna Netrebko als "Manon" in Wien

19. Mai 2007 Salzburg, Sommer 2002, Großes Festspielhaus: Eine zierliche, dunkelhaarige Gestalt stürmt auf die Bühne und stiehlt augenblicklich allen anderen die Schau. Ihre Augen sind schwarz verbunden, die langen Beine ragen unter einem girliehaften Hängerchen hervor, die geschwungenen Lippen öffnen sich für die ersten, furiosen Zeilen der Donna Anna: „Non sperar, se non m'uccidi, ch'io ti lasci fuggir mai!“ (Hoffe nicht, solange ich lebe, dass ich Dich fliehen lasse!) Atemlos werden die Silben in dieser ungeheuren Anfangsszene, mit der uns Mozart unvorbereitet von einem Schrecken in den nächsten stürzt, hervorgeschleudert. Ich richte meine geballte Aufmerksamkeit auf die schlank und volltönend in den Saal geschickten Soprantöne, renke mir schier das Ohr aus beim Versuch, mehr von ihrem außergewöhnlichen Kolorit zu erlauschen: Das muss man genau hören!

Dann, im begleiteten Rezitativ, wenn Donna Anna den Leichnam ihres Vaters entdeckt, spätestens aber im Duett „Fuggi, crudele, fuggi“ verschlägt es mir den Atem: Was für eine Stimme! Groß und homogen ist dieser Ton, das samtige Timbre wird reizvoll abgedunkelt durch eine minimal gutturale Färbung, Fülle und Wärme entfalten sich in den feinen Schwingungen einer gut fokussierten, Vibrato-Exzesse vermeidenden Stimmgebung. Im Piano verliert dieses lyrische Organ nicht an Charakter, in der Tiefe nicht an Farbe. Es büßt im Forte nichts von seinem Schmelz ein und gerät auch in der Höhe niemals schrill oder spitz. Anna Netrebko verfügt über die selten anzutreffende Gabe, reinsten, makellos erscheinenden Wohlklang verströmen zu können.

Dünne Dramatik

Und doch rührt sich während dieser Salzburger „Don Giovanni“-Premiere - in jener Entdeckungs- und Geburtsstunde des Klassik-Pop-Stars und Medienphänomens Netrebko, da die später folgende Werbekampagne samt Badewannen-Videoclip noch nicht einmal zu erahnen ist - in meinem Inneren ein Unbehagen. Etwas passt nicht zusammen. Der Wohlklang dieser gewaltigen Stimme wirkt im Verhältnis zu dem, was mit ihr ausgedrückt wird, zu groß. So wie das silbrig sprudelnde Lachen der Netrebko, wenn sie sich auf ebenfalls zu großen Talkshow-Sofas räkelt, mir oft zu laut erscheint. Das wundervolle Timbre legt sich wie ein schweres Parfüm auf die Sinne. Süß umnebelt, merkt man erst nach und nach, was die Sängerin an Emphase, Dramatik, ja an musikalischem Sinn, wie mir scheint, schuldig bleibt.

Was als Entsetzensausbruch unter die Haut gehen müsste, der Beginn des Rezitativs „Ma qual mai s'offre“, präsentiert glänzend Netrebkos feuriges Temperament. Zu den Worten „Quel sangue . . . quella piaga . . . quel volto“, einer Passage, der Mozart den schwebenden Klang einer nahenden Ohnmacht verlieh, höre ich ein dezent gehauchtes Piano. Der Verzweiflungsschrei vor dem Leichnam des ermordeten Vaters, „Padre mio“, erklingt als stolzer Quartsprung in strammem Forte. Dass die Musik in dieser Oper jene Instanz ist, die das Drama erzeugt - es also nicht nur begleitet, illustriert, untermalt -, das kann ich dem Gesang Anna Netrebkos nur in ganz wenigen vereinzelten Momenten entnehmen. Was für ein Leben vermochte dagegen die große Sena Jurinac dieser Partie in ihrer elektrisierenden Deutung unter Ferenc Fricsay einzuflößen! Wie viel beseelter hat eine Elisabeth Grümmer, trotz ihres harten deutschen Akzentes, die Szene gesungen!

Ohne Witz und Sicherheit

Dritter Akt, Donna Annas zweite Arie, „Non mi dir, bell'idol mio“: Anna versucht dem armen Ottavio ihre standhafte Enthaltsamkeit mit der Trauer um ihren Vater zu begründen, während ihre Gedanken in Wahrheit natürlich nur um Don Giovanni kreisen. Die Koloraturpassage auf das Wort „sentirà“ im Allegretto-Teil der Arie bringt das unverhohlen ans Licht. Hector Berlioz hatte daher ganz recht, als er aus diesem neuneinhalb Takte währenden Jubel „unehrbare Belustigungen“ herauszuhören meinte, denen sich Donna Anna hier mit einem Male hingebe. Diese Passage würde man, da Sena Jurinac nicht mehr auf die Bühne zurückkehren wird, gerne einmal mit Natalie Dessay hören, jener Meisterin mühelos perlender Koloraturen von Händel über Mozart bis Strauss, die noch den halsbrecherischsten Tonkaskaden ohne jene Erdenschwere alle nur erdenklichen Ausdrucksfacetten entlocken kann (und die nebenbei bemerkt ebenfalls jung und hübsch, eine hinreißende Manon und obendrein eine fulminante Darstellerin ist).

Die Netrebko nimmt das Allegretto langsam, um den heiklen Ziergesang, für den ihr Sopran von sich aus nicht wirklich leichtgängig und beweglich genug ist, dennoch in einem absolut nuancenfreien, edlen Gleichmaß absolvieren zu können. Der Witz ist weg. Die Koloraturen am Ende von Elviras Arie „Vien, diletto, é in ciel la luna“ aus Bellinis „I puritani“ tupft sie auf ihrer CD „Sempre libera“ übrigens mit derselben Vorsicht in den Raum, drosselt auch hier das Tempo. Immer wieder stören auch kleine intonatorische Unsicherheiten, Tonhöhen, die, besonders nach Harmoniewechseln oder großen Sprüngen, nicht ganz exakt „getroffen“ werden, sondern eine Spur zu hoch oder zu tief erklingen.

Entwaffnend naive Allüre

Aber ist das nicht alles boshafte Krittelei angesichts des überwältigenden Naturtalentes dieser „Wunderrussin“, wie sie in den Magazinen schon bald genannt wird? Darf ich denn diesem backfischhaft überdrehten, stets mitreißend gute Laune verströmenden Mädel überhaupt etwas vorwerfen, wie es da mit entwaffnend naiver Allüre als Manon auf der Bühne steht, mit einer Bravour ohnegleichen die Gavotte schmettert (der Sopran ist seither muskulöser und dramatischer geworden) und sich an dem eigenen Stimmpotential, der eigenen Schönheit berauscht? „Hört alle her, was ich kann“, scheint sie in einem fort zu singen, und der ganze Saal jubelt mit. Soll ich mich denn da nicht mitfreuen und den balsamischen Glanz dieser unverwechselbaren und zugleich doch seltsam unpersönlichen Stimme einfach nur genießen?

Ein wenig Lüge gehöre zur Schönheit, zitiert Thomas Mann die „Leutehirne“ in seiner „Wunderkind“-Erzählung, denn wo bliebe sonst die Erbauung nach dem Alltag, wenn man nicht ein bisschen guten Willen mitbrächte, fünf gerade sein zu lassen. Verhalte ich mich am Ende wie die spitznäsige Klavierlehrerin in dieser Geschichte, die nur davon träumt, die kräftigen, weißseidenen Wunderkindhändchen einmal mit dem Lineal behandeln zu können?

Brave Tonreihen

Einem Phänomen wie der Netrebko ihre kleinen technischen Unvollkommenheiten vorzurechnen wäre wirklich nichts als beckmesserhafte Erbsenzählerei. Doch je öfter ich sie gehört habe - ob in den Salzburger „Traviata“- und „Figaro“-Aufführungen oder als „Manon“, ob in Recitals oder auf CD, ob in Partien des italienischen oder des russischen Repertoires, solo oder im Duett mit ihrer Traumpaarhälfte Rolando Villazón - desto enttäuschter nahm ich wahr, dass die bezaubernde Stimme einem wunderbar fältchenlosen, verführerisch dunklem Hautteint gleicht, einem weitgehend unbeweglichen Gesicht, das sich Mimik schon aus kosmetischen Erwägungen nicht leisten kann.

Wie sinnlich Anna Netrebkos Timbre ist, wie artifiziell und glatt aber ihre Interpretationen, das irritiert mich immer wieder. Wer einmal ernsthaft Netrebkos Interpretation der Szene und Arie am Ende des ersten „Traviata“-Aktes mit jener der jungen Callas verglichen hat, wird die Mär von einer angeblichen Ähnlichkeit der beiden Diven nie wieder nachplappern. Denn abgesehen von allen offensichtlichen Unterschieden der vokalen Charakteristik, klingen Netrebkos Koloraturen gegen den entgrenzenden Ausdruck anarchischer Lust, wie die Callas ihn in den „Gioir“-Ausrufen entzündet, ungefähr so lebensprall wie eine Runde Standardtanz. Und selbst Tatjanas Briefszene aus dem „Onegin“, eine der herzzerreißendsten Szenen des russischen Repertoires überhaupt, von dem man vor dem Erscheinen des „Russian Album“ noch gehofft hatte, Anna Netrebko sei dort zu Hause, gerät zur unverbindlichen Hochglanzplauderei wie aus der Frauenzeitschrift.

Wenn Anna Netrebko freilich ihre wahrhaft betörenden stimmlichen Möglichkeiten irgendwann dazu benützen würde, leibhaftige Charaktere zu gestalten, wenn sie sich dazu entschlösse, ihren Partien nicht nur wohlgeformte Töne, sondern auch echtes Herzblut zu schenken, dann würde ich ob so viel musikalischer Schönheit vermutlich auf der Stelle tot umfallen.

Text: F.A.Z., 19.05.2007, Nr. 115 / Seite 33
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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